Zahl der Rehe und Hirsche nimmt zu – Schäden machen Probleme

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Stadt St. Gallen,

Die Zahl der Rehe und Hirsche in der Schweiz nimmt zu. Was für magische Begegnungen in der Natur sorgt, bringt aber auch Probleme im Wald.

Rothirsch
In der Schweiz leben immer mehr Rothirsche. (Archivbild aus Schanfigg GR) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • In der Schweiz leben immer mehr Rehe und Rothirsche.
  • Das hat viele Vorteile – doch die Tiere sorgen auch für Ärger im Wald.
  • Wo es viele Hirsche gibt, klagen Bauern zudem unter anderem über Schäden auf Feldern.

Der Hirsch ist zurück in der Schweiz – und das im grossen Stil: Die Zahl der Tiere hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, wie die eidgenössische Jagdstatistik zeigt.

Schätzte das Bundesamt für Umwelt 2005 den Bestand auf rund 26'000 Tiere, waren es 2024 schätzungsweise 39'400.

Die meisten leben in den Kantonen Graubünden (rund 14'200), Tessin (7200), Wallis (5300), Bern (3000) und St. Gallen (2300).

Auch die Zahl der Rehe hat zugenommen, wenn auch weniger deutlich. 2005 schätzte der Bund den Bestand auf rund 126'000 Tiere schweizweit, 2024 auf 140'200.

Das hat viele Vorteile – und sorgt für magische Begegnungen im Wald. Doch es bringt auch Probleme mit sich.

Die Wildtiere knabbern sich nämlich durch unsere Wälder – und ruinieren damit teilweise aufwändige Forstarbeit. Darunter auch Bemühungen, den Wald auf die zunehmende Klimaerwärmung vorzubereiten.

Wälder werden naturnäher – Rehe und Hirsche profitieren

Doch warum haben die Bestände überhaupt zugenommen?

Ein Grund: «Der Hirsch profitiert unter anderem vom grossen Nahrungsangebot durch die intensivere Landwirtschaft», sagt Simon Meier zu Nau.ch.

Er ist Leiter der Abteilung Jagd des Kantons St. Gallen. Einem der Kantone, in dem sich der Rothirsch in den letzten Jahren weit ausbreitete.

Laut der Jagdstatistik leben hier inzwischen geschätzt 2300 Hirsche. Vor zehn Jahren ging man mit rund 1400 von fast 1000 Tieren weniger aus. Nur ein Teil der Zunahme ist neuen Erhebungs- und Berechnungsmethoden geschuldet.

Für das schweizweite Populationswachstum gibt es jedoch noch weitere Gründe. Jägerin, Forst- und Wirtschaftsingenieurin Melitta Maradi ergänzt: «Unsere Wälder sind zuletzt naturnäher geworden. Davon profitieren die Tiere.»

Unter anderem, weil sie mehr Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten bieten. «Und auch die milderen Winter unterstützen das Populationswachstum», ergänzt Meier.

Mehr Spuren im Wald

Die Zahlen aus der Jagdstatistik sind aber auch mit Vorsicht zu geniessen, mahnt Maradi. Denn: «Wildtierbestände lassen sich nur schätzen.»

Zudem können die Tiere laut der Expertin immer besser gezählt werden – etwa mit Wärmebildkameras, die es früher nicht gab. Hinzu kommt: «Jeder Kanton zählt leicht anders.»

hirsche
Melitta Maradi ist Forst- und Wirtschaftsingenieurin, Jägerin und Geschäftsführerin von Wildtier Schweiz. Die Organisation setzt sich dafür ein, Wildtiere und Wildtierforschung bekannter zu machen. - zVg

An der Entwicklung ändert das aber nichts. «Eine Zunahme der Reh- und Hirschbestände über die Jahre lässt sich dennoch ableiten.»

Die Folge: Mehr Wildeinfluss – also Spuren, die vor allem Hirsche, aber auch Rehe, hinterlassen.

Hungrige Hirsche stellen Klimaschutz vor Probleme

Stark betroffen sind Wald und Forstwirtschaft.

«Es gibt Verbiss und sogenannte Fegeschäden. Beim Hirsch kommen Schälschäden dazu», erklärt Melitta Maradi.

Fegeschäden entstehen, wenn Böcke die behaarte Hautschicht von ihrem Geweih an Bäumen abwetzen. Von einem Schälschaden spricht man, wenn eine Hirschkuh oder ein Junges den Bäumen die Rinde abfressen.

Hast du schon einmal einen Hirsch in freier Wildbahn gesehen?

«Oft ist das Problem, dass es ja in einem Wald Hirsch und Rehe hat», erklärt Maradi. «Beides zusammen kann dann für die Verjüngung zu viel sein.»

Heisst: Junge Bäume wachsen nicht weiter und können abgestorbene oder gefällte alte Bäume nicht ersetzen. Der Wald droht dann also zu schrumpfen.

Verbiss
Eine von Wild beschädigte Tanne. - WSL

Problematisch ist das auch im Hinblick auf den Klimawandel: Förster pflanzen heute schon Baumarten, die besser an das Klima der Zukunft angepasst sind. In 50 Jahren sollen sie dafür sorgen, dass der Wald trotz gestiegener Temperaturen erhalten bleibt.

«Genau diese Baumarten fressen die Wildhuftiere aber besonders gerne. Deshalb müssen Pflanzungen stets geschützt werden», sagt Meier von der St. Galler Jagdbehörde.

Ein Zusatzaufwand, der nicht nur für Frust sorgt – sondern natürlich auch Geld kostet.

Bündner geben 1,4 Millionen für Schaden-Verhütung aus

Ein Kosten-Beispiel: Die Bündner Forstbetriebe gaben 2024 über 1,4 Millionen Franken für Wildschaden-Verhütungsmassnahmen aus. Das heisst es in einem Bericht des Amts für Wald und Naturgefahren.

Im Zehn-Jahres-Vergleich befinden sich die Kosten um 12 Prozent über dem Durchschnitt.

Doch damit nicht genug: Das Ausmass der Schäden im Wald liegt laut Bericht noch weit über den jährlich ausgewiesenen Kosten für Verhütung.

Nicht nur im Wald gibt es Probleme. Auch die Landwirtschaft ist betroffen – vor allem in Graubünden, wo mit Abstand die meisten Hirsche leben. Kostenpunkt im Jahr 2024: Gut 51'000 Franken, wie der Kanton auf Anfrage mitteilt.

Hirsch-Schäden in Bern haben sich mehr als verdoppelt

Bern, Wallis und St. Gallen weisen die Entschädigungs-Zahlen für Schäden in Wald und Landwirtschaft zusammengefasst aus.

Im Kanton Bern haben sich die Hirsch-Schadenzahlen in den letzten sieben Jahren mehr als verdoppelt: Sie sind von 57'000 Franken 2017 auf 122'000 Franken 2024 gestiegen.

St. Gallen zahlte in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 1000 Franken für Rothirsch-Schäden pro Jahr, wie es auf Anfrage heisst.

Im Wallis wurden laut der kantonalen Jagdstatistik 2024 rund 14'000 Franken Entschädigung wegen Hirschschäden bezahlt.

In allen drei Kantonen sind dabei die Beträge für Landwirtschaftsschäden höher. Das ist allerdings irreführend. Die Schäden im Wald sind von weit grösserem Ausmass, sind aber schwieriger in Zahlen zu fassen.

Würdest du Hirsch- und Reh-Spuren im Wald erkennen?

Die langfristigen Schäden, die im Wald entstehen, schlagen sich schliesslich nicht in den Beträgen nieder.

Sie zeigen höchstens die Kosten für die Pflanzung neuer Bäume. Und die sind geringer als die Kosten für den Ersatz von landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion des Kantons Bern lässt auf Anfrage von Nau.ch verlauten: «Der Erntewert ist pro Are in der Landwirtschaft oft höher als im Wald. Und die Anzahl Gesuche im Wald ist deutlich geringer als bei landwirtschaftlichen Kulturen.»

Bündner Bauern klagen über «relativ grosse Schäden»

Ignorieren lassen sich die Auswirkungen – vor allem von Hirschschäden – auf Bauern und Bäuerinnen dennoch nicht.

Thomas Roffler, Präsident des Bündner Bauernverbands, sagt zu Nau.ch: «Bei uns gibt es relativ grosse Schäden an den landwirtschaftlichen Kulturen, weil wir einen extrem grossen Hirschbestand haben.»

tuberkulose
In der Vorarlberger Hirschpopulation ist Tuberkulose verbreitet – bei Überwanderungen können die Hirsche auch Schweizer Nutztiere anstecken. (Archivbild) - keystone

Wenn infizierte Hirsche aus dem Vorarlberg überwandern, können sie zudem Rinder mit Tuberkulose anstecken. Die Krankheit ist in der Population des österreichischen Grenzgebiets seit Jahren verbreitet.

Sowohl Roffler als auch Bauern aus dem Wallis, Bern und St. Gallen berichten Nau.ch von grösseren Hirsch-Ansammlungen auf landwirtschaftlichen Feldern.

Das ist für die Bauern ein Problem, wie Leana Waber vom Berner Bauernverband zu Nau.ch sagt: «Es ist die Menge, die es ausmacht. Die Tiere sind relativ schwer und hinterlassen darum Trittschäden.»

Zudem würden sie den Nutztieren das Gras wegfressen. Die Folge: «Wir erhalten viel mehr Anfragen von Bauern wegen Hirsch-Schäden als früher.»

«Über 100 Hirsche» auf Wiesen und Feldern

Obwohl die Population grösser ist als in Bern, verursachen «Hirsche im Wallis in der Regel keine grossen wirtschaftlichen Schäden». Das sagt Katharina Kuonen vom Oberwalliser Bauernverband.

Das liege daran, «dass wir deutlich weniger Ackerflächen und mehr Weideland haben als die ‹flacheren› Kantone».

Hirsch
Sowohl in Graubünden, Bern, Wallis und St. Gallen kommt es immer wieder zu grösseren Ansammlungen von Hirschen auf landwirtschaftlichen Flächen. (Archivbild) - keystone

Einen einzigen Fall, der für «Aufsehen und Unmut» sorgte, gab es laut Kuonen in den letzten Jahren jedoch: «Dies, als über 100 Hirsche aus dem Banngebiet Aletschwald in den tieferen Lagen Schäden auf Wiesen und Feldern verursachten.»

Auch in St. Gallen ist es schon zu grösseren Hirsch-Ansammlungen gekommen, wie Hansruedi Thoma vom St. Galler Bauernverband Nau.ch berichtet.

Hirsch-Schäden, die in der Landwirtschaft für «Unverständnis» sorgten, sind ihm aus der Gemeinde Schänis bekannt. «Im Sommer berichteten mir vier Bauern, wie die Hirsche ihre Weiden abgrasen», erzählt er.

Kantone starten Sonderjagden

Und die Lösung?

In Graubünden und Bern starteten im November Sonderjagden auf Hirsche. Der Kanton Graubünden ist bereits länger dabei, den Bestand zu regulieren. Er nahm bis 2020 zu, seither «konnte er um 17 Prozent reduziert werden», heisst es auf Anfrage.

Hirsche
Wird in der Schweiz gejagt: Der Rothirsch. (Archivbild 2017) - keystone

In St. Gallen wird seit mehreren Jahren gezielter gejagt – der Fokus liegt auf Hirschkühen und Jungtieren. 2024 wurden im Kanton zwar so viele Hirsche geschossen wie noch nie. Trotzdem waren es nicht genug, um die Population zu senken.

Das Problem zu lösen, ist nämlich gar nicht so einfach.

Meier von der St. Galler Jagdbehörde erklärt: «Heute ist das Ziel der Waldbesitzer ein gesunder, naturnaher Wald – das hilft auch den Wildtieren. Gleichzeitig erschwert es aber die Jagd auf Hirsche

Im Dickicht können sich die Tiere gut verstecken, erklärt Der Experte.

«24-Stunden-Spassgesellschaft» drängt Hirsch in schwer erreichbare Gebiete

Ein weiteres Problem: «Unsere 24-Stunden-Spassgesellschaft», sagt Wildtierexpertin Melitta Maradi. Die vielen Menschen in der Natur stören Rehe und insbesondere die scheuen Hirsche.

Sie ziehen sich deshalb in Gebiete zurück, die für den Menschen schwer zu erreichen sind, wie Meier erklärt.

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Schweizerinnen und Schweizer verbringen gerne Zeit in der Natur – das treibt den Hirsch in schwer erreichbare Gebiete. (Archivbild) - keystone

Das sind oft steile, unzugängliche Schutzwälder, in denen die Jagd noch schwieriger ist. Genau dort sei die nachhaltige Waldverjüngung am wichtigsten.

Darum fordert Meier: «Es ist wichtig, dass die Lebensräume beruhigt werden. Nicht nur für den Wildtierschutz, sondern auch für das Verhindern von Wildschäden.»

Jagd «kein Allheilmittel»

Maradi betont aber auch, dass es «kein Allheilmittel» sei, die Rothirsche und Rehbestände überall zu dezimieren. «Auch die Wildhuftiere gehören in unsere Kulturlandschaft.»

Wo ihre Bestände gleich bleiben können, anwachsen dürfen oder gesenkt werden müssen, hängt immer von zahlreichen Bedürfnissen ab. Auch menschlichen. «Und dazu braucht es immer den Dialog von allen Beteiligten.»

Löst der Wolf das Problem?

Einen natürlichen Lichtblick gibt es punkto Wildschäden ohnehin: Auch der Wolf ist bekanntlich zurück in der Schweiz. Obwohl vielen unlieb, kann er helfen, Schäden durch Rehe und Hirsche einzudämmen.

«Das ist je nach Region bereits der Fall», sagt Maradi.

Was ist deine Meinung zum Wolf?

Dieser Effekt freut auch den Schweizer Tierschutz STS, der die ganzen Jagd-News natürlich ungern zur Kenntnis nimmt.

«Die Rückkehr natürlicher Feinde wie Luchs und Wolf wird begrüsst», sagt STS-Wildtierökologin Andrina Herren zu Nau.ch.

Denn: «Sie tragen zu einer natürlichen Regulation bei, was die Notwendigkeit einer intensiven Bejagung infrage stellen kann.»

Populationswachstum hat auch viele Vorteile

Zusammengefasst: Ja, die wachsenden Reh- und vor allem Hirschpopulationen führen lokal zu mehr Schäden. Aber sowohl Maradi als auch Meier relativieren.

«Kein Tier ist einfach nur ein Schädling», stellt Maradi klar.

Reh
Dass es in der Schweiz mehr Rehe und Hirsche gibt, hat auch positive Seiten für Mensch und Natur. (Archivbild aus Deutschland) - keystone

Dass sich sowohl die Reh- als auch die Hirschpopulationen vergrössert haben, habe auch eine positive Seite. «Was gibt es Schöneres, als auf einem Spaziergang Wildtieren zu begegnen?»

Huftiere wie Rehe und Hirsche hätten zudem eine wichtige Funktion in verschiedenen natürlichen Kreisläufen und positive Wirkung auf die Biodiversität.

Freut es dich, dass es mehr Hirsche und Rehe gibt?

Ein Beispiel: «Sie sind wichtig für die Verbreitung der Samen von Samenpflanzen. Sei es über die Samen, die im Fell hängenbleiben, oder über die Verdauung.»

Meier betont, dass die Hirsche sich nur ihren alten Lebensraum zurückerobern. «Bevor wir sie ausgerottet haben, lebten Hirsche auch im Flachland.»

Kommentare

User #5406 (nicht angemeldet)

Wieso muss man immer Wölfe abknallen. Dä hätte es Futter für die Wölfe. In der Schweiz werden einfach zuviele Tiere grundlos abgeknallt.

User #3411 (nicht angemeldet)

Was ist denn besser, wenn ein Reh am jungen Tannenbäumchen frisst oder wenn der Menach es für ein paar Tage im Wohnraum aufstellt und danach wegwirft?

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