Winterthurerin: «Nicht einfach am Arm packen – das erschreckt»
Der Schweizer Blindenbund kritisiert, dass barrierefreies Reisen noch nicht überall möglich ist. Wie sieht das in Winterthur aus?

Am 15. Oktober ist der Internationale Tag des Weissen Stocks, der auf die Anliegen von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam machen soll. In diesem Jahr stellt der Schweizer Blindenbund das Thema Reisen im öffentlichen Verkehr in den Fokus und weist darauf hin, dass die gesetzlich vorgeschriebene Barrierefreiheit im ÖV auch drei Jahre nach der Umsetzungsfrist noch nicht überall erreicht ist.
«Jede Reise beginnt für blinde und sehbehinderte Menschen lange vor dem Einsteigen. Routen planen, Gleisänderungen prüfen, Orientierungshilfen suchen und im Zweifelsfall fremde Personen um Unterstützung bitten: Was für andere selbstverständlich ist, bedeutet für viele Betroffene täglichen Mehraufwand», schreibt der Blindenbund.
Wer den öffentlichen Verkehr nicht selbstständig nutzen kann, werde im Alltag und in seiner gesellschaftlichen Teilhabe eingeschränkt. Aber «Barrierefreie Mobilität ist kein Privileg, sondern ein Recht», sagt Dominik Gertschen, Präsident des Schweizerischen Blindenbundes.
Wie sieht die Situation in Winterthur aus? Janka Reimmann, die seit ihrem achten Lebensjahr sehbehindert ist, zeigt am Bahnhof Winterthur die Fallstricke.
Akustische Signale
Gleich vorneweg: Reimmann gibt der Stadt Winterthur gute Noten. «Das Leitsystem am Bahnhof Winterthur funktioniert gut. Ich wohne seit zehn Jahren hier und kann mich nicht beklagen», sagt sie. Mit Leitsystem meint sie die weissen, haptischen Linien am Boden.

Sie sind wie Hinweisschilder für sehbehinderte und blinde Menschen. «Hier bemerke ich eine Kreuzung, nach oben führt ein Weg zu den Gleisen», sagt Reimmann in der Bahnhofsunterführung, während sie nach dem Geländer tastet. Dort steht in Blindenschrift, bei welchem Gleis sie sich befindet.
Reimmann reist regelmässig mit dem ÖV durch die Schweiz, meist in Begleitung ihres Blindenhundes Oreo. Der schwarze Labrador führt sie geschickt durch die Fussgängerströme an Hindernissen vorbei. «Ohne ihn bin ich nicht so sicher unterwegs», sagt sie.
Heute will sie nach Aarau fahren. Aber auf welchem Gleis fährt der Zug? Auskunft gibt die elektronische Infotafel etwas abgelegen im nördlichen Teil des Bahnhofs.
Auf Knopfdruck wird der Fahrplan hier vorgelesen. «Leider funktioniert die Tafel in der Unterführung seit Längerem nicht», so Reimmann.
Winterthurer sind hilfsbereit
Das Gleis ist schnell gefunden. Reimmann macht auf ein Problem aufmerksam, das Sehende nicht kennen. «Der Zug rollt an, aber wie finde ich nun die Tür?», fragt sie und kennt natürlich die Antwort: Die Züge, wenn auch nicht alle, geben ein akustisches Signal, wo sich die Tür befindet.
Im Zug ist Reimmann dankbar um Hilfe, wenn es darum geht, einen freien Platz zu finden. «Ärgerlich sind Velo oder Koffer, die den Weg versperren», sagt sie. Entscheidend sei, wie geholfen wird.
«Man soll uns nicht einfach am Arm packen und führen, das erschreckt mich. Wer helfen will, soll immer zuerst fragen, ob Hilfe überhaupt benötigt wird», sagt Reimmann. Kürzlich habe ihr im Zugabteil jemand gerufen: «Kommen Sie, da hat es einen freien Platz.» Das sei zwar lieb gemeint, helfe ihr aber wenig bei der Orientierung.
«Ich weiss ja nicht, wo ‹da› ist. Besser, man sagt: ‹In drei Schritten ist rechts ein freier Platz› oder ähnliches», sagt Reimmann. Grundsätzlich erlebe sie die Menschen in Winterthur als «sehr hilfsbereit». Dank einer akustischen Ansage im Zug weiss sie auch, wann sie am Zielort angekommen ist und aussteigen muss.
«Das funktioniert auch nur, wenn es einigermassen leise ist im Zug. Ist es zu laut, verstehe ich die Durchsage nicht», erklärt Reimmann. Die Unterschiede beim Reisen in der Schweiz sind gross. Der Blindenbund spricht von einem Stadt-Land-Graben.
«Beim städtischen ÖV läuft bereits vieles sehr gut, ländlich ist bei Weitem noch nicht alles barrierefrei. Vor allem die Leitlinien fehlen in ländlichen Gebieten oft», so eine Stimme aus der Mitgliederbefragung des Schweizer Blindenbundes.
Verbesserungspotenzial
Auch wenn Reimmann der Stadt gute Noten gibt, mögliche Verbesserungen gibt es durchaus. So wünscht sie sich etwa ein Leitsystem, das sie von der Stadthausstrasse zum Stadtpark führt. «Ich finde nie den Eingang», sagt sie.
Allgemein fehle auf der Stadthausstrasse eine Orientierung für blinde und sehbehinderte Menschen. «Ich wünsche mir an drei Orten eine Markierung, wo ich die Strasse überqueren kann. Wie oft bin ich schon über die Strasse und auf der anderen Seite in einen Veloständer gelaufen», sagt sie. Ein Ärgernis ist für sie nach wie vor die Ampel, die von den Archhöfen zum Bahnhof führt.
Diese gibt in der Grünphase nicht mehr automatisch ein akustisches Signal. Um dieses zu aktivieren, muss der Knopf an der Unterseite des Drückers betätigt werden. «Wenn ich jeweils zum Pfosten drängeln muss, um den Knopf zu drücken, ist das mühsam. Gerade mit dem Blindenführhund», so Reimmann.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.








