Stadt Zürich

Wie steht es wirklich ums Zürcher Gewerbe?

Pia Meier
Pia Meier

Zürich,

Nach 13 Jahren an der Spitze des Gewerbeverbands der Stadt Zürich tritt Nicole Barandun zurück. Im Interview spricht sie über den zunehmenden Druck auf KMU.

Nicole Barandun
Nicole Barandun: «Produzierendes Gewerbe braucht Platz, Zufahrt, Lagerflächen – und etwas Toleranz.» - PD

Redaktion: Als Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich (GVZ) stehen für Sie die Anliegen der Gewerbetreibenden in der Stadt im Mittelpunkt. Wie haben sich diese Anliegen in den vergangenen 13 Jahren verändert?

Nicole Barandun: Eigentlich erfüllt das Gewerbe alles, was sich eine Stadt wie Zürich wünscht: Wir halten die Infrastruktur in Schwung und produzieren nachhaltig in der Nähe, mit kurzen Wegen zu unseren Kundinnen und Kunden.

Wir pflegen, was die Leute lieben, und reparieren Dinge, die sonst oft einfach weggeworfen würden – in unserer Wegwerfgesellschaft ist das Gold wert.

Wir verkörpern damit die Kreislaufwirtschaft, ohne dass das immer gross auffällt. Unsere Grundanliegen sind gleich geblieben: Erreichbarkeit, bezahlbare Gewerbe- und Verkaufsräume, Regeln mit gesundem Menschenverstand.

Die Rahmenbedingungen sind aber anspruchsvoller geworden – mit höheren Kosten und mehr Konkurrenz um Flächen. Die Städter sind empfindlicher geworden. Etwas mehr Gelassenheit wäre schön.

KMU.
«Der Druck ist spürbar», sagt Nicole Barandun. - Adobe Stock

Redaktion: Sie monierten, dass das Gewerbe vergessen werde. Betriebe müssten die Stadt verlassen, weil es an Parkplätzen und bezahlbaren Lokalen fehle. Steht es wirklich so schlimm ums Gewerbe?

Barandun: Es gibt viele starke und innovative Betriebe in der Stadt, aber der Druck ist spürbar. Wer auf Kundennähe, Werkstattflächen oder gute Erreichbarkeit angewiesen ist, merkt die Entwicklung hin zur teuren, verdichteten Stadt sehr deutlich. Für gewisse Betriebe wird es tatsächlich schwierig, hier zu bleiben.

Redaktion: Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen?

Barandun: Ja, grosse. Eine Quartierbäckerei oder ein Coiffeur haben andere Bedürfnisse als ein Gipser oder eine Schreinerei. Produzierendes und handwerkliches Gewerbe braucht Platz, Zufahrt, Lagerflächen – und etwas Toleranz für Lärm und Anlieferungen.

Ein Bäcker und ein Metzger leben nicht nur von der lokalen Laufkundschaft. Auch der Kunde mit dem Auto auf der Durchfahrt ist wertvoll. Diese Unterschiede müssen in der Politik besser berücksichtigt werden, sonst gehen uns wichtige Angebote im Quartier verloren.

Redaktion: Setzt sich die Stadtregierung Ihrer Meinung nach genug fürs Gewerbe ein?

Barandun: In Gesprächen spüre ich durchaus Verständnis. Aber zwischen Zuhören und Entscheiden klafft oft eine grosse Lücke: In der Abwägung stehen andere Ziele im Vordergrund.

Es braucht mehr praxistaugliche Lösungen, kürzere Wege in der Verwaltung und die Frage: Was bedeutet ein Projekt konkret für die Betriebe im Quartier? Wenn man nach der Zufriedenheit der Unternehmen in der Stadt fragt und sie über viele Jahre schlechte Noten geben, sollte das nicht nur zu denken geben, sondern Anlass zum Handeln sein.

Redaktion: Was haben Sie erreicht – worauf sind Sie besonders stolz?

Barandun: Stolz bin ich darauf, dass das Gewerbe in der Stadt wieder eine hörbare Stimme bekommen hat. Das hat auch damit zu tun, dass wir uns auf unsere Kernthemen konzentrieren.

Wir konnten Themen wie Erreichbarkeit, Berufsbildung und Raum fürs Gewerbe langfristig auf die Agenda setzen – und auch durchhalten, wenn es mühsam war. Besonders freut mich, wie stark heute über die Bedeutung der KMU für die Stadt gesprochen wird.

Zürich Stadt
Blick über die Stadt Zürich. - keystone

Redaktion: In der Stadt werden laufend Parkplätze abgebaut. Welche Folgen hat dies für die Handwerkerinnen und Handwerker?

Barandun: Für Handwerkerinnen und Handwerker zählt im Alltag jede Minute. Sie müssen Werkzeug, Material und Mitarbeitende dorthin bringen, wo gearbeitet wird. Wenn Zufahrten und nahe Parkmöglichkeiten fehlen, kostet das Zeit, Nerven und am Ende auch Geld.

Das wird manchmal unterschätzt. Meist organisiert die Verwaltung den Handwerker und bezahlt die Mehrkosten und nicht der Mieter – jedenfalls nicht sofort.

Redaktion: Wie schätzen Sie den Widerstand gegen die erweiterte Gewerbeparkkarte ein?

Barandun: Die erweiterte Gewerbeparkkarte wäre im Alltag eine spürbare Entlastung und ist das Resultat eines langen politischen Wegs, rund zwölf Jahre nach dem ersten Vorstoss im Gemeinderat. Umso bedauerlicher ist es, dass sie derzeit durch Rekurse blockiert ist.

Die Karte würde uns erlauben, in Ausnahmefällen das Auto auf dem Trottoir abzustellen. Grundsätzlich gilt: Auch wir halten uns an klare Regeln und bemühen uns, rücksichtsvoll zu parkieren. Etwas mehr Verständnis für die Rolle der Betriebe in der Stadt würde helfen.

Sollte auf das Gewerbe in der Stadt Zürich mehr Rücksicht genommen werden?

Redaktion: Gleichzeitig befürworten Sie Veloinfrastruktur und Fussgängerzonen. Warum?

Barandun: Weil eine lebendige Stadt mit sicheren Wegen für Velos und Fussgänger allen nützt – auch den Läden und Restaurants. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein kluges Sowohl-als-auch: Gute Velowege ja, attraktive Fussgängerbereiche ja, aber mit mitgedachten Lösungen für Handwerk und Lieferverkehr.

Redaktion: Warum treten Sie als Präsidentin des GVZ zurück?

Barandun: Nach 13 Jahren ist ein guter Moment für frische Kraft an der Spitze. Das Ringen mit der Stadt braucht Energie, einen langen Atem und neue Ideen. Ich bleibe dem Gewerbe verbunden, aber ich finde es richtig, wenn jemand anderes die nächsten Kapitel schreibt.

Beruflich wie politisch werde ich mich weiter für gute Rahmenbedingungen für die KMU einsetzen. Ohne starke KMU und engagierte Ausbildungsbetriebe wäre Zürich nicht die Stadt, in der wir so gerne leben.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.

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