Werden Lernende von den Betrieben zu früh allein gelassen?

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Jedes Jahr verunfallen in der Schweiz 23’000 Lernende bei der Arbeit. Gewerkschaften sehen schwere Betreuungs-Mängel. Verbände widersprechen – mehrheitlich.

Lernende Arbeitsunfälle
Das Unfallrisiko in der Lehre ist laut Suva fast doppelt so hoch wie bei Ausgelernten. Gewerkschaften sehen schwere Mängel bei Betreuung, Zeit und Verantwortung. - keystone/freepik

Das Wichtigste in Kürze

  • Jährlich verunfallen in der Schweiz rund 23’000 Lernende im Beruf, zwei sterben.
  • Besonders gefährlich sind Lehren auf Baustellen, im Wald und mit Maschinen.
  • Der Gewerkschaftsbund kritisiert fehlende Betreuung, Zeitdruck und zu viel Verantwortung.
  • Branchenverbände widersprechen, sehen teils aber mehr Zeitbedarf für Begleitung.

Es ist eine eindrückliche Zahl: In der Schweiz verunfallen jedes Jahr rund 23’000 Lernende im Beruf. Zwei von ihnen sterben sogar.

Laut Suva erleidet damit jährlich jeder achte Lernende einen Berufsunfall. Das Risiko liegt fast doppelt so hoch wie bei ausgelernten Arbeitnehmenden.

Besonders gefährdet sind junge Menschen dort, wo ohnehin hart und risikoreich gearbeitet wird: auf Baustellen, im Wald, mit Maschinen, Werkzeugen, schweren Lasten oder in unwegsamem Gelände.

In der Forstwirtschaft verunfallt laut Suva fast jeder zweite Lernende während der Lehrzeit.

Auf Schweizer Baustellen ereigneten sich im Jahr 2024 über 58’000 Unfälle, rund 4700 betrafen Lernende. Schwerwiegende Folgen haben vor allem Abstürze, Unfälle mit Baumaschinen und beim Anschlagen von Lasten an Kranen.

Gewerkschafter werfen den Betrieben Versagen vor

Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) ist klar: Die Zahlen sind kein Naturgesetz. Sie seien Ausdruck eines Systems, in dem der Schutz der Lernenden im Betriebsalltag zu oft ins Hintertreffen gerate.

In einer aktuellen Mitteilung schreibt der SGB: «Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben sind Gesundheitsschutz und Sicherheit der Lernenden nicht gewährleistet.»

Ein zentrales Problem sieht der Gewerkschaftsbund bei der Betreuung. Lernenden fehlten Erfahrung und Routine. Umso wichtiger wären Anleitung, Aufsicht und genügend Zeit durch Berufsbildnerinnen und Berufsbildner.

Doch genau dort hapere es. Der SGB schreibt: «Dreiviertel aller Berufsbildnerinnen und Berufsbildner verfügen über keinerlei Zeit für die Ausbildung und Begleitung der Lernenden.»

Besonders kritisiert der Verband, dass von Jugendlichen erwartet werde, gefährliche Situationen selbst zu erkennen und im Zweifel «Stopp» zu sagen.

Solche Kampagnen seien zwar «richtig und wichtig». Doch der SGB warnt: «Den oftmals minderjährigen Lernenden die Verantwortung zuzuschieben, ist höchst problematisch.»

Lernende hätten in Betrieben eine schwache Stellung und könnten sich oft nicht gegen gefährliche Situationen wehren. «Arbeitssicherheit ist eindeutig eine Führungsaufgabe und darf nicht auf Lernende abgewälzt werden.»

Im Raum steht der Vorwurf, dass die Ausbildung im Betrieb unter Produktivitätsdruck gerät. Die Kernfrage lautet also: Werden Lernende zu früh, zu selbstständig oder zu stark als Arbeitskräfte eingesetzt?

Baumeisterverband: «Fehlende Zeit ist sicherlich ein Thema»

Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) betont zunächst, dass er nur für das Bauhauptgewerbe spreche. Also für die klassische Bauarbeiter-Ausbildung von Maurerinnen und Maurern, die wie andere Bauberufe von Unfällen mit Lernenden betroffen ist.

«Es verunfallen nicht mehr Lernende als altgediente Angestellte, umso tragischer ist jeder Vorfall», sagt Sprecherin Johanne Stettler.

Gleichzeitig anerkennt der Baumeisterverband einen wunden Punkt: Die Zeit.

Der SBV betont zudem, dass er nur für das Bauhauptgewerbe spreche. Also für die klassische Bauarbeiter-Ausbildung von Maurern.

Stettler sagt: «Die fehlende Zeit für eine einwandfreie und professionelle Begleitung der Lernenden ist sicherlich ein Thema, das berücksichtigt und behandelt werden muss.»

Darum habe der Verband in seiner Wegleitung für Lehrbetriebe eine Minimal-Arbeitszeit definiert, die Berufsbildner für Betreuung und Begleitung aufwenden müssten.

Arbeitsunfall Bau Baustelle
«Nur wenn Sicherheit über die gesamte Dauer eines Bauprojekts hinweg konsequent Priorität hat, lassen sich Unfälle nachhaltig reduzieren», hält der Schweizerische Baumeisterverband fest. - depositphotos

Stettler verweist zudem auf die reformierte Grundbildung. Lernende sollten bestimmte Aufgaben zunehmend selbstständig ausführen. Das bedeute aber nicht, dass die Verantwortung auf Jugendliche abgeschoben werde.

Vielmehr gehe es darum, sie Schritt für Schritt zu befähigen, Risiken einzuschätzen, nachzufragen und im Zweifel «Stopp» zu sagen.

Bemerkenswert ist: Bei den möglichen Verbesserungen nennt auch der Baumeisterverband Punkte, die nahe an der Kritik des Gewerkschaftsbundes liegen.

Hattest du schon einmal einen Arbeitsunfall?

Auf Baustellen müsse genügend Zeit für sichere Arbeit eingeplant werden. Enge Termine und kurzfristige Änderungen erhöhten den Druck. Verantwortung trügen deshalb nicht nur die Betriebe, sondern auch Bauherren und Auftraggeber.

Stettler sagt: «Sicherheitsrelevante Vorgaben, realistische Bauprogramme und genügend zeitliche Ressourcen müssen bereits in der Planung berücksichtigt werden. Nur wenn Sicherheit über die gesamte Dauer eines Bauprojekts hinweg konsequent Priorität hat, lassen sich Unfälle nachhaltig reduzieren.»

Wald Schweiz: «Mangelnde Sicherheit kein Thema»

Und wie steht die Forstwirtschaft dem Vorwurf mangelnder Betreuung gegenüber?

Ralph Möll, Chefredaktor von «Wald und Holz» bei Wald Schweiz, hält fest: «Da muss Wald Schweiz klar widersprechen: In der Forstbranche werden die Lernenden intensiv ausgebildet, begleitet und betreut, und zwar von erfahrenen Fachleuten.»

Dass es im Wald viele Unfälle gibt, erklärt Möll vor allem mit der Arbeit selbst. Waldarbeit finde unter schwierigen Bedingungen statt. «Diese Bedingungen sind gegeben und können kaum verändert werden.» Holzerei gelte als Arbeit mit besonderen Gefahren.

Häufige Unfallursachen seien Stürze, Fehltritte und Ausgleiten – also Ereignisse, die stark mit Gelände, Wetter und Natur zusammenhängen. «Die meisten Verletzungen im Forst ereignen sich bei der Holzerei.»

forstarbeiten
Waldarbeit findet unter schwierigen Bedingungen statt. «Diese Bedingungen sind gegeben und können kaum verändert werden», betont Wald Schweiz. - keystone

Zeit- oder Produktionsdruck lässt Möll als Erklärung nicht gelten. «Mangelnde Sicherheitsmassnahmen oder Zeitdruck sind während der Ausbildung definitiv kein Thema», sagt er. Forstbetriebe müssten ein Sicherheitskonzept haben.

Zudem werde regelmässig überprüft, ob Lernende die nötigen Kompetenzen für gefährliche Arbeiten hätten. Reichten diese nicht aus, müsse die Lerneinheit wiederholt werden.

Auch Möll verteidigt das Prinzip Eigenverantwortung. Jugendliche, die Forstwart werden wollten, entschieden sich bewusst für einen Outdoorberuf mit hoher Verantwortung.

Diese sei Teil der Ausbildung. «Die Verantwortung wird nicht auf Jugendliche verlagert. Sondern die Lernenden werden Schritt für Schritt ausgebildet und begleitet, um Verantwortung zu übernehmen.»

Kommentare

User #1348 (nicht angemeldet)

Bei meiner Tochter die eine Handwerker Beruf gelernt hatte wurde zu wenig auf die Kraft ruecksicht genommen? Am Morgen manchmal um ca 5.30 losfahren dann nach 19.00 zuhause dafuer noch Hausaufgaben haben? Ist ein langer Tag.

User #4094 (nicht angemeldet)

Learning-by-doing. Gruss Bäcker vong Unterhaltung.

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