«Verstehe Frust, aber die Schuld den Expats zu geben, ist falsch»
Als Expat in Zürich anzukommen, ist nicht immer einfach. Influencerin Cristina Rúbies Bedós erklärt, wie Integration trotzdem gelingen kann.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Leben als Expat ist oftmals schwer, auch in Zürich.
- Expat-Influencerin Cristina Rúbies Bedós erlebte ihr Ankommen als «richtig hart».
- Im Interview erklärt sie, warum Sprache und Vertrauen zentrale Hürden sind.
Tsüri.ch: Viele Zürcher:innen haben das Vorurteil, Expats lebten in einer Blase, machten Freundschaften nur untereinander und sprechen kaum Deutsch. Passt das zu deiner Erfahrung?
Cristina Rúbies Bedós: Ja, das stimmt oft – aus verschiedenen Gründen. Die Sprache ist einer der wichtigsten. Wer kein Deutsch spricht, kann nicht erwarten, mit offenen Armen empfangen zu werden.
Zürcher:innen haben ihren Freundeskreis und alle müssten die Sprache wechseln, was die Dynamik der Gruppe natürlich verändert. Hinzukommt, dass Expats oft nach ein paar Jahren wieder wegziehen.
Ich habe mal eine Zürcherin gefragt, warum es so schwer sei, hier Anschluss zu finden. Ihre Antwort: «Weil ihr wieder geht und wir euch dann als Freund:innen verlieren.»
Tsüri.ch: Wir führen dieses Interview auch auf Englisch – denkst du nicht, du würdest mit mehr Locals in Kontakt kommen, wenn du fliessend Deutsch sprechen könntest?
Rúbies Bedós: Ganz klar: ja. Ich lerne Deutsch – mal mehr, mal weniger intensiv – und merke, wie viel leichter es wäre, wenn ich einfach fliessend sprechen könnte.
Aber es ist eine schwere Sprache und nur weil ich Hochdeutsch kann, verstehe ich Schweizerdeutsch noch lange nichts.
Gleichzeitig kann man in Zürich auch problemlos ohne Deutsch leben – was toll ist, aber auch eine Falle. So muss man die Sprache nicht lernen.

Tsüri.ch: Bei unserer Umfrage finden über 80 Prozent der Locals, Zürich sei eine internationale Stadt und solle weltoffen sein. Trotzdem nervt es viele, im Alltag Englisch zu hören und beispielsweise den Kaffee auf Englisch bestellen zu müssen. Ist das nicht widersprüchlich?
Rúbies Bedós: Ein bisschen schon, aber ich kann sie verstehen. Ich komme aus Barcelona, dort passiert gerade dasselbe. Unsere Sprache ist Katalanisch, aber die Serviceperson im Restaurant spricht nur Spanisch oder Englisch.
Natürlich nervt das die Einheimischen. Aber in Zürich sprechen die meisten zumindest ein bisschen Deutsch. Wenn man ihnen freundlich und langsam auf Deutsch begegnet, reagieren viele sehr positiv.
Tsüri.ch: Du selber bist seit vier Jahren in Zürich, wie war das Ankommen für dich?
Rúbies Bedós: Ehrlich? Es war richtig hart. Ich kam ohne Job nach Zürich, kannte niemanden, und es war Oktober – grau, kalt, einsam.
Ich bin eigentlich sehr sozial, aber selbst ich hatte Mühe, Anschluss zu finden. Ohne Arbeit, ohne Freund:innen, fühlt man sich schnell verloren, und Zürich ist teuer, das macht zusätzlich Druck.
Erst als ich meinen ersten Job fand, wurde es besser. Dann kamen Kontakte, Gespräche, ein Alltag. Heute habe ich ein tolles Netzwerk – aber das hat gedauert.
Tsüri.ch: Hast du dich willkommen gefühlt? Und war es leicht, mit Locals in Kontakt zu treten?
Rúbies Bedós: In den meisten Fällen ja. Ich erinnere mich, wie mir eine Nachbarin gleich am ersten Tag geholfen hat, den Müll mit dem Zürisack korrekt zu entsorgen.
Natürlich gab es auch Momente, in denen ich mich sehr fremd fühlte. Einmal wurde ein Zug evakuiert und ich verstand die Durchsage nicht.
Ich fragte zwei Leute – beide drehten sich einfach weg. Das war ein schmerzhafter Moment. Aber: Es war nur ein Tag in vier Jahren.
Tsüri.ch: Es heisst oft: Expats verdienen gut, wohnen in schicken Wohnungen und treiben die Mieten in die Höhe. Wie begegnest du diesem Vorwurf und ist da nicht auch ein Stück Wahrheit dran?
Rúbies Bedós: Ich verstehe den Frust, aber das Problem ist strukturell. Ich zahle hier Steuern, kaufe ein, arbeite – ich bin Teil der Stadt.
Dass Zürich teuer ist, liegt nicht nur an uns. Vielleicht bräuchte es eine bessere Mietpolitik und eine Deckelung der Lebenshaltungskosten, aber die Verantwortung nur den Expats zu geben, ist zu einfach.
Tsüri.ch: Viele Expats sagen, sie fühlten sich einsam – welche Möglichkeiten gibt es, sich zu vernetzen?
Rúbies Bedós: Einfach rausgehen. Auch wenn es Überwindung kostet. Ich habe selbst damit gekämpft und genau deshalb angefangen, Events zu organisieren, um Menschen zusammenzubringen.
Es gibt viele Angebote: Sportclubs, internationale Treffpunkte wie Langstrasse oder Events für Neuzuziehende. Man muss aktiv werden.
Und: Allein zu einem Event zu gehen, ist völlig okay. Die meisten anderen sind auch allein da.

Tsüri.ch: Die Locals sagen, sie wollen ein weltoffenes Zürich und wären gerne mit Expats befreundet. Gleichzeitig ist es für Expats sehr schwierig, mit Locals in Kontakt zu treten. Wie nimmst du die Zürcher:innen wahr?
Rúbies Bedós: Ich habe viele Schweizer Freund:innen gefunden, aber die Beziehungen sind anders. Es gibt kulturelle Unterschiede. In Südeuropa ist man sofort eingeladen, ist bei allem dabei.
Hier ist es zurückhaltender. Herzlich, ja – aber auf eine ruhigere Art. Und ohne gemeinsame Sprache ist es schwieriger, tiefe Verbindungen aufzubauen.
Das merke ich selbst: Auf Spanisch oder Katalanisch sind Gespräche einfach unmittelbarer.
Tsüri.ch: Die Hälfte der Expats hat in unserer Umfrage angegeben, aufgrund ihrer Herkunft, Sprache oder Hautfarbe diskriminiert worden zu sein. Sind die Zürcher:innen ausländerfeindlich?
Rúbies Bedós: Ich persönlich habe fast nur gute Erfahrungen gemacht. Aber ich bin auch weiss, und wenn ich den Mund halte, sehe ich vielleicht aus wie eine Einheimische. Darum kann ich nicht für alle sprechen.
Aber die Kommentare auf Social Media zeigen schon, dass da auch viel Unmut da ist – gerade wenn ich Inhalte auf Englisch poste. Es ist nicht immer Hass, aber oft Unverständnis.
Trotzdem würde ich nicht sagen, Zürich ist xenophob. Vielleicht einfach nicht sehr im Vergleich mit anderen europäischen Ländern.
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Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei «Tsüri.ch» erschienen. Autor Simon Jacoby ist Chefredaktor beim Zürcher Stadtmagazin.