«Verletzend»: Rassismus-Sprachpolizei warnt vor dem Begriff «Bünzli»

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Früher ein Familienname, heute oft Synonym für Spiessigkeit: «Bünzli» sorgt für Diskussionen. Lustiger Insiderwitz oder Beleidigung – wo hört der Spass auf?

Bünzli
So stellt man sich das Zuhause eines «Bünzli» vor. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • «Bünzli» steht im «Glossar für eine rassismussensible Sprache» als verbotener Begriff.
  • Der Begriff kann Menschen verletzen und abwerten.
  • Doch nicht alle sind mit der negativen Konnotation einverstanden.
  • Manche Schweizer heissen sogar zum Nachnamen «Bünzli».

Was darf man heute noch sagen und was nicht?

In Zeiten wachsender Sensibilität für Sprache sorgt politische Korrektheit bei vielen für Unsicherheit.

Das «Glossar für eine rassismussensible Sprache» der Organisation «No to Racism» will da Orientierung bieten. In verblasster Schrift listet es jene Begriffe auf, die als «sehr entwürdigend» und «sehr verletzend» gelten. Darunter etwa das N-Wort.

Bünzli
Der Begriff «Bünzli» sollte laut Glossar nicht verwendet werden. - Screenshot notoracism.ch

Doch manche Einträge sorgen für Fragezeichen: So steht etwa auch «Bünzli» auf der Liste – also jemand, der sich besonders gesellschaftskonform verhält.

Bünzli «wertet Menschen pauschal ab»

Mani Owzar gehört zu den Verfassenden des Glossars und erklärt gegenüber Nau.ch, warum der Begriff «Bünzli» nicht okay sei.

«Der Begriff ‹Bünzli› kann verletzend sein, weil er Menschen pauschal abwertet und stereotypisiert», erklärt Owzar.

Hast du schon einmal jemanden als «Bünzli» bezeichnet?

Der Begriff werde häufig dafür verwendet, um Personen als engstirnig, kleinlich oder übermässig ordnungsliebend darzustellen.

Owzar warnt: «Auch wenn er oft ironisch oder humorvoll sein kann, kann er dazu führen, dass sich Menschen herabgesetzt oder nicht ernst genommen fühlen.»

«Kann auch ohne Absicht verletzend sein»

Der Kontext sei jedoch zentral. «Als Beschreibung von sich selbst kann der Begriff humorvoll sein.» Aber: «Im Reden über andere wird ‹Bünzli› oft benutzt, um sich von anderen abzugrenzen oder Überlegenheit auszudrücken.»

Die Intention sei dabei nicht ausschlaggebend. «Auch ohne verletzende Absicht kann eine Aussage verletzend wirken», sagt Owzar. Entscheidend sei, wie der Begriff bei der betroffenen Person ankomme und welche Machtverhältnisse im Spiel seien.

Denn: «Eine gut gemeinte Ironie schützt nicht automatisch vor Ausgrenzung. Insbesondere dann nicht, wenn sie wiederholt oder von einer privilegierten Position aus geäussert wird.»

Auch wenn der Begriff «Bünzli» laut Glossar nicht sensibel ist, rassistisch ist er nicht. «Weil er sich auf ein zugeschriebenes Verhalten innerhalb der Mehrheitsgesellschaft bezieht und sich nicht gegen eine rassismusbetroffene Gruppe richtet», erklärt Owzar.

Heisst: «Eine Person, die als Bünzli bezeichnet wird, erfährt meistens nicht auch gleichzeitig Ausschlüsse, zum Beispiel vom Wohnungs- oder Arbeitsmarkt.» Das sei bei abwertenden Begriffen, die sich auf Herkunft oder Hautfarbe der Person beziehen, hingegen anders.

Kein Verständnis für diese Erklärung hat Stefano Mohler. Vor knapp fünf Jahren gründete der Baselbieter die Firma «Bünzligwürz».

«Bünzli ist heute der coole Schweizer»

«Bünzli ist in unserem Freundeskreis allgegenwärtig. Der Begriff hat einen Wandel gemacht und wird nicht mehr negativ wahrgenommen», sagt er gegenüber Nau.ch.

«Ein Bünzli ist heute der coole Schweizer», meint Mohler. Der Begriff stehe für Bodenständigkeit – und passe damit zum «bodenständigen Bünzligwürz».

Bünzligwürzt
Der Inhaber von «Bünzligwürz» sieht den Begriff nicht mehr negativ konnotiert. - zvg

Zwar sei die Assoziation mit Engstirnigkeit noch da, doch Mohler relativiert: «Jeder hat mal einen Bünzlimoment, wenn er sich über etwas aufregt. Diese Erfahrung verbindet uns.»

Zudem betont er: «Jeder – egal ob Schweizer oder zugewandert – darf ein Bünzli sein.»

Die meisten würden beim Firmennamen schmunzeln. «Nur ein- bis zweimal im Jahr höre ich, der Name sei doof. Doch wer sich darüber beklagt, hat meist gerade selbst einen Bünzlimoment.»

Hast du manchmal einen Bünzlimoment?

Auch als Geschenk für Geschäftskunden werde die Muttenzer Gewürzfirma angefragt. Das zeige, «dass der Begriff nicht beleidigend sein kann».

Nur einmal habe ein Kunde eine neutrale Verpackung gewünscht. Es habe sich um eine Firma mit gehobenem Publikum gehandelt, «das vielleicht noch irritiert auf den Namen reagiert». Das habe er schade gefunden.

Denn beleidigend sei der Begriff für ihn ohnehin nicht: «Ich habe schliesslich auch Kunden, die mit Nachnamen so heissen.»

«Bünzli» ist eigentlich ein Nachname

Und tatsächlich: Regula Schmidlin, Germanistik-Professorin an der Uni Freiburg, bestätigt gegenüber Nau.ch: «Ursprünglich ist Bünzli ein Zürcher Familienname.»

Tatsächlich kommt «Bünzli» noch heute 307-mal in der Schweiz als Nachname vor. Das zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2024.

Der Ursprung sei nicht ganz geklärt. «Möglicherweise hat er mit dem mittelhochdeutschen Wort ‹binz› etwas zu tun, was ‹Binse› bedeutet, also eine Sumpfpflanze.»

Binse
«Bünzli» könnte von der Sumpfpflanze Binse kommen. - Wikimedia/James Lindsey at Ecology of Commanster (CC BY-SA 3.0)

Erst seit dem letzten Jahrhundert werde das Wort im Sinne von «Spiessbürger» verwendet.

Grund: «In den 1930er Jahren gab es Dialektfilme, in denen eine entsprechende Figur ‹Bünzli› heisst. Dies dürfte zur Verselbständigung des Namens für einen bestimmten Typ Mensch beigetragen haben», sagt Schmidlin.

Tatsächlich war «Bünzlis Grossstadterlebnisse» 1931 der erste Schweizer Tonspielfilm. Er gilt heute allerdings als verschollen.

Aus dem Eigennamen hat sich also eine neue Bedeutung entwickelt. In der Fachsprache nennt man das Eponym.

Sie ergänzt: «Ich verstehe, dass es für Menschen, die Bünzli heissen, nicht immer angenehm ist, dass sich ihr Name mit der Bedeutung ‹Spiessbürger› verselbständigt hat.»

«Bünzli» kann man nicht verbieten

Ähnlich verhalte es sich bei Namen wie Lieschen Müller, deren Name sich in der Bedeutung «naive Frau» verselbständigt hat. Oder der Nachname Casanova als Synonym für «Frauenheld.»

Schmidlin betont aber: «Solche Nebenbedeutungen zu verbieten, ist nicht realistisch.»

Wurdest du schon mal wegen deines Namens gehänselt?

Und: «Es ist aus meiner Sicht den Leuten zuzutrauen, dass sie zwischen dem Namen einer Person und einer weiteren, verselbständigten Bedeutung unterscheiden können. Natürlich ist zu wünschen, dass niemand wegen seines Vor- und Nachnamens ausgelacht wird.»

Heisst also: «Bünzli» ist also per se kein Schimpfwort. Als Name oder zum Scherzen über sich selber geht das tipptopp.

Verletzt es aber jemanden, hört der Spass auf.

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Kommentare

User #1569 (nicht angemeldet)

Als Skeptiker vertritt man immer nur die gleiche Einheitsmeinung der Skeptikergruppe und man ist einfach gegen alles was vom Staat, der renommierten Wissenschaft und intelligenten Menschen kommt. Hinterfragen von Skeptikeraushängeschilder-Aussagen innerhalb der Skeptiker-Gruppe ist völlig tabu. Die Einheitsbrei-Meinung entspricht angeblich der absoluten Wahrheit. Was die Skeptiker weiterhin nie hinterfragen, ist jedoch die Bubble in der sie stecken.

User #1538 (nicht angemeldet)

Gestern eine interressante Doku über Trump, seine eigenen Fake News, seine Angstmacherei und Diffamierung politischer Gegner gesehen. Es bestätig 1:1 was sich hier in den Kommentarspalten liest: Etwas als richtig beurteilen, auch wenn belegt und sonnenklar ist, dass es falsch ist.

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