Uzwiler Badmeister: Er rettete Leben – dann bekam er Krebs!
Reto Steiner prägte die Badi Uzwil wie kaum ein anderer. Er spricht über Rettungen, seine Krebserkrankung und berührende Begegnungen.

Es dauert keine fünf Minuten, bis das erste Kind zu Reto Steiner kommt. Zwei kleine Mädchen halten ihm eine Luftmatratze hin und fragen, ob er sie aufblasen könne. Steiner greift zur Pumpe und erfüllt den Wunsch mit einem Lächeln.
Solche Begegnungen gehören für ihn seit drei Jahrzehnten zum Alltag. Sie sind es, die seinen Beruf für ihn bis heute besonders machen. Ende August endet seine Zeit als Badmeister der Badi Uzwil und der Uzehalle.
Nach genau 30 Jahren verabschiedet er sich in den Ruhestand. «Ich habe das Gefühl, jetzt ist der richtige Zeitpunkt», sagt der 64-Jährige. Ganz loslassen kann und will er aber nicht.
«Uzwil ist meine Badi. Das ist mein Baby. Ich werde auch nach meinem Abschied immer wieder hier sein.» Viele Gäste verbinden die Badi untrennbar mit seinem Namen.
«Es gibt Leute, die sagen: ‹Du bisch vo Uzwil, wenn dä Reto Steiner kennsch.› Das macht mich stolz, zufrieden und glücklich.»
Generationen begleitet
Während des Gesprächs wird Steiner immer wieder gegrüsst. Fast jeder kennt ihn, viele sprechen ihn einfach als «Steini» an. Manche kommen schon seit ihrer Kindheit in die Badi.

Heute stehen sie mit ihren eigenen Kindern am Beckenrand. «Sie sagen dann zu ihren Kindern: ‹Den Badimann habe ich schon getroffen, als ich so alt war wie du.› Das sind unglaublich schöne Momente.»
Ähnlich erlebt er es auch auf der Eisbahn. «Viele Hockeyspieler kannte ich noch als Kinder. Heute kommen sie mit ihrer eigenen Familie zurück.»
Auch NHL-Star Kevin Fiala gehörte einst zu den Kindern, die Steiner auf der Eisbahn erlebte. Dass sein Abschied viele bewegt, hätte er nicht erwartet. «Es gab tatsächlich Tränen. Einige Gäste sagten zu mir: ‹Aber du chunsch scho wieder emol.›»
Kinder brachten ihm Zeichnungen vorbei, sogar ein Feriengruss aus London erreichte ihn. Eine Gruppe Stammgäste bringt es auf den Punkt: «Die Badi ohne Reto können wir uns gar nicht vorstellen.»
Gästen das Leben gerettet
Steiner hat in den vergangenen 30 Jahren weit mehr erlebt als sonnige Baditage. Besonders zwei Einsätze haben sich tief eingebrannt.
«Es klingt vielleicht speziell, aber das Schönste ist, wenn man jemanden reanimiert und dieser Mensch wieder ins Leben zurückkommt.» Zweimal musste er einen Menschen wiederbeleben.
Vor rund 20 Jahren war es ein siebenjähriges Mädchen, erst vor wenigen Wochen ein fünfjähriges Mädchen. Beide überlebten.
«Dass es geklappt hat, macht mich unglaublich glücklich. Aber das war nie meine Leistung allein. Alle haben sofort richtig reagiert. Es war eine echte Teamleistung.» Natürlich habe es unzählige Verletzungen gegeben.
«Armbrüche, Nasenbeinbrüche, Platzwunden oder ausgekugelte Schultern – das gehört alles dazu. Lebensbedrohliche Unfälle blieben zum Glück sehr selten.»
Seine Krankheit veränderte alles
2024 wurde Steiner plötzlich selbst zum Patienten. Darmkrebs, Bestrahlungen, Chemotherapie, ein künstlicher Darmausgang und zeitweise sogar Nierenversagen bestimmten seinen Alltag.
«Eine Woche lang wusste niemand, in welche Richtung es geht.»

Die Diagnose traf ihn nach mehreren schweren Schicksalsschlägen innerhalb der Familie. Schwester, Schwiegervater, Mutter und Bruder waren innerhalb weniger Jahre gestorben.
«Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe gelernt, das Leben viel mehr zu schätzen.» Besonders sein Enkel gab ihm Kraft.
«Er war mein bestes Medikament.» Der Junge wusste genau, was sein Grossvater durchmachte. «Er sagte zu mir: ‹Ich weiss, du hast Krebs und magst nicht so. Mach langsam, das kommt wieder gut.›»
Dankbar bis heute
Während seiner Krankheit erhielt Steiner grosse Unterstützung von der Gemeinde Uzwil. Die Öffnungszeiten der Badi wurden angepasst, damit das bestehende Team die zusätzliche Belastung bewältigen konnte.
«Gemeindepräsident Lucas Keel sagte damals zu mir: ‹Reto kann man nicht ersetzen.› Das werde ich nie vergessen.» Auch seinem Team spricht Steiner grossen Dank aus.
«Ich hatte und habe ein geiles Team.» Besonders hebt er seinen langjährigen Weggefährten Fredi Baier hervor, mit dem er 17 Jahre zusammenarbeitete. Ebenso dankt er Albert Amann sowie den Mitarbeiterinnen an der Kasse, unter ihnen Simone Meier und seiner Frau Karin, die seit 25 Jahren Teil des Teams ist.
Der Abschied ist keiner für immer
Ganz aufhören wird Steiner ohnehin nicht. Ab September arbeitet er bis mindestens Februar 2027 als Aushilfe im Hallenbad Oberuzwil. «Das wollte ich schon lange einmal erleben. Es ist zwar auch Wasser und ein Becken, aber trotzdem etwas ganz anderes.»
Mehr Zeit möchte er künftig aber vor allem mit seinem Enkel verbringen. Vielleicht schreibt er auch ein Buch oder hält einen Vortrag. «Ich habe in diesen 30 Jahren so viele Geschichten erlebt – lustige, traurige und unglaubliche. Stoff hätte ich genug.»
Der Kontakt zu «seiner» Badi wird trotzdem nie abreissen. Steiner wohnt nur wenige Minuten entfernt. «Ich höre von zu Hause aus sogar die Durchsagen», sagt er und lacht. «Ich bin also nicht aus der Welt.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.












