«Unangemessen angemacht»: Chefinnen schlagen Alarm

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Zwei Chefinnen eines Berner Betriebs prangern Bagger-Attacken bei Geschäftstreffen an. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat Hochkonjunktur – trotz MeToo.

Belästigung
Sereina Capatt (links) und Marie Hürlimann wehren sich gegen Grenzüberschreitungen bei Geschäftstreffen. - Linkedin

Das Wichtigste in Kürze

  • Frauen in ihrem Team und auch sie selber seien bei externen Treffen «angemacht» worden.
  • Dies melden die Co-Chefinnen des Think Tanks «Foraus».
  • Vorgesetzte sollten Grenzüberschreitungen nicht herunterspielen, warnt eine Fachstelle.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht über das Büro hinaus. Sereina Capatt und Marie Hürlimann schlagen in einem Post auf der Business-Plattform LinkedIn Alarm. Die beiden sind Co-Geschäftsführerinnen des Berner Think Tanks «Foraus».

«In den letzten Monaten wurden mehrere Frauen im Team bei externen, klar professionell angesetzten Treffen unangemessen ‹angemacht›», schreiben sie.

«Auch wir selbst fanden uns bereits mehrfach in solchen Situationen wieder.»

«Machtgefälle zu oft ausgenutzt»

Der Think Tank setzt sich für eine konstruktive Aussenpolitik ein. Unter anderem veröffentlicht das Team wissenschaftliche Publikationen und organisiert Veranstaltungen und Konferenzen mit Fachpersonen.

Als Non-Profit-Organisation und Think Tank seien sie auf Partner angewiesen, schreiben Sereina Capatt und Marie Hürlimann. Konkret erwähnen sie Geldgeber, Entscheidungsträger und Journalisten. Diese ermöglichten ihre Arbeit, nähmen ihre Inhalte auf und trügen ihre Ideen in die Öffentlichkeit.

Hast du schon mal sexuelle Belästigung von geschäftlichen Kontakten erlebt?

Meistens entstünden dadurch wertvolle Partnerschaften, inspirierende Begegnungen und wichtige Synergien, schreiben die Geschäftsführerinnen. Dafür seien sie zutiefst dankbar. «Doch dieses Machtgefälle wird leider zu oft auch ausgenutzt.»

«Hässig, frustriert und traurig»

Capatt und Hürlimann schildern im Post solche Situationen grob.

Demnach ist es vorgekommen, dass die geschäftlichen Kontakte junge Frauen zu privaten Treffen einluden. Dies, als sie um Unterstützung für ihre Organisation fragten. In anderen Fällen versuchten die Kontakte, den Zugang zu einem Netzwerk «an persönliche Nähe» zu knüpfen.

«Weil wir hässig, frustriert und traurig sind und etwas gegen dieses Problem tun wollen», begründen die beiden Chefinnen ihren Post. Ehrlich gesagt wüssten sie nicht genau, wo anfangen. «Aber wir wollen, dass es aufhört. Dass (vor allem) junge Frauen durch das unangebrachte Verhalten anderer auf ihrem Weg verunsichert werden.»

Sie sollten sich nicht mehr fragen, ob sie etwas falsch gemacht hätten, schreiben die beiden Chefinnen. Auch sollten sie nicht mehr lernen, solche Situationen einfach wegzulächeln, um professionell zu bleiben.

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In einem Post auf LinkedIn schlagen Sereina Capatt und Marie Hürlimann Alarm. - Screenshot / Linkedin

Keine «Männerhassgeschichte»

Die Geschäftsführerinnen wollen die geschilderten Situationen aktuell nicht weiter öffentlich ausführen.

In ihrem LinkedIn-Post hätten sie gesagt, was sie hätten sagen wollen, teilen sie auf Anfrage mit. «Den betroffenen Männern haben wir zudem direkt Rückmeldung zu ihrem Verhalten gegeben.»

In einem Kommentar zu ihrem Post stellt Sereina Capatt zudem klar, dass dieser Post nicht als «Männerhassgeschichte» gelesen werden solle. Als Beispiel erwähnt sie einen Netzwerkapéro. Es solle nicht so weit kommen, dass sich kein Mann mehr traue, ihr in die Augen zu sehen. «Aus Angst, sich falsch zu verhalten.»

Belästigung von Kundschaft

Offizielle Zahlen bestätigen, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Hochkonjunktur hat – trotz MeToo. 44 Prozent der befragten Frauen haben sich im bisherigen Erwerbsleben bereits einmal sexuell belästigt gefühlt. Dies zeigt eine 2024 vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau (EGB) durchgeführte Studie. Bei den Männern sind es 17 Prozent.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat dieses Jahr für Arbeitnehmende einen Ratgeber zum Thema Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz veröffentlicht. Dieser hält fest, dass sich die Belästigung während der Arbeit ereignen könne. Möglich sei dies aber auch zum Beispiel bei Betriebsanlässen, Geschäftsreisen und sonstigen Aktivitäten mit Bezug zum Arbeitsverhältnis.

Demnach kann die Belästigung auch von Angehörigen von Partnerbetrieben oder von der Kundschaft des Unternehmens ausgehen.

Zweideutige Einladungen

Claudia Stam ist Inhaberin der Fachstelle Mobbing und Belästigung. Sie begrüsst den Post der Frauen des Think Tanks. «Es werden sich einige angesprochen fühlen», vermutet sie gegenüber Nau.ch.

Meist werde der Fokus auf die Mitarbeitenden einer Firma gelegt, stellt sie fest. «Dabei können unangemessene Verhaltensweisen auch von Kunden, Lieferanten und Gästen ausgehen.»

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Claudia Stam ist Inhaberin der Fachstelle Mobbing und Belästigung. - zVg.

In der Hotellerie kommt es immer wieder zu Grenzüberschreitungen. Mitarbeiterinnen im Wellness-Bereich seien nicht selten betroffen, sagt Claudia Stam. «Zum Beispiel, wenn Gäste das Gefühl haben, die Masseurin könne noch weitergehen, als sie zu massieren.»

Auch Serviceangestellte würden oft sexuell belästigt, sagt Stam. «Wenn Gäste mit zu hohem Alkohol- oder Drogenkonsum sie anfassen, unangemessene Sprüche oder zweideutige Einladungen machen.»

Unangenehme Erfahrungen machen Mitarbeiterinnen zudem im Gesundheitswesen. Stam: «Zum Beispiel hat der Patient beim Duschen das Gefühl, die Pflegende müsse ihn noch anders bedienen.»

In einigen Fällen störten sich Mitarbeitende auch an unangemessenen Sprüchen von Lieferanten ihres Betriebs.

«Klare Grenzen setzen»

Claudia Stam stellt fest, dass sich Mitarbeiterinnen heute auch nicht von Kunden alles gefallen lassen wollten. «Früher galt die Einstellung, dass man unangemessenes Verhalten aushalten muss, um den Kunden nicht zu verstimmen.»

Ob bei einem Business-Meeting oder hinter der Hotelbar: Claudia Stam empfiehlt Mitarbeitenden, klare Grenzen zu setzen.

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Liessen sich Mitarbeitende auf das unangemessene Verhalten des Kunden trotz innerer Widerstände ein, sei dies problematisch, sagt Claudia Stam von der Fachstelle Mobbing und Belästigung. - pexels

«Je früher man klare Grenzen setzt, desto weniger Hoffnungen weckt man», sagt die Psychologin. Liessen sich Mitarbeitende auf das unangemessene Verhalten des Kunden trotz innerer Widerstände ein, sei dies problematisch. «Dann geht das Gegenüber immer weiter.» Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn man immer noch lache, obwohl die Situation einem längst unangenehm sei.

«Männer sollten ihre Bro-Codes durchbrechen»

Wichtig ist laut Stam, dass Arbeitgeber auf sexuelle Belästigung sensibilisiert sind. «Vorgesetzte sollen nicht wegschauen und geschilderte Grenzüberschreitungen herunterspielen.» Dies sei auch immer weniger der Fall. «Die Nachfrage unserer Schulungen, Workshops und Referaten zum Thema nimmt bei Arbeitgebern mit viel Kundenkontakt und externen Anlässen zu.»

Ein User nimmt direkt die Männer in die Pflicht.

«Ihr habt allen Grund hässig zu sein und laut und unbequem, dieses Thema anzusprechen.» Dies schreibt der User in einem Kommentar zum Linkedin-Post. Seiner Meinung nach sollte nicht nur die Scham die Seite wechseln. «Auch Männer sollten ihre Bro-Codes durchbrechen und bei übergriffigem Verhalten, egal welcher Art, einschreiten, statt es wegzulächeln.»

Kommentare

User #5053 (nicht angemeldet)

Ihr Kommentar enthält eine sexistische Aussage, die Opfer von sexueller Belästigung verantwortlich macht. Sexuelle Belästigung ist nie die Schuld der betroffenen Person – unabhängig von ihrer Kleidung. Das sagte ich doch. Zensur du hast keine Ahnung.

User #3892 (nicht angemeldet)

Bei vermehrter Arbeitslosigkeit und Aussteuerung haben wir ganz andere Probleme

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