Trotz Hagelschäden gibt der Zürcher Winzer nicht auf
Zerfetzte Rebberge und am Boden liegende Trauben: Die Superzelle vom vergangenen Freitag hat vielen Winzern im Zürcher Unterland und in der Region Winterthur die Ernte verhagelt. Doch Weinbauern wie Andreas Schwarz in Freienstein geben nicht auf.

Andreas Schwarz freute sich eigentlich auf ein «super Weinjahr»: «Da es trocken war, hatten wir keinen Mehltau, sondern richtig gesunde, perfekte Rebberge», sagt er gegenüber Keystone-SDA. Noch am Freitagmorgen waren er und seine Frau Prisca bei schönsten Wetter in den Reben.
Dann wurde der Himmel schwarz, sie rannten ins Haus, sicherten alles und hörten dem niederprasselnden Hagel zu. «Zweifranken bis Fünfliber gross waren die Hagelkörner», sagt Schwarz, «so grosse habe ich noch nie gesehen.»
Noch nie gesehen hat er zudem solche Schäden. «Teilweise hat es an den Trieb gehagelt und ganze Traubenbüschel fielen auf den Boden.» 60 Prozent seiner total achteinhalb Hektaren grossen Rebfläche in Freienstein sind kaputt.
Nach der Bestandesaufnahme am Freitagnachmittag musste es schnell gehen. Bereits am Samstag las die Erntemaschine, «Vollernter» genannt, die Trauben auf eineinhalb bis zwei Hektaren ab. So ging es weiter bis Dienstag.
Eine schnelle Ernte war wichtig. «Die Trauben sind reif, enthalten viel Zucker und faulen schnell», erklärt Schwarz, der auf naturnahen Weinbau setzt. Auf seinem Gut wachsen neben den klassischen Sorten wie Riesling-Sylvaner und Pinot Noir auch Merlot, Malbec und robuste, pilzwiderstandsfähige Sorten, Piwi-Sorten genannt.
Die Weissen hätte er gerne noch etwas hängen lassen, aber für diese und für nächste Woche war die Lese ohnehin geplant.
Pflanzen im Schockzustand
Immerhin: Sie seien ein reiner Familienbetrieb ohne Angestellte und mit tiefen Fixkosten. «Wir können ein solches Naturereignis einfacher bewältigen als andere.»
Ans Aufgeben denkt er nicht und will nun etwas ausprobieren respektive riskieren: Schwarz will die noch hängenden Trauben – Merlot, Malbec, Pinot und Piwi-Sorten – mit biologischen Mitteln gegen die Kirschessigfliege behandeln und hofft zudem darauf, dass der prognostizierte Sonnenschein die Trauben trocknet.
Etwa zwei Wochen länger will Andreas Schwarz die Trauben stehen lassen und dann schauen, ob der «Winzerpoker», wie er sein Vorhaben nennt, aufgeht.
Michael Gölles von der Fachstelle Rebbau SH-TG-ZH am Strickhof hat da seine Zweifel. Je nach Hagelschaden funktioniere dies nicht: «Die Pflanze geht in einen Schockzustand und entwickelt sich während zehn Tagen bis zwei Wochen nicht weiter.»
Möglichst schnell ernten, was geht
Es mache deshalb keinen Sinn, weiter zu warten. Man solle möglichst schnell ernten, was geht. Der Hagel zog laut Gölles in einer geraden Linie von Baden im Kanton Aargau über Winterthur bis zum Bodensee. So habe es Freienstein, Bülach, Steinmaur voll erwischt, und in Henggart habe der Sturm ganze Reihen umgestürzt, während Eglisau, Rafz und Weiningen im Limmattal verschont geblieben seien.
Teilweise genutzt haben Hagelschutznetze: «Die Netze wurden strapaziert und es gab auch Schäden unter den Netzen. Dennoch, die geschützten Trauben sehen besser aus.» Glück hatten schliesslich auch die Schaffhauser Rebdörfer, die sich zwischen zwei Hagelzügen südlich und nördlich befinden.
«Glück im Unglück»
«Glück im Unglück» hatten die betroffenen Winzer zudem mit dem Zeitpunkt: «Eine Woche oder zehn Tage früher wäre noch schlimmer gewesen, da die Trauben dann wegen fehlender Reife noch nicht hätten geerntet werden können», erklärt Gölles.
Nun aber, da viele Trauben ohnehin bereits erntereif gewesen seien, habe man ohne grosse Qualitätseinbussen sofort ernten können. Die Betriebe waren praktisch schon parat für die Lese.
Eine Herausforderung ist die Situation indes für die Keller, die die gelieferten Trauben verarbeiten müssen. Die Weinlese dauert normalerweise von den ersten reifen Sorten wie Riesling-Sylvaner bis zu den letzten wie Merlot sechs bis sieben Wochen, so Gölles.
«Für dieses Jahr haben wir mit vier bis fünf Wochen gerechnet, da die späten Sorten vom warmen Sommer profitieren und früher reifen.» Der Hagelzug habe die enge Erntephase nun zusätzlich verkürzt.
Schafe entlauben die zerzausten Rebberge
«Die Branche steht zusammen», betont Gölles. So hätten die grossen Traubenaufkäufer wie die Staatskellerei Zürich und Rutishauser-Divino sofort Trauben abgenommen. Der Stresslevel sei aber bei allen hoch.
Freude an der Situation haben nun sicher die Kamerunschafe auf dem Weingut Schwarz. Sie dürfen nun als blökender Räumdienst die zerzausten Rebberge in Freienstein entlauben.






