Trotz Deutschproblemen: Eltern wollen Kinder ins Gymi schicken
Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, haben Defizite im Fach Deutsch. In speziellen Kursen bereiten sie sich auf die Gymiprüfung vor.

Das Wichtigste in Kürze
- Selbst Sechstklässler mit Deutschlücken versuchen die Gymiprüfung.
- Ein neuer Vorbereitungskurs richtet sich an mehrsprachige Kinder.
- «Der Wettbewerb um den Eintritt ins Gymnasium hat sich verschärft», stellt der Lehrerverband fest.
Mindestens eine Fünf sollen Sechstklässler in den Fächern Deutsch und Mathe haben, um fit genug für die Gymiprüfung zu sein. Bei einem Notendurchschnitt von mindestens 5,25 gilt es als realistisch, die Prüfung erfolgreich zu bestehen.
Zunehmend wollen Eltern ihre Kinder aber auch an die Gymiprüfung schicken, wenn es im Deutsch hapert.
In manchen Ländern machten zum Beispiel 60 Prozent ein Abitur oder Baccalauréat, sagt Franco Faga zu Nau.ch. Er ist Geschäftsinhaber und Gründer des Prüfungsvorbereitungszentrums Logos Lehrerteam in Zürich. «Für diese Personen ist es zum Teil schwierig zu verstehen, dass das Gymi bei uns so anspruchsvoll gestaltet ist.»
Neu bietet das Zentrum einen speziellen Gymivorbereitungskurs im Fach Deutsch für mehrsprachige Primarschüler an. Der Kurs umfasst laut der Website die gleichen Inhalte wie die regulären Gymivorbereitungskurse.
Zusätzlich werden im Fach Deutsch Themen behandelt, die «gezielt auf die Bedürfnisse von mehrsprachigen Kindern abgestimmt sind». Auch erhalten sie Strategien, um «individuelle sprachliche Lücken» bis zur Gymiprüfung zu schliessen.
«Spezialkurs ist ausgebucht»
Für den Kurs anmelden können sich nur Kinder, deren Eltern nicht deutscher Muttersprache sind. Wer weniger als zwei Jahre in der Schweiz wohnt, muss im Deutsch eine Mindestnote von 4,5 vorweisen. Ansonsten ist mindestens eine Fünf nötig.
Der Kurs kostet knapp 3000 Franken. Er dauert rund fünf Monate und findet jeweils am Mittwochnachmittag statt.
Das Angebot ist gefragt. «Der Spezialkurs ist ausgebucht», sagt Franco Faga. Sie gingen deshalb davon aus, das Angebot im kommenden Jahr auszubauen.
Situation sei frustrierend
Die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium ist bereits für Kinder deutscher Muttersprache eine Herausforderung. Knapp die Hälfte fällt im Kanton Zürich durch die Prüfung. Auch die Probezeit schaffen nicht alle.
«Grundsätzlich ist es nicht möglich, mit grundlegenden Deutschdefiziten die Mittelschule zu absolvieren», sagt Franco Faga. Im Langgymnasium, das keine zweisprachige Maturität anbiete, sei dies sowieso nicht der Fall.
Entscheidend ist der Grund für die Deutschdefizite der Kinder. «Wenn jemand neu Deutsch lernt, kann es gut sein, dass die Defizite in vergleichsweise kurzer Zeit abgebaut werden.» Dies, wenn das Kind überdurchschnittlich stark sei. «Und deswegen eigentlich ins Gymi passt.»
Für Familien, die mit bisher erfolgreichen Kindern neu in die Schweiz gezogen sind, bezeichnet Faga die Situation als besonders frustrierend. «Die einkommensstarken Zuzüger lösen das normalerweise über englische Privatschulen.» Aber dies sei eine teure Lösung, die sich nur wenige leisten könnten.
Familien investierten viel Geld
Franco Faga stellt aber auch eine neue Entwicklung fest. «Mein Gefühl ist, dass der empfundene Wert einer Lehrstelle zum Teil abgenommen hat», sagt er. Expats, die unser duales Bildungssystem nicht kannten, hätten sicher auch mehr Schwierigkeiten, auf die Stärken der Schweizer Berufsbildung zu vertrauen.
«In Gesprächen mit Expats fällt mir auch auf, wie wenig sie über die Flexibilität des Schulsystems Bescheid wissen.» Es würde sicher helfen, hier mehr in die Information zu investieren, sagt Faga.
Dr. Beat A. Schwendimann, Leiter Pädagogik des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), bestätigt den Trend. «Der Wettbewerb um den Eintritt ins Gymnasium hat sich verschärft», sagt er.
Die Einwanderung von sehr bildungsaffinen Expat-Familien mit sehr hohen akademischen Erwartungen führe bei den Gymi-Übertritten zu einem erhöhten Leistungsdruck. Besonders spürbar sei dies in den Städten, wo der gymnasiale Weg oft stärker im Fokus stehe als die Berufsbildung. «Der LCH fordert seit Jahren, besser über die Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems und die Bedeutung der Berufsbildung zu informieren.»
Viele Familien investieren laut Schwendimann viel Geld, damit ihr Kind die Aufnahmeprüfung besteht. «Kommerzielle Kursanbieter reagieren auf diese gestiegene Nachfrage.»
Familien mit kleinem Einkommen könnten sich solche Kurse nicht leisten. Damit hänge der Zugang zum Gymnasium stärker vom Einkommen ab, was die Bildungsgerechtigkeit gefährde.
«Der LCH fordert deshalb, dass Schulen unentgeltliche Prüfungsvorbereitung anbieten und die Empfehlung der Lehrpersonen beim Übertritt stärker gewichten.»
Haben Kinder Chancen trotz Lücken?
In einem Kurs Deutschlücken für die Gymiprüfung zu schliessen, soll zudem nicht ausreichen. «Ein erfolgreicher und nachhaltiger Zweitspracherwerb dauert gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen mehrere Jahre», sagt Schwendimann. Auch sei zwingend eine systematische Förderung der anspruchsvollen Bildungssprache bis und mit Sekundarstufe II nötig.
Der LCH fordere deshalb flächendeckende und für Familien unentgeltliche Angebote: zur frühen Sprachförderung vor dem obligatorischen Kindergarteneintritt sowie Kurse für Deutsch als Zweitsprache auf allen Schulstufen.

Der Verband Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer rät Schülern mit grundlegenden Deutschdefiziten nicht vom Gymi ab.
Es gebe unterschiedliche Gründe für Deutschdefizite, sagt Präsident Andreas Egli. «Einige Kinder und Jugendliche können solche Defizite gut und in nützlicher Frist aufarbeiten oder auch kompensieren.»
Für andere hingegen werde ein Bestehen des Gymnasiums eher weniger realistisch sein. «Weil tatsächlich zu grosse Lücken bei den Grundkompetenzen Deutsch gemäss Rahmenlehrplan bestehen.»
Spezialkurse seien grundsätzlich zu begrüssen, sagt Egli. «Sie sind aber eigentlich Aufgabe der vorbereitenden Schule.»















