Trockenheit: So muss die Landwirtschaft jetzt umdenken
Die aktuelle Trockenheit ist für die Biomedizinethikerin Nikola Biller-Andorno ein Warnsignal. Sie sieht schwierige Zielkonflikte für die Landwirtschaft.

Das Wichtigste in Kürze
- Für die Kreuzlinger Biomedizinethikerin Nikola Biller-Andorno ist die aktuelle Trockenheit ein Warnsignal.
- Sie beschäftigt sich mit schwierigen Zielkonflikten zwischen Gesundheit, Ressourcen, Gerechtigkeit und Verantwortung.
- Genau eine solche Abwägung sieht sie nun auch in der Landwirtschaft.
In der Lehre ihres Instituts gehören inzwischen auch Umweltethik und Zukunftsfragen der Medizin dazu. Die Kreuzlinger Biomedizinethikerin Nikola Biller-Andorno ist zudem Mitglied der Europäischen Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuen Technologien, die die EU-Kommission berät.
Noch im Juni diskutierte sie am Green Transition Forum darüber, wie Klimaanpassung mit Gerechtigkeit, Beteiligung und Investitionen verbunden werden kann. Nikola Biller-Andorno ist keine Agrarwissenschaftlerin und argumentiert auch nicht als solche.
Ihr Fachbereich beginnt gerade dort, wo es keine einfache technische Antwort gibt: Wie werden Nutzen und Risiken verteilt? Wer trägt Belastungen? Welche Interessen verdienen Schutz? Und wie lassen sich Veränderungen so gestalten, dass sie nicht einfach auf jene abgewälzt werden, die sie umsetzen müssen?
Höfe nicht alleine lassen
Wie die Kreuzlinger Nachrichten im Beitrag «Höfe sitzen auf dem Trockenen» berichteten, verfüttern manche Betriebe bereits Reserven für den Winter, Raufutter wird gesucht und Wasser mit erheblichem Aufwand dorthin gebracht, wo es fehlt.
Der Bund reagierte Anfang August unter anderem mit der vorübergehenden Aufhebung der Zölle auf Heuimporte. Die akute Hilfe sei nötig.

«Aber wir können nicht immer nur reparieren und so tun, als wäre danach wieder alles wie vorher.» Irgendwann müsse man sich fragen, was unter veränderten klimatischen Bedingungen langfristig noch funktioniere.
Sie betont dabei ihren Respekt vor der Landwirtschaft. Wer über Jahrzehnte in Tiere, Gebäude, Maschinen und Wissen investiert habe, könne nicht einfach von heute auf morgen alles umstellen.
«Ich verstehe sehr gut, dass man erst einmal versucht, das weiterzuführen, was man kennt und worin man investiert hat.» Gerade deshalb müsse Veränderung wirtschaftlich möglich gemacht werden.
«Nicht von aussen sagen: So müsst ihr es machen. Die Landwirte müssen selber sehen können, dass etwas funktioniert.» Das ist keine Forderung, die Betriebe mit den Kosten des Wandels allein zu lassen.
Im Gegenteil: Wenn die Gesellschaft aus Gründen des Klima-, Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzes eine andere Landwirtschaft braucht, muss sie den Höfen Beratung, Investitionshilfen, Risikoschutz und verlässliche Absatzmärkte anbieten.
Ein Blick in die Forschung zeigt: Die Diskussion hat längst begonnen. Agroscope untersucht Kichererbsen, Linsen, Sorghum und Mischkulturen für Schweizer Bedingungen.
Internationale Forschungszentren arbeiten seit Jahrzehnten daran, Ernten in Regionen mit wesentlich weniger und unzuverlässigerem Regen zu stabilisieren.
Nicht Kuh gegen Linse
Die Grössenordnung der heutigen Tierhaltung zeigt, weshalb Nikola Biller-Andorno überhaupt von einer langfristigen Transformation spricht. In der Schweiz stehen rund 1,5 Millionen Rinder, darunter mehr als eine halbe Million Milchkühe.
Gleichzeitig ist die Schweiz ein ausgeprägtes Grasland: Viele Wiesen und Weiden lassen sich gar nicht sinnvoll in Ackerflächen umwandeln. Tierhaltung nutzt dort Pflanzen, die Menschen nicht direkt essen können, und gehört seit Jahrhunderten zur Landwirtschaft.
Für Biller-Andorno geht es aber ausdrücklich nicht um die Rechnung: Eine Kuh weniger, dafür ein Linsenfeld mehr. Nicht jede heutige Weide ist für den Ackerbau geeignet.
«Aber daraus folgt nicht automatisch, dass wir den heutigen Umfang der Tierhaltung und die Nutzung von Tieren für immer fortschreiben müssen.» Linsen sind dabei nur ein Beispiel.

Biller-Andorno denkt weiter: «Was wäre, wenn wir einen Teil unserer Innovationskraft nicht nur in immer effizientere Tierhaltung stecken, sondern in neue pflanzliche Produkte?»
Sie nennt Linsen, Kichererbsen oder Hirse, aber ebenso Verarbeitung, neue Rezepte und neue Absatzmärkte. «Vielleicht müssen wir auch unsere Kochbücher ein Stück weit neu schreiben.»
Keine Verbote, aber eine klare Richtung
Biller-Andorno sieht gewichtige ethische, ökologische und gesundheitliche Gründe dafür, deutlich weniger tierische Produkte zu erzeugen und zu konsumieren. Aber sie spricht bewusst nicht von einem Verzichtsprogramm.
Viel spannender sei die Frage, welche neuen pflanzlichen Produkte gut schmecken, wirtschaftlich interessant sind und zugleich besser zu einem trockeneren Klima passen. «Wenn etwas aus einer Notwendigkeit entsteht und am Ende sogar gefällt, ist viel gewonnen.»
Noch interessanter ist der Blick dorthin, wo Wassermangel kein Ausnahmezustand ist. In trockenen Regionen Indiens und Afrikas gehören Sorghum, verschiedene Hirsearten, Kichererbsen und Erdnüsse seit langem zum Anbau.
Einige Hirsearten kommen nach Angaben der FAO mit deutlich weniger Niederschlag zurecht als Mais. Für Biller-Andorno ist genau dieser Blick über die Landesgrenzen wichtig. «Wir sind ja nicht die ersten Menschen auf der Welt, die mit Wasserknappheit umgehen müssen.»
Die Trockenheit dieses Sommers macht damit einen Zielkonflikt sichtbar, wie Biller-Andorno ihn aus der Ethik kennt: Versorgungssicherheit, bäuerliche Existenzen, Tierwohl, Gesundheit und Umwelt lassen sich nicht beliebig gegeneinander ausspielen.
Biller-Andorno will die Landwirtschaft dabei ausdrücklich nicht als hilfloses Opfer darstellen. «Die Leute, die dort arbeiten, haben unglaublich viel Wissen.» Dieses Wissen müsse in die Veränderung einfliessen.
«Es geht nicht um eine Umstellung über Nacht: Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit die Landwirtschaft auch unter trockeneren Bedingungen eine verlässliche Zukunft hat.»
Die nächste Futterlieferung bleibt für einen Betrieb in Not die richtige Antwort auf heute. Für morgen reicht sie allein nicht.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








