Trinkgeld für Handwerker: Kritiker sprechen von «Almosen»

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Ein Nau.ch-Leser gibt zwei Handwerkern Trinkgeld. Sie wundern sich – darf oder soll man dem Handwerker überhaupt etwas geben?

Handwerker
Ein Handwerker im Einsatz. (Symbolbild) - depositphotos

Das Wichtigste in Kürze

  • Trinkgeld für Handwerker ist in der Schweiz eher selten und wird von der Branche nicht erwartet.
  • Angemessen sind bei Zufriedenheit grob fünf bis fünfzig Franken.
  • Auch Kaffee, Getränke, Komplimente oder Empfehlungen zeigen Wertschätzung.

Ein Nau.ch-Leser hat zwei Handwerker bei sich zu Hause. Sie arbeiten zwei Stunden lang sauber und speditiv. Zum Dank drückt er beiden einen Fünfliber in die Hand.

Die beiden freuen sich über das Trinkgeld, wirken aber zugleich etwas verdutzt, wie der Leser erzählt. So etwas komme nur selten vor, erklären sie.

Als der Leser später seiner Freundin darüber berichtet, ist diese skeptisch. Handwerkern Geld zuzustecken, wirke doch fast wie ein Almosen, meint sie.

Die Frage, was sich bei Installateuren, Monteuren oder Spenglern gehört, beschäftigt auch andere. Auf LinkedIn fragte ein Schweizer Immobilienmakler kürzlich in die Runde: «Wie viel Trinkgeld gibt man eigentlich einem Handwerker?»

Im Restaurant sei das normal, ebenso beim Coiffeur. Einem Piloten habe er dagegen noch nie Trinkgeld gegeben, witzelt er. «Aber dem Handwerker gibt man sicher Trinkgeld, oder? Und reichen da 20 Prozent?»

Branche erwartet kein Trinkgeld

Die kurze Antwortet aus der Branche lautet: Man muss nicht – darf aber.

«Es gibt ab und zu ein Trinkgeld, die Mehrheit der Kundinnen und Kunden gibt jedoch keines», sagt Christian Brogli. Er ist Kommunikationschef beim Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudetechnikverbands Suissetec.

Entsprechend werde eine zusätzliche Geldgabe auch nicht erwartet. Unangenehm sei sie für die Handwerker aber auch nicht.

Brogli bezeichnet sie als «mögliche Form der Wertschätzung und des Dankeschöns, wenn man besonders zufrieden war mit der Dienstleistung».

Gibst du Handwerkern Trinkgeld, wenn du mit der Arbeit zufrieden bist?

Tendenziell häufiger kommt Trinkgeld bei aussergewöhnlichen Einsätzen vor. Etwa, wenn ein Handwerker kurzfristig gerufen wird oder ausserhalb der regulären Arbeitszeiten bei einem Gebäudenotfall hilft.

Ähnlich sieht es Sanitärinstallateur Tim Brauchli. Auf LinkedIn gibt er seit Anfang 2025 Einblick in seinen Berufsalltag. Kürzlich widmete er einen Beitrag dem Trinkgeld.

Zur Frage, ob Trinkgeld Pflicht sei, hält er klar fest: «Nein. Nur wenn du wirklich möchtest und mit der Arbeit zufrieden bist. Kein guter Handwerker erwartet Trinkgeld.»

Fünf bis 50 Franken gelten als angemessen

Doch was ist angemessen?

Brauchli nennt eine recht grosse Spanne: «Ich würde sagen zwischen fünf und 50 Franken. Darunter wird's etwas speziell, darüber ist es schon sehr viel, ausser es war eine lange Baustelle.»

Suissetec will sich zwar nicht auf einen bestimmten Betrag festlegen. Brogli formuliert aber eine grobe Untergrenze: «Zumindest einen Kaffee und ein Gipfeli sollte man sich mit dem Trinkgeld schon leisten können (pro Person). Sonst lässt man es besser bleiben.»

Der Fünfliber des Nau.ch-Lesers liegt damit zumindest nicht völlig daneben.

Wertschätzung funktioniert auch ohne Geld

Wer kein Geld geben möchte, muss sich deswegen aber keine Gedanken machen. Sowohl Brauchli als auch Suissetec betonen, dass Wertschätzung auch anders gezeigt werden kann.

«Ein ehrliches Kompliment, ein Kaffee auf der Baustelle oder eine Weiterempfehlung», schreibt Brauchli. «Das bleibt oft länger in Erinnerung als ein Nötli.»

Auch Brogli nennt ein persönliches Dankeschön sowie Kaffee, Wasser oder Orangensaft. Für ein ausgiebiges «Kaffeekränzchen» fehle wegen des Zeitdrucks zwar meist die Zeit. Das Angebot eines Getränks werde dennoch geschätzt.

Handwerker
Ein ehrliches Dankeschön oder ein Kaffee sind manchmal mehr wert als Geld. - Magnific

Bei längeren Arbeiten kann schon eine kleine Geste helfen. Wer etwa bei grosser Hitze oder Starkregen einen geschützten Platz für die Pause anbietet, tut den Handwerkern ebenfalls etwas Gutes.

«Und wenn dann noch die persönliche Empfehlung im Bekanntenkreis oder eine positive Google-Rezension folgt, umso schöner!», so Brogli.

Bleibt noch die Frage, ob Handwerker Trinkgeld überhaupt selbst behalten dürfen.

Das werde von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich gehandhabt, sagt Brogli. «Ich gehe aber davon aus, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden Trinkgeld im üblichen Rahmen für sich behalten darf.»

Kommentare

User #2469 (nicht angemeldet)

Wenn ein Handwerker gute, saubere Arbeit geleistet hat und höflich war, bekommt er selbstverständlich ein Trinkgeld. In einer Beiz gibt es keines, denn wir haben Service inbegrifen.

User #4587 (nicht angemeldet)

Pervers wirds wenn man Kaffee und Gipfeli offeriert und dann für die 15 Minuten extra bezahlt.. 120Fr/h..

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