Trans Tochter: Annettes Kind heisst plötzlich anders
Was bedeutet es, wenn sich das eigene Kind als trans identifiziert? Die St. Gallerin Annette Spitzenberg kennt dies: Sie ist Mutter einer trans Tochter.

Das Wichtigste in Kürze
- Die St. Gallerin Annette Spitzenberg engagiert sich für Angehörige transidenter Kinder.
- Sie erzählt, was es bedeutet, wenn sich das eigene Kind als trans identifiziert.
Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell lanciert mit «TransParents» Ostschweiz ein neues Angebot für Eltern und Angehörige von trans Kindern und Jugendlichen.
Initiiert und moderiert wird die Austauschgruppe von der St. Gallerin Annette Spitzenberg, selbst Mutter einer trans Tochter.
Redaktion: Annette Spitzenberg, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Ihre Tochter Ihnen gesagt hat, dass sie trans ist? Was ist damals in Ihnen als Mutter passiert?
Annette Spitzenberg: Ich erinnere mich gut: Wir waren in Ludwigsburg, wo meine Tochter als Schauspielerin engagiert war. Es dauerte lange, bis sie sagte: «Mami, du hast nicht eine Tochter und einen Sohn, sondern zwei Töchter.» Mir kamen die Tränen. Sie hatte sichtlich mit sich gerungen, bis sie es aussprechen konnte. Wir haben beide geweint und uns umarmt. Es war aber auch ein Schock.
Redaktion: Wie alt war Ihre Tochter zu diesem Zeitpunkt?
Spitzenberg: Meine Tochter war damals 24 Jahre alt. Vermutlich hatte sie schon länger gespürt, dass etwas anders ist. Auch ich hatte mir Gedanken gemacht und vermutet, dass sie bisexuell sein könnte. Dass sie trans ist, hatte ich allerdings nicht erwartet.
Redaktion: Welche Gedanken oder Fragen kamen in den Tagen danach auf, über die Sie vielleicht im ersten Moment gar nicht gesprochen haben?
Spitzenberg: Ich machte mir Sorgen um ihre Zukunft und fragte mich, ob sie glücklich werden würde. Besonders beschäftigte mich die Angst, dass sie Opfer eines gewalttätigen Übergriffs werden könnte, weil sie trans ist.

Redaktion: Wenn Sie heute auf die Kindheit und Jugend Ihrer Tochter zurückblicken: Gibt es Dinge, bei denen Sie im Nachhinein sagen: «Jetzt ergibt manches plötzlich Sinn»?
Spitzenberg: Im Rückblick gab es durchaus Hinweise. Meine Tochter hat eine feine Seele, und ich spürte immer, dass etwas Weibliches in ihr steckt. Dass sie trans ist, hätte ich aber nicht gedacht. Als Kind trug sie keine Röcke und spielte auch nicht mit Puppen.
Später, während der Kanti, wollte sie bei einem Schauspielprojekt unbedingt eine Frau spielen und lieh sich dafür Kleider von mir. Vielleicht waren das ihre ersten Gehversuche.
Redaktion: Gab es etwas, das Sie im Umgang mit Ihrer Tochter rückblickend gerne früher gewusst oder anders gemacht hätten?
Spitzenberg: Ich hätte mich gerne weniger oft mit ihrem früheren Namen versprochen. Ausserdem hätte ich mir mehr positive Beispiele von glücklichen und zufriedenen trans Menschen gewünscht, statt vor allem die Herausforderungen zu sehen.
Redaktion: Wenn ein Kind sagt: «Ich bin trans» – was kann das für Eltern bedeuten? Geht es dabei auch um einen Abschied von Vorstellungen, die man sich über das eigene Kind gemacht hat?
Spitzenberg: Ich habe von Eltern gehört, die einen Trauerprozess durchleben und sagen, sie hätten ihren Sohn oder ihre Tochter verloren. So habe ich es selbst nicht erlebt.
Trotzdem musste ich mich von gewissen Vorstellungen verabschieden. Es ist, als würde man die Biografie des eigenen Kindes ein Stück weit neu schreiben. Mein Kind bleibt aber immer mein Kind.
Redaktion: Wie hat sich Ihre Tochter im Laufe dieses Prozesses verändert – und woran haben Sie als Mutter gemerkt, dass es ihr zunehmend besser geht oder sie mehr bei sich selbst angekommen ist?
Spitzenberg: Charakterlich ist meine Tochter derselbe Mensch geblieben. Dennoch hat sie sich verändert, sicherlich auch beeinflusst durch die Hormone, die sie nimmt.
Heute lebt sie ihre soziale Ader viel stärker aus. Bis dahin war es allerdings ein schwieriger Weg. Während ihres Coming-outs herrschte Corona, und sie lebt in Deutschland, wo die Einschränkungen damals strenger waren als bei uns.
Zudem musste sie zunächst mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten und anschliessend ein halbes Jahr Therapie machen, bevor sie Hormone nehmen durfte.
In dieser Zeit ging es ihr psychisch sehr schlecht. Sie durchlebte mehrere dunkle Phasen und musste vieles verarbeiten. Heute ist sie an einem guten Punkt angekommen. Ich habe das Gefühl, dass sie nun dort ist, wo sie sein möchte.

Redaktion: Ist eine geschlechtsangleichende Behandlung für Ihre Tochter ein Thema? Und wie geht man als Eltern mit solchen Entscheidungen um?
Spitzenberg: Meine Tochter wird sich nächstes Jahr operieren lassen. Dabei unterstütze ich sie voll und ganz. Natürlich mache ich mir Gedanken wegen möglicher Komplikationen und Schmerzen wie bei jeder Operation.
Ich wünsche mir, dass alles gut verläuft und sie sich danach in ihrem Körper noch wohler und noch glücklicher fühlt.
Redaktion: Welche Auswirkungen hatte das Coming-out auf das Leben Ihrer Tochter?
Spitzenberg: Eine Freundschaft ist daran zerbrochen, dafür hat meine Tochter viele neue Freunde gewonnen. Ihr soziales Umfeld hat sich verändert, es gab Verluste, aber auch viele positive Begegnungen.
Redaktion: Wie verändert sich die Beziehung zum eigenen Kind, wenn plötzlich Fragen zur Geschlechtsidentität im Raum stehen, über die man vorher vielleicht nie nachgedacht hat?
Spitzenberg: Ich bin nicht unbedingt die Mutter, die Schminktipps geben oder über alle Frauenthemen sprechen kann. Wir mussten uns auf beiden Seiten neu finden und aneinander gewöhnen. Letztlich hat sich aber unsere Beziehung vertieft.
Redaktion: Mit «TransParents Ostschweiz» schaffen Sie einen Raum für Eltern, Geschwister und Grosseltern. Was sollen Angehörige nach einem solchen Treffen idealerweise mit nach Hause nehmen?
Spitzenberg: Es geht darum, sich zu vernetzen und andere Eltern kennenzulernen, die ähnliche Fragen und Sorgen haben. Gleichzeitig soll TransParents Ostschweiz ein geschützter Raum für den Austausch sein, in dem wir uns gegenseitig Tipps geben und voneinander lernen können.
Denn jede Familie durchläuft ihren eigenen Prozess. Wir möchten auch aufzeigen, an welche Fachstellen man sich wenden kann, und Fachpersonen einladen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus ihrer jeweiligen Perspektive einbringen.
Redaktion: Die Gruppe zu gründen, war Ihre Idee, was war der Auslöser dafür?
Spitzenberg: Es gibt zwei Gründe, weshalb ich TransParents Ostschweiz ins Leben gerufen habe. Einerseits fehlte in der Ostschweiz bisher ein solches Angebot.
In Zürich und Basel gibt es Angehörigengruppen, hier jedoch nicht. Andererseits wird das Thema trans in der Öffentlichkeit häufig politisch diskutiert oder skandalisiert. Das kann Angehörige stark verunsichern.
Auch die rückschrittlichen Entwicklungen in den USA machen vor der Schweiz nicht halt. Gerade in dieser Zeit braucht es einen geschützten Raum, in dem Eltern zusammenstehen, ihre trans Kinder unterstützen und lernen können, wie sie ihnen zur Seite stehen.
Redaktion: Und was hält Ihre Tochter von der Gründung der Gruppe?
Spitzenberg: Meine Tochter findet es gut, dass ich mich engagiere und mich mit anderen Eltern austausche.
Redaktion: Wenn heute eine Mutter oder ein Vater vor Ihnen sitzt und sagt: «Mein Kind hat mir gerade erzählt, dass es trans ist. Ich weiss überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll» – was würden Sie dieser Person als Erstes sagen?
Spitzenberg: Ich würde sagen: Gebt euch Zeit. Man kann nicht einfach einen Knopf drücken, es ist ein Prozess für beide Seiten. Wichtig ist, zu wissen, dass Antworten kommen werden und sich vieles mit der Zeit erschliesst. Vielleicht hilft auch ein geschützter Raum, in dem man sich austauschen und lernen kann, mit der Situation umzugehen.
Es wird Schritt für Schritt besser. Entscheidend ist, dass man sich immer vor Augen hält: Ich liebe mein Kind bedingungslos und genauso, wie es ist, und will nur das Beste für es. Habt Vertrauen in euer Kind und euch selbst. Mit der Zeit wird sich vieles Weitere zeigen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.








