Touris schnuppern Kriegsluft und geben sich als Helden
Einige Touristinnen und Touristen sind dem Krieg im Iran entflohen. Dabei inszenieren sie sich, als wären sie Helden.
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Das Wichtigste in Kürze
- Bomben und Raketen haben Touristinnen und Touristen in ihrem Ferienort überrascht.
- Am Flughafen Frankfurt wirft sich ein Dubai-Tourist in Siegerpose, Promis posten Videos.
- «Es ist peinlich und hat ein Geschmäckchen», sagt ein Experte für Krisenkommunikation.
Bringt hier jemand eine Medaille nach Hause? In Siegerpose und umgeben von Kameras steht ein Passagier auf dem Flughafen Frankfurt.
Nein, der Mann ist kein nationaler Held: Es ist ein Tourist aus Dubai. Er hat Kriegsluft geschnuppert und einen Flieger erwischt, um dem Krieg im Iran zu entfliehen.
Eine deutsche Tiktokerin zeigt sich dankbar, wieder in der Heimat zu sein.
«Nach drei langen Tagen hatten wir das Glück, den ersten Flug zu erwischen», schreibt sie. Sie hat sich gefilmt, wie sie hell begeistert im Flugzeug sitzt und in Frankfurt landet. Wieder zuhause zu landen, habe sich noch nie so gut angefühlt, schreibt sie dazu.
«So unglaublich dünn geworden»
Auch der Schweizer Comedian Stefan Büsser (41) hat Glück und landet bereits am Dienstag in Zürich. Zuvor postet er auf Instagram KI-Videos, die ihn als Action-Held oder Filmfigur zeigen. Darin entflieht er seinem Ferienort Abu Dhabi zum Beispiel auf einem fliegenden Teppich.
Der Schweizer Reality-Star Elena Miras (33) sitzt mit einem grossen Pappbecher in der Hand auf dem Sofa. «Das Erste, das ich mir jetzt gönne, ist McDonald's», lässt sie im Video ihre Follower wissen.
Die Zwischenlandung in Abu Dhabi auf dem Rückweg ihrer Thailand-Ferien hat ihr offenbar zugesetzt. «Leute, ich bin so unglaublich dünn geworden. Diese vier Tage haben es in sich gehabt», jammert Miras. Sie freue sich jetzt einfach, zu essen.
«Hält sich selbst für wichtiger»
Die Videos kommen bei Usern teilweise schlecht an. «Hauptsache, man macht Show», schreibt jemand im Falle der deutschen Tiktokerin.
Rainer Meier ist Experte für Krisenkommunikation. «Es ist peinlich und hat ein Geschmäckchen, wenn man sich als Tourist auf diese Weise inszeniert», sagt er zu Nau.ch.

Werfe man sich in Siegerpose in die Ankunftshalle am Flughafen, zeige man damit, dass man ein Narzisst sei, sagt Meier. «Und sich selbst für wichtiger hält als alle anderen.»
Für Meier steht fest: «Damit gewinnt man keinen Blumentopf.» Selbst Freunde würden solches Verhalten hinter vorgehaltener Hand kritisieren. Zurückhaltung ist laut dem Experten stattdessen angesagt. «Freunden und Familie kann man über andere Kanäle als Social Media mitteilen, dass man gut zu Hause angekommen ist.»
«Leben in einer künstlichen Realität»
Humor lässt sich laut Reiner Meier aus jedem Vorfall ziehen. «Humor ist aber sehr individuell.» Im Zusammenhang mit Krieg witzige Videos zu posten, sei heikel. «Mein Humor wäre es jedenfalls nicht.»
Das Verhalten der Dubai-Touristen überrascht ihn nicht. «Es ist ein typisches Beispiel für das Leben in einer künstlichen Realität», sagt er. Viele Menschen befänden sich mittlerweile fast immer im «Insta-Modus».
Früher sei man nach Paris gereist und sei mit vielen Eindrücken und ein paar Fotos nach Hause gekommen, sagt Meier. «Heute stellen wir uns vor den Eiffelturm und teilen es mit der ganzen Welt.» Viele Menschen nutzten jeden Anlass, um sich selbst zu inszenieren. «Je spektakulärer etwas ist, desto besser.»
Amnesty International fordert mehr Demut
Aus Respekt gegenüber denjenigen, die in diesem Krieg litten, würde sich Rainer Meier als Tourist niemals ins Zentrum stellen. Ernüchtert stellt er fest: «Der Respekt ist in unserer Gesellschaft ohnehin schon vor langer Zeit abhandengekommen.»

Amnesty International Schweiz blickt mit Unverständnis auf die Show der Dubai-Touris.
«Der Krieg droht zum Flächenbrand zu werden und die gesamte Region in Gewalt und Chaos zu werfen», sagt Beat Gerber. Er ist Mediensprecher von Amnesty International Schweiz. Es werde erneut die Zivilbevölkerung sein, die unter den Folgen leide.
Er macht darauf aufmerksam, dass bereits jetzt mehrere Hundert zivile Tote zu beklagen seien. Darunter seien auch zahlreiche Kinder in einer Mädchenschule im Süden des Irans. Gleichzeitig gebe es Tote in Israel und den Golfstaaten.
«Etwas mehr Demut und Mitgefühl für die Opfer wäre angezeigt», sagt Gerber. «Statt sich in ‹Siegerposen› zu werfen oder Raketenbeschuss als Spektakel abzufeiern.»
Liessen sich von Glitzerfassade blenden
Laut Beat Gerber befindet sich der Krieg in einer frühen Phase. In dieser vermittelten die Bilder vermeintlich chirurgisch-präziser Luftschläge den falschen Eindruck, es handle sich um ein abstraktes «Kriegsschauspiel». Die Toten und Verletzten seien schon heute real. Die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft würden den Nahen Osten vermutlich über Jahre destabilisieren.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar befinden sich viele Touristen und Expats. Diese wollten nur wenig über die desolate Menschenrechtslage in den Ländern der Region wissen, so Gerber. «Das ist leider schon länger so.»
Viele liessen sich von der Glitzerfassade blenden. «Dabei sind schwere Menschenrechtsverletzungen gut dokumentiert.»
Gerber hält für ratsam, sich bei einer Reise nicht nur über Sicherheitsrisiken zu informieren. Wichtig sei auch die Menschenrechtsproblematik in einem Land. «Gerade auch, damit man etwa durch eigenes Verhalten oder Geldzahlungen nicht zu Unrecht beiträgt.» Als Beispiel erwähnt er die Ausbeutung von Arbeitsmigrantinnen und -migranten.
Büsser zeigt Mitgefühl
Show hin oder her: Ganz nur auf sich programmiert ist etwa Stefan Büsser nicht.
«Am allermeisten Mitgefühl habe ich mit den Menschen im Iran», schreibt Stefan Büsser in einem Post. Dasselbe gelte für die Menschen in Israel, der Ukraine «und überall sonst auf der Welt, wo Tyrannen die Bevölkerung terrorisieren».
Auf eine Anfrage, warum er die Spass-Videos gepostet hat, hat der Comedian nicht reagiert.















