Teenies fluchen – aber sie sind nicht schlechter erzogen
Immer häufiger fallen Kinder und Jugendliche mit derben Schimpfwörtern auf. Experten sehen darin jedoch weniger ein Zeichen von schlechter Erziehung.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Umgangsformen von Kindern und Jugendlichen fallen häufig negativ auf.
- Wörter wie «H**ensohn» oder «F**ze» fallen immer wieder.
- Experten sprechen dabei nicht von schlechter Erziehung, sondern von «Grenzen testen».
Zu hören sind sie auf Skipisten, auf Pausenplätzen oder an anderen öffentlichen Orten: Kinder und Jugendliche werfen immer wieder mit üblen Fluchwörtern um sich. Sie beschimpfen sich oder andere Menschen mit Wörtern wie «F**ze», «H**ensohn» oder «W**hser».
Doch diese Beobachtungen werfen Fragen auf: Ist die Jugend heute respektloser geworden? Oder geraten Eltern bei der Erziehung zunehmend an ihre Grenzen?
Für Christoph Leu, Co-Geschäftsführer der Familienbegleitung Sentiero-Plus, benehmen sich die Jugendlichen in solchen Situationen «grenzenlos». Solche Worte seien «too much», also zu viel.
Grenzen testen statt schlechter Erziehung
Aus der Sicht der Entwicklungspsychologie gehöre es in der Pubertät jedoch zu den zentralen Aufgaben, Grenzen zu testen. Entscheidend sei aber, dass Jugendliche dabei eine sichere Umgebung und verlässliche Bezugspersonen erleben.
Jugendliche bräuchten Erwachsene, die gleichzeitig klar und zugewandt seien. Solche, die Regeln einfordern, Themen direkt ansprechen und konsequent bleiben, ohne die Beziehung zu verlieren.
Leu sieht nicht zwingend eine generelle Verschlechterung der Erziehung. «Es ist vielleicht insofern schwieriger, weil mehr erlaubt ist im Erziehen und zugleich weniger», so der Familienbegleiter.
Früher sei Erziehung stärker von klaren Normen geprägt gewesen. Heute gebe es mehr Ansätze, mehr Ratgeber und damit auch mehr Unsicherheit.
Gewalt in der Erziehung sei zudem zu Recht rechtlich nicht mehr erlaubt. Dies definiere die Frage nach Autorität und Durchsetzung neu. Viele Eltern seien deshalb unsicher, wie konsequente, aber respektvolle Erziehung heute konkret aussehen soll.
Klage über Respektlosigkeit ist kein neues Phänomen
Auch Anja Meier von Pro Juventute warnt vor pauschalen Urteilen und sagt: «Kinder und Jugendliche testen Grenzen aus, das gehört zur Entwicklung dazu.» Besonders in Gruppen oder neuen Umgebungen werde oft ausprobiert, wie weit man gehen könne.
Die Klage über respektlose Jugend sei zudem kein neues Phänomen: «Schon in der Antike klagte Sokrates über die schlechten Manieren der Jugend.»
Gleichzeitig betont Meier, wie wichtig klare Werte und Regeln seien. Kinder bräuchten Orientierung und müssten lernen, dass Regeln im Zusammenleben wichtig sind und eingehalten werden müssen.
Erziehungsstile hätten sich in den Jahren auch verändert. Heute werde mehr Wert auf Mitbestimmung und Selbstständigkeit der Kinder gelegt. Das sei grundsätzlich positiv, erfordere aber ein Gleichgewicht zwischen Freiraum und klaren Grenzen.

Sowohl Leu als auch Meier betonen die Bedeutung von Beziehung, Klarheit und Vorbildfunktion.
Als Erziehungstipp gibt Christoph Leu den Eltern mit: «Seid präsent, wertschätzend und zugewandt, seid klar und konsequent. Zeigt euch authentisch und seid in Verbindung und Beziehung mit euren Kindern.» Und weiter: «Begleitet eure Kinder und führt sie mit Klarheit ins Erwachsen-sein.»
Anja Meier empfiehlt: «Wichtig ist, Kinder früh und altersgerecht für einen respektvollen Umgang zu sensibilisieren. Und ihnen zu zeigen, dass Worte und Taten verletzen können.» Nicht zuletzt gelte: «Eltern sind Vorbilder, ihr eigenes Verhalten prägt Kinder oft stärker als Worte.»













