Stadt Zürich

    Sogar unter Strassen und Häusern wird es in Zürich eng!

    Jan Strobel
    Jan Strobel

    Zürich,

    Unter Zürich wird der Platz knapp. Leitungen, Tunnel und Baumwurzeln kommen sich zunehmend in die Quere. Die Stadt will mit einer neuen Strategie gegensteuern.

    Unter Zürich wird es richtig eng
    Blick in die Tiefe: Der Platz unter Zürich ist begehrt. Und die Ansprüche an den Untergrund wachsen. - Amt für Städtebau Stadt Zürich

    Das Wichtigste in Kürze

    • Leitungen, Tunnel und Baumwurzeln kommen sich in Zürich zunehmend in die Quere.
    • An Verkehrsknotenpunkten ist es besonders eng.
    • Anfang September veröffentlichte die Stadt eine neue Strategie, um mit dem Problem besser klarzukommen.

    In der wachsenden Stadt Zürich gehört «Verdichtung» zum festen Vokabular der Stadtentwicklung. Und mit ihr wächst der viel beschworene «Dichtestress». Doch dieser macht längst nicht mehr an der Erdoberfläche halt.

    Auch unter den Strassen, Häusern und Plätzen wird es zunehmend eng. Wasser- und Stromleitungen, Kanalisation, Fernwärmenetze, Tiefgaragen und Tunnel beanspruchen Platz. Hinzu kommen Baumwurzeln, Erdwärmesonden und das Grundwasser.

    Sie alle konkurrieren um denselben Raum. Besonders eng ist es an Verkehrsknotenpunkten wie Bellevue und Central sowie entlang von Hauptverkehrsachsen wie der Bellerivestrasse. Dort treffen zahlreiche unterirdische Anlagen aufeinander.

    Die meisten Konflikte spielen sich nicht tief unter der Erde ab, sondern bereits in den ersten Metern unter dem Strassenbelag. Die Stadt sieht angesichts dieses eingegrabenen Platzkampfs Handlungsbedarf. Anfang September veröffentlichte sie ihre Strategie «Planen und Bauen im Untergrund».

    zürich
    Auch im Zürcher Untergrund wird um jeden Meter gerungen. - Amt für Städtebau Stadt Zürich

    Das Fazit: Zunehmende Nutzungskonflikte zeichnen sich nicht nur oberirdisch etwa in der Verkehrspolitik ab; sie nehmen auch unter dem Zürcher Boden zu. Und die bisherigen Planungsinstrumente und Koordinationsmöglichkeiten reichen nicht mehr aus.

    Ein «Verschiebespiel»

    Ein Beispiel liefert die Hofwiesenstrasse in Unterstrass und Oerlikon, zwischen der Allenmoos- und der Regensbergstrasse. Dort sollen Tram und Autos künftig auf derselben Fahrbahn verkehren. Gleichzeitig muss die Kanalisation erneuert werden.

    Doch unter einem Trottoir liegt bereits eine Hauptleitung der Fernwärme. Und unter dem Tramgleis kann der neue Abwasserkanal aus betrieblichen Gründen nicht verlegt werden. Also muss der Kanal dorthin, wo heute die Wasserleitung liegt.

    Diese wiederum muss weichen. Dieses unterirdische «Verschiebespiel» hat seinen Preis: Laut Stadt entstehen dadurch Mehrkosten von rund 800’000 Franken. Dabei sind solche Probleme keineswegs die Ausnahme.

    Gemäss dem Grundlagenbericht zur neuen Strategie müssen bei fast allen städtischen Tiefbauprojekten die Platzansprüche etwa von Werkleitungen und Baumwurzeln aufeinander abgestimmt werden.

    Damit geraten ausgerechnet zwei Ziele der Stadtentwicklung in Konflikt, die eigentlich Hand in Hand gehen sollten: die Begrünung der Stadt und die klimafreundliche Wärmeversorgung mit dem Ausbau der thermischen Netze. Bis 2040 sollen rund 60 Prozent des Stadtzürcher Siedlungsgebiets mit Fernwärme erschlossen sein.

    Gleichzeitig will Zürich bis 2050 erreichen, dass ein Viertel des Siedlungsraums von Baumkronen bedeckt ist. Diese zusätzlichen Bäume sollen besonders entlang der Strassen gepflanzt werden. Doch gerade dort liegen bereits zahlreiche Leitungen unter dem Boden.

    Die Suche nach neuen Standorten für Baumpflanzungen gestaltet sich aufwendig. Das zeigt zum Beispiel die Situation an der Herrligstrasse in Altstetten. Vorgesehen sind dort auf der Westseite eigentlich neun neue Bäume.

    Aber genau an diesen geplanten Standorten verlaufen mehrere Glasfaserkabel eines Telekomanbieters. Bevor feststehe, ob die Bäume überhaupt wie geplant gepflanzt werden, müsse geklärt werden, ob und wie die Kabel verlegt werden können, hält das Amt für Städtebau fest.

    steuersenkung
    Blick auf die Stadt Zürich. - keystone

    Dass der Untergrund über das Schicksal eines Baumes entscheiden kann, zeigt auch die Schulanlage Utogrund. Bei den Arbeiten an einer Tiefgarage konnte die Baugrube noch so angepasst werden, dass sämtliche betroffenen Bäume erhalten bleiben.

    Anders beim geplanten Ersatzneubau der Schulanlage. Zwar sei nach Lösungen zum Erhalt einer Kastanie gesucht worden; wegen der beengten Platzverhältnisse sei eine Verschiebung des Bauwerks allerdings nicht möglich, betont die Stadt. Der Baum muss deshalb weichen.

    Auch in grosser Tiefe

    Doch wer entscheidet eigentlich, ob eine Leitung oder ein Baum Vorrang hat? Eine feste Rangordnung, so das Amt für Städtebau, gebe es nicht. Vielmehr werden die verschiedenen Interessen bei jedem einzelnen Bauvorhaben gegeneinander abgewogen.

    Zunächst gelten zwingende gesetzliche Vorgaben, etwa zum Grundwasserschutz oder zu Sicherheitsabständen bei Gas- und Wasserleitungen. Erst danach kommen die städtischen Planungsziele ins Spiel. Im Idealfall werden Lösungen «gebündelt»: Die Verlegung von Leitungen erfolgt unter einer Fahrbahn, wo ohnehin nichts gepflanzt werden kann.

    Die Randbereiche bleiben dann für Wurzelraum frei. Derzeit überarbeitet das Tiefbauamt seine Vorgaben, damit Leitungen künftig flexibler angeordnet werden können, auch, um mehr Platz für Bäume gewissermassen freizuschaufeln. Allerdings ist eine allfällige Verschiebung bestehender Leitungen aufwendig und teuer.

    Wohnst du in der Stadt Zürich?

    Gerade Fernwärmeleitungen benötigen besonders viel Platz, und sie werden dort gebaut, wo die Stadt schon dicht ist. Der Druck dürfte weiter zunehmen. Der «Dichtestress» im Untergrund betrifft dabei nicht nur die obersten Meter.

    Nutzungskonflikte zeichnen sich auch in grösserer Tiefe ab. Erdwärmesonden reichen beispielsweise 100 bis 400 Meter tief in den Boden. Grössere Erdwärmesondenfelder könnten allerdings künftigen Tunnelbauten oder anderen unterirdischen Anlagen in die Quere kommen, heisst es im Grundlagenbericht.

    Dass das kein rein theoretisches Problem ist, zeigte sich beim Bau des Weinbergtunnels, der den Hauptbahnhof mit Oerlikon verbindet. Für die 2014 eröffnete Bahnverbindung mussten zwei Erdwärmesonden ersetzt werden, damit die vorgesehene Linienführung realisiert werden konnte.

    Und nicht zuletzt stellt sich auch eine rechtliche Frage. Wie weit reicht das Eigentum an einem Grundstück in die Tiefe? Gemäss Zivilgesetzbuch erstreckt es sich nur so weit, wie der Eigentümer ein berechtigtes Interesse daran hat.

    Gerade bei Erdwärmesonden kann das zu Konflikten zwischen privaten Nutzungsinteressen und öffentlichen Infrastrukturprojekten führen. Mit ihrer neuen Strategie will die Stadt solche Konflikte früher erkennen und die unterschiedlichen Nutzungen besser aufeinander abstimmen.

    Unter der Leitung des Amts für Städtebau soll sich eine ständige Koordinationsgruppe mit den Ansprüchen an den Untergrund befassen. Allerdings räumt die Stadt ein, dass Lücken bestehen. So fehlt es insbesondere an griffigen Instrumenten, um die zunehmende Unterbauung auf privatem Grund zu steuern.

    Auch bei der Finanzierung und der Abstimmung grösserer Infrastrukturvorhaben sieht sie Handlungsbedarf. Die Stadt weiss also, wo es eng wird. Doch wie sie die Nutzungskonflikte künftig lösen will, ist noch nicht abschliessend geklärt.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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