Sogar Profi Schurter stürzt: Experten fordern neue Trotti-Regeln
Mountainbiker Nino Schurter stürzt auf dem Trottinett übel. Die «Mountain Scooter» werden oft unterschätzt. Nun gibt es Forderungen nach strengeren Regeln.

Das Wichtigste in Kürze
- Kleine Räder, hohe Geschwindigkeiten und fehlende Routine erhöhen die Sturzgefahr auf Berg-Trottinetts.
- Die BFU fordert Begleitpersonen für Kinder unter 14 Jahren.
- Zuletzt zeigte sich am Beispiel Nino Schurter aber, dass Stürze jedem passieren können.
- Vor vier Jahren stürzte eine 48-Jährige gar tödlich.
Es waren «Schmerzen, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren». Nino Schurter meldet sich letzte Woche aus dem Spitalbett (Nau.ch berichtete).
Der erfolgreichste Mountainbiker aller Zeiten war mit seiner Familie unterwegs. Nach einer Wanderung soll es mit dem Trottinett den Berg runter gehen. Schurter stürzt schlimm – er kugelt sich die Schulter aus und bricht sich den Arm.
Schurter ist zehnfacher Weltmeister, neunfacher Gesamtweltcupsieger, Olympiasieger – letztes Jahr trat er zurück. Nun wird ausgerechnet der Bike-Legende ein Mountain Scooter zum Verhängnis.
Was macht die Trotti-Bikes, wie die Tret-Roller auch genannt werden, so gefährlich?
Kleine Räder, grosse Gefahr
«Stürze können jedem und jeder passieren», stellt die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU klar. Bei Abfahrten kommen mehrere Risikofaktoren zusammen.
«Die Trottinette haben kleine Räder und reagieren darum schnell auf Unebenheiten wie Schlaglöcher, Äste oder Steine.» Zudem fährt man bergab, es bauen sich grosse Geschwindigkeiten auf. Auszuweichen ist schwieriger, die Bremswege sind länger.
«Hinzu kommt, dass man auf Trottinetten keine Knautschzone hat. Ausser einem Helm ist die Fahrerin oder der Fahrer meist ungeschützt.»
Eine Knautschzone ist ein gezielt verformbarer Bereich an der Karosserie eines Fahrzeugs. Dieser fängt bei einem Aufprall die Wucht des Schlags ab.
Ein entscheidender Punkt ist zudem die Routine. «Viele Personen fahren nur gelegentlich mit einem Trottinett einen Berg hinunter. Unbekannte Strecken, Kurven und Gefälle können überraschen und falsch eingeschätzt werden.»
Auch die Polizei macht auf die Gefahren aufmerksam. «Kleine Räder, grösseres Risiko», warnt etwa die Kapo Graubünden. Auch die stehende Haltung und der damit verbundene hohe Schwerpunkt machen Ausweichen und Gleichgewicht-Halten schwieriger.
Touris unterschätzen Gefahr – Experten fordern neue Regeln
Die Fahrzeuge seien «gefährlicher, als viele denken. Die Geräte wirken, als ob sie einfach zu fahren wären.» Die eigenen Fähigkeiten würden dann überschätzt.
Die Regeln, um ein Trotti am Berg mieten zu können, sind von Bergbahn zu Bergbahn ganz unterschiedlich. Mancherorts gibt es sie ab 1,25 Meter Körpergrösse, an anderen Orten schon ab sechs Jahren oder ohne Vorgaben.

«Die Trottinetts werden sehr niederschwellig angeboten», so die BFU. «Dadurch kann bei Touristen der Eindruck entstehen, dass eine Abfahrt mit dem Trottinett einfach und ohne besondere Vorbereitung möglich ist.»
Unter anderem gelte es hier anzusetzen – die BFU fordert strengere Regeln.
Bei Kindern unter 14 Jahren sollte eine Begleitperson vorausgesetzt werden. Und Trottinette dürfen nie zu zweit gefahren werden. «Diese Regel sollte überprüft und bei Bedarf besser durchgesetzt werden. Zudem sollten Schoner empfohlen werden.»
Sörenberg AG setzt auf Riesen-Räder
Die Bergbahnen Sörenberg AG haben bereits ein 14-Jahre-Mindestalter für alleinige Benützung eingeführt. Pro Sommersaison werden dort 6500 Trottinetts vermietet.
Jährlich verzeichne man im Schnitt nur ein bis zwei Unfälle, oftmals Schürfwunden. «Der letzte Rega-Einsatz auf unserer Trotti-Strecke liegt glücklicherweise viele Jahre zurück.»

Helme seien obligatorisch. Zudem ersetze man Trottinetts laufend durch neuere Modelle. «Die jetzigen Gerätschaften erfüllen mit ihren breiten, grossen Reifen sowie guten Bremsanlagen hohe Sicherheitsstandards.»
Bilder zeigen, dass Bike-Legende Nino Schurter mit seiner Familie beim Unfall auf dünneren Pneus unterwegs war. Zu seinem Crash wollte sich der Bündner auf Nau.ch-Anfrage nicht weiter äussern.
Trotti-Sturz endete auch schon tödlich
Die Vergangenheit zeigt, dass Stürze mit den Berg-Trottis auch noch schlimmer ausgehen können. Im Juli 2022 ereignete sich auf der Vordersillerenstrasse in Adelboden BE ein Selbstunfall. Eine 48-jährige Aargauerin stürzte auf einem Miet-Trotti – und erlag ihren schweren Verletzungen im Spital.
Im Juli 2025 kam es gleich zu einem Doppel-Unfall in Vella GR. Ein 31-Jähriger betätigte auf seiner Abfahrt vor einer Viehschranke abrupt die Bremsen und überschlug sich nach vorne. Ein Bauer leistete erste Hilfe, der Mann wurde von der Rega ins Spital nach Ilanz geflogen.

Nur rund vier Stunden später und drei Kilometer weiter unten stürzte eine Frau. Auch sie wurde durch den Rettungsdienst ins Spital von Ilanz transportiert.
Ob die Einsätze wegen Berg-Trottis zu- oder abnehmen, dazu kann Rega-Sprecher Mathias Gehrig keine Angaben machen.
Ein wichtiger Einflussfaktor sei das Wetter. «Je besser die Wetterbedingungen sind, desto mehr Menschen halten sich draussen auf und gehen Freizeitaktivitäten nach.»











