So kannst du auch als Doppel-UT Militär leisten – ohne Ersatzabgabe!

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Bern,

Sich trotz doppelter Untauglichkeit dem Ersatzsteuer-Schock entziehen? Das geht: Die Armee lässt Doppel-UTs unter Auflagen ins Büro oder in die Logistik.

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Militärdienst trotz Doppel-UT? Ein Rekrut erklärt in einem viralen Video, wie das geht. - instagram/@ihschule43

Das Wichtigste in Kürze

  • Wer doppelt untauglich ist, muss die Wehrpflichtersatzabgabe zahlen.
  • Seit 2013 gibt es aber einen Spezialdienst für gewisse Untaugliche.
  • Sie arbeiten dann in Büro oder Logistik, ohne Waffe oder Beförderung.
  • Die Schweizer Armee nennt auf Anfrage von Nau.ch genaue Zahlen.

Wer sowohl für den Militärdienst als auch für den Zivilschutz untauglich ist, muss eine Wehrpflichtersatzabgabe leisten. Diese beträgt drei Prozent des steuerbaren Einkommens – mindestens jedoch 400 Franken.

Bis zum 37. Altersjahr muss diese Abgabe bezahlt werden. So kommt einiges an Geld zusammen, das an Vater Staat fliesst – nur, weil man keinen Militärdienst leisten darf.

Doch was viele nicht wissen: Wer die medizinischen und psychologischen Tests nicht besteht, kann unter gewissen Umständen trotzdem ins Militär.

Hast du Militärdienst geleistet?

Seit 2013 gibt es nämlich einen «Militärdienst mit speziellen medizinischen Auflagen» für Doppelt-Untaugliche.

Jede Person wird dabei individuell von einer spezialisierten ärztlichen Kommission beurteilt. Man muss körperlich, geistig und psychisch für den Militärdienst geeignet sein. Weder die eigene Gesundheit noch die von anderen darf dadurch gefährdet werden.

Rekrut schwärmt von Spezial-Dienst

Die Instandhaltungsschule 43 der Schweizer Armee, die Truppenhandwerker ausbildet, macht diesen Spezialdienst nun auf Instagram publik. Das Video schlägt hohe Wellen.

«Ich bin nicht auf dem Feld. Ich habe keine Waffe und ich darf nicht befördert werden», erklärt der Rekrut im Video. Stattdessen werde er im Büro und in der Logistik eingesetzt.

Militär
Das Video eines Rekruten, der den Spezial-Militärdienst leistet, schlug hohe Wellen. - Screenshot instagram/@ihschule43

Da staunen andere, die ebenfalls als doppelt untauglich erklärt wurden: «Wenn ich das am Infotag gewusst hätte ... Ich musste bislang mehr als 10'000 Franken bezahlen und kann nichts dafür», schreibt einer.

Ein anderer klagt: «Niemand hat mir gesagt, dass es diese Option gibt.» Er findet es «eine Frechheit», dass er bei der Aushebung nicht darauf aufmerksam gemacht worden sei.

Armee-Video kurzzeitig offline

Verdächtig: Nur wenige Tage nach Veröffentlichung zweier Erklär-Videos auf Instagram ist eines davon zunächst wieder offline. Dabei geht es aber nicht darum, etwas zu verheimlichen.

Das Video habe «fälschlicherweise Kontaktangaben, die nicht im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit verwendet werden», enthalten, erklärt die Armee auf Anfrage. Nach einer Klärung ist das erste der beiden Videos wieder online.

Wie populär ist der «Militärdienst mit speziellen medizinischen Auflagen»? Jetzt nennt die Schweizer Armee konkrete Zahlen:

«Seit 2013 sind bis zum 31.12.2025 2571 Anträge eingegangen», sagt Armeesprecher Stefan Hofer zu Nau.ch.

Rund 58 Prozent der Gesuche kommen durch

«Davon konnten 1497 Personen als ‹militärdiensttauglich, nur für besondere Funktionen mit Auflagen, schiessuntauglich› gemacht werden.» In rund 58 Prozent der Fälle können die Männer also den Spezial-Dienst in der Logistik oder im Büro leisten.

Weitere 772 Gesuche seien zurückgezogen worden – die Gründe dafür würden nicht erhoben.

«Die übrigen Gesuche befinden sich entweder noch in Bearbeitung oder sind derzeit pendent. Beispielsweise weil erforderliche Unterlagen der Gesuchstellenden noch ausstehen», sagt Hofer.

Hast du gewusst, dass auch Untaugliche Militärdienst leisten können?

Jährlich liegt die Anzahl der eingereichten Gesuche laut Armee zwischen 120 und 260. Eine Zunahme sei nicht feststellbar. Vielmehr unterliege die Zahl Schwankungen.

Doch werden die wehrpflichtigen Männer über diese Möglichkeit informiert – oder liegt es in ihrer Eigenverantwortung, sich selbst zu erkundigen?

Der Armeesprecher erklärt: «Im Rahmen der Rekrutierung erhalten die beurteilten Personen jeweils ein Formular mit einer Rechtsmittelbelehrung. Darin werden sie ausdrücklich über ihre Rechte und Möglichkeiten informiert.»

Darauf wird über das mögliche Vorgehen informiert und auf ein separates Formular zum «Militärdienst mit speziellen medizinischen Auflagen» verwiesen.

Untauglicher Schweizer zog bis nach Strassburg

Der Grund für diese Regelung geht Jahrzehnte zurück: Der Schweizer Sven Glor wurde 1997 als untauglich erklärt, weil er an Diabetes Typ 1 leidet. In der Folge musste er die Ersatzsteuer zahlen.

EGMR
Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) musste die Schweiz ihre Praxis bezüglich der Wehrpflichtersatzabgabe überarbeiten. - keystone

Glor sah darin eine Diskriminierung und wehrte sich – mit Erfolg. 2009 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg die Schweiz einstimmig.

Das Gericht sah das Diskriminierungsverbot verletzt. Das Gebot der gleichen Behandlung sei nicht eingehalten worden, da keine alternativen Dienstmöglichkeiten für Teilbehinderte wie Glor angeboten wurden.

In der Folge führte die Schweiz den «Militärdienst mit speziellen medizinischen Auflagen» ein.

Kommentare

User #4910 (nicht angemeldet)

Mein Name ist Sponk und ich bin ein Sponk!

User #2977 (nicht angemeldet)

Die Melk Strategie geht auf!!

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