So echt sehen KI-Schauspieler heute schon aus
KI-Videos sehen immer besser und realistischer aus. Hat die traditionelle Filmbranche noch eine Zukunft? Wird die KI Tausende von Film-Jobs gefährden?
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Das Wichtigste in Kürze
- Hat die traditionelle Filmbranche gegen KI-Videos noch eine Chance?
- Eine Studie sagt, dass die Hälfte aller Jobs in der Filmbranche wegfallen könnte.
- Die Reaktionen der Filmbranche fallen gemischt aus, so ein Szenenkenner.
- Ein KI-Experte gibt Entwarnung: «KI-Kunst ist nicht schön.»
Die Menschen im Video sehen täuschend echt aus. Bei manchen Szenen könnte man meinen, es handle sich um einen Hollywood-Blockbuster oder um eine aufwendig produzierte Netflix-Serie. Doch diese Videos entstehen ohne grosse Teams, Schauspieler oder reale Dreharbeiten.
Die Menschen im Video (oben) entstanden allesamt mit dem neuen KI-Videotool Veo von Google.
Die KI-Technologien stehen erst am Anfang und werden sich in den nächsten Jahren noch stark weiterentwickeln.
Muss sich die Filmbranche deshalb ernsthafte Sorgen machen? Hat die traditionelle Filmproduktion, mit Drehbuch, Regie, Schauspiel und aufwendiger Postproduktion, noch eine Zukunft? Und: Werden durch die KI Tausende von Arbeitsplätzen in der Filmbranche wegfallen?
Dass die Sorgen in der Branche gross sind, zeigt eine Studie der privaten Hochschule Macromedia in Deutschland. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von Führungskräften und Mitarbeitenden aus der deutschen Filmwirtschaft.
Die Befragung zeigt: Ab dem Jahr 2038 wird erwartet, dass durch Einsatz von KI die Hälfte der Arbeitsplätze in der Filmbranche wegfallen könnte. Und weiter prognostiziert sie, dass in 15 Jahren die Mehrheit der Rollen von virtuellen Schauspielenden besetzt sein wird.
Sinkende Nachfrage bei Synchronsprechern schon spürbar
Valentin Huber ist Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Departement Film bei der Zürcher Hochschule der Künste. Und selber auch in der Filmbranche tätig.
Er sagt auf Anfrage von Nau.ch, dass die Reaktionen, die er aus der Branche mitbekomme, gemischt seien: «Manche fürchten um ihre Jobs, andere hoffen auf neue Möglichkeiten. Insbesondere im Bereich der Synchronsprecherinnen und Sprecher ist eine sinkende Nachfrage spürbar. Hier wird vermehrt auf KI-generierte Stimmen gesetzt», erklärt Huber.

Auch andere Bereiche spüren laut Huber den Jobabbau: «Bereits jetzt zeigen sich Auswirkungen in den Bereichen Werbung und Fotografie. Dort ersetzt KI zunehmend menschliche Arbeit. Sicher ist, dass KI einen spürbaren und disruptiven Einfluss auf die Joblandschaft in der Film- und Fernsehbranche haben wird.»
Das Problem: Oft werde KI nicht eingesetzt, weil sie die gleiche Qualität liefern kann wie der Mensch. KI werde gebraucht, weil sie eine günstigere Alternative darstelle, sagt Huber.
Genau darin liege aber auch eine Chance. Huber: «KI kann vereinfachen und die Zugänglichkeit erhöhen. Gerade im kleinen Filmland Schweiz, in dem Hollywood-ähnliche Produktionen unrealistisch sind, können durch KI neue Projekte realisiert werden.» Also Projekte, die aus technischen oder finanziellen Gründen bisher nicht machbar gewesen wären.
KI-Experte: «KI-Kunst ist nicht schön»
Thilo Stadelmann ist Leiter des «Centre for Artificial Intelligence» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er forscht seit Jahren zu Künstlicher Intelligenz. Er sagt, dass die Entwicklung der generativen KI in den letzten drei Jahren «beeindruckend» sei.

Um die Filmbranche macht sich Stadelmann aber keine grossen Sorgen: «KI-Kunst ist nicht schön, sie ist nicht tiefgründig und berührt nicht.»
Er vergleicht es mit KI-Tools zum Texten, wie etwa ChatGPT: Die Texte, die die KI ausspucke, seien zwar grammatikalisch einwandfrei, jedoch seien sie auch «inhaltlich flach». Ähnlich verhalte es sich mit der Video-KI.
KI reproduziert nur Mittelwerte
Das habe seinen Grund: Künstliche Intelligenz sei prinzipiell darauf ausgelegt, dass sie Durchschnitt produziere, erklärt der KI-Forscher. Dies, weil die KI quasi das ganze Internet verinnerlicht habe und daraus dann diese «klischeehaften Mittelwerte» produziert.
Für Stadelmann ist klar: Die KI wird den Menschen in der Filmbranche nicht komplett ersetzen, sondern ergänzen und auch neue Möglichkeiten schaffen.

Bei der Studie aus Deutschland kritisiert Stadelmann vor allem die Methodik. Um eine aussagekräftige Prognose zu erhalten, hätte man seiner Meinung nach KI-Experten fragen sollen.
Denn: Zentrales Ergebnis der Studie ist auch ein erheblicher Mangel an KI-Kompetenzen bei den Beschäftigten der deutschen Filmwirtschaft. Es sei deshalb fraglich, wie verlässlich diese Prognosen seien. Stadelmann: «Ich sehe da vor allem die Sorgen von Personen, die unter grossem Budgetdruck stehen.»
KI hat Schwächen bei der Kreativität
Auch Valentin Huber sieht Schwächen bei der KI: «Die meisten derzeit verfügbaren KIs überzeugen noch nicht durch Kreativität. Sie haben Schwierigkeiten mit konsistenter Kontinuität – sowohl in Bild als auch im Text.»
Insbesondere bei Langformaten oder in kreativen Bereichen wie Drehbuch, Regie und Schauspiel werde der Mensch noch länger wichtig bleiben. Huber: «In kürzeren Formaten, wie etwa in der Werbung, kommt bild-, ton- und videogenerierende KI bereits häufiger zum Einsatz.»
Aber auch hier stehe meistens noch ein Mensch dahinter, der den kreativen Rahmen vorgebe.

Ein weiteres Problem: KI-generierte Inhalte, vor allem im Bild- und Videobereich, lassen sich nur schwer gezielt anpassen oder verändern. Auch die technische Qualität, etwa in Bezug auf Farbtiefe oder Auflösung, entspreche noch nicht den Standards professioneller Abläufe. Aktuell müsse man bei der Verwendung von KI häufig Kompromisse eingehen, erklärt Huber.
Muss der KI ein Riegel geschoben werden?
Da Langfilme und Serien in der Schweiz häufig durch öffentliche Gelder subventioniert werden, könnte laut Huber hier eine Regulierung ansetzen. Also beispielsweise, dass KI nur dann eingesetzt werden darf, wenn damit etwas realisiert werden kann, das sonst nicht möglich wäre.
Huber könnte sich bei subventionierten Projekten eine Deklarationspflicht für den KI-Einsatz, die stichprobenartig kontrolliert wird, vorstellen.
Es stellen sich komplizierte Urheberrechtsfragen
Auch bezüglich Urheberrecht gebe es bei der KI noch viele Fragezeichen. Das sagt Salome Horber, Geschäftsführerin von Cinésuisse, dem Dachverband der Schweizerischen Film- und Audiovisionsbranche, zu Nau.ch.
Denn für das Training von KI-Anwendungen finde auch eine Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken statt. Es werden also bestehende Musik, Texte, Bilder oder Filme von Kunstschaffenden verwendet, um die KI zu trainieren.
«Die Urheber müssen für die Nutzung ihrer Werke entschädigt werden», fordert Horber. Entsprechend müsse eine Transparenzpflicht bei der Massenverarbeitung urheberrechtlicher Werke geschaffen werden. Aber auch Vergütungssysteme und allfällige Gesetzesgrundlagen müssten überdacht werden.