Selbstfahrende ÖV-Taxis der Post fahren in der Ostschweiz

Keystone-SDA
Keystone-SDA

Rheintal,

Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat Postauto Schweiz eine Ausnahmebewilligung für den Betrieb selbstfahrender Fahrzeuge in der Ostschweiz erteilt. Noch sind Sicherheitsfahrerinnen und -fahrer an Bord. Ab 2027 sollen die «AmiGo»-Fahrzeuge Passagiere befördern.

In einem gelb-schwarzen Auto rund um ein Gebäude zu fahren, klingt zunächst nicht sonderlich spektakulär. Und doch übten genau solche Fahrten am Freitag in Altstätten SG eine gewisse Faszination aus, als Postauto eines ihrer «AmiGo»-Fahrzeuge samt Medienschaffenden autonom um einen Betriebshof kurven liess: wie von Geisterhand gesteuert, mit einem Sicherheitsfahrer an Bord und immer dann abbremsend, wenn ein Fussgänger die Strasse überqueren wollte.

Bis zu diesen Demofahrten waren diverse Arbeiten notwendig. «Das Astra hat uns eine Ausnahmebewilligung erteilt, um mit unseren Fahrzeugen automatisiert, also ohne die Hände am Steuer, unterwegs zu sein», erklärte Stefan Regli am Freitag bei einer Medienkonferenz. Der CEO der Postauto Schweiz AG sprach damit die nächste Phase im Projekt «AmiGo» an, für welches Postauto mit dem chinesischen Robotaxihersteller Apollo Go der Techfirma Baidu zusammenspannt und ab 2027 in und um das St. Galler Rheintal Fahrgäste mit selbstfahrenden Autos transportieren möchte.

In den vergangenen Wochen führte Postauto in und um Altstätten Kartographierungsfahrten durch, um das spätere Einsatzgebiet der Fahrzeuge zu erfassen. Dabei wurden die «AmiGo»-Autos noch von Fahrerinnen und Fahrern gesteuert. Ebenfalls seien im TCS-Fahrsicherheitszentrum in Hinwil alle Sicherheitsnachweise erbracht worden, welche das Astra verlangte.

Seit dem 1. Juni laufen sogenannte «freihändige Testfahrten». Bei diesen sitzen zwar immer noch Sicherheitsfahrerinnen und -fahrer im Auto, die eingreifen können, wenn es gefährlich wird oder das Auto mit einer Situation überfordert ist. Sie dürfen das Lenkrad aber loslassen und die Fahrzeuge steuern bereits autonom durch die Strassen. Die selbstfahrenden «AmiGo»-Autos werden somit schrittweise im realen Verkehr erprobt.

Die Bewilligung des Astra erlaube es, in den kommenden Monaten Erfahrungen für den späteren, hochautomatisierten Betrieb auf Level 4 zu sammeln. «Sobald die Autos das Einsatzgebiet wie ihre eigene Westentasche kennen, werden wir erste Testkunden an Bord willkommen heissen», so Stefan Regli. Das soll noch in diesem Jahr der Fall sein.

Im Verlaufe des Jahres 2027 sollen die elektrischen Fahrzeuge dann von allen ÖV-Nutzerinnen und Nutzern via App an bestimmte Abholpunkte gerufen werden können, um sich im rund 80 Quadratkilometer grossen Gebiet in den Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden chauffieren zu lassen. «AmiGo» werde somit das bestehende ÖV-Angebot ergänzen. Es sei hingegen nicht das Ziel, Postautolinien zu ersetzen oder die Taxibranche zu konkurrenzieren, versicherte der Postauto-CEO.

Platz bieten die Fahrzeuge für bis zu drei Fahrgäste. Der Fahrersitz bleibt im Normalbetrieb leer. Noch nicht klar ist, wie viel eine Fahrt kosten wird.

Bis zum regulären Betrieb müssen die «AmiGo»-Fahrzeuge nochmals mehrere Phasen durchlaufen, wie Projektleiterin Franziska Schär ausführte. Sobald sie sich im Strassenverkehr bewährt haben, werden sie ohne Sicherheitsfahrer an Bord losgeschickt. Weiterhin überwacht sind sie dann durch Operatoren in einer Zentrale, die jederzeit eingreifen können. Schritt für Schritt sollen weniger solcher Operatoren nötig werden, um die bis zu 25 ÖV-Taxis zu überwachen.

Seit Anfang Juni fahren die «AmiGo»-Fahrzeuge zunächst einmal rund um einen Betriebshof in Altstätten, in dem sie stationiert sind. «Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. Sämtliche Ampeln und Menschen, auch solche, die auf die Strasse getreten sind, hat das Auto zuverlässig erkannt. Wir haben aber gemerkt, dass das Fahrgefühl noch verbessert werden muss, etwa wie stark das Auto bremsen und beschleunigen soll», sagte Franziska Schär.

Nach jeder Fahrt werde ausgewertet, in welchen Situationen die Autos an ihre Grenzen stiessen. Gewisse Szenarien würden zudem nicht auf öffentlichen Strassen, sondern nur auf einem abgesperrten Gelände erprobt.

Zunächst finden die «freihändigen Fahrten» lediglich am Tag statt. «Sobald das System gut funktioniert, werden wir die Tests auf die Nacht ausweiten.» Auf Schulwege und Schulzeiten nehme die Postauto AG Rücksicht. Die nächsten Projektschritte würden jeweils nur eingeleitet, wenn die Sicherheit gewährleistet werden könne.

Postauto-CEO Stefan Regli führte zudem aus, dass «AmiGo» sämtliche Bestimmungen des Datenschutzes einhalte. Die gesammelten Daten würden noch im Auto anonymisiert und Menschen oder Gesichter seien nicht erkennbar.

Die Schweiz habe die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen, um das automatisierte Fahren zuzulassen und gleichzeitig die Sicherheit zu gewährleisten, führte zudem Nan Yang, Geschäftsleitungsmitglied von Baidu aus. Für Baidu biete die Schweiz eine gute Gelegenheit, Erfahrungen auf engen Bergstrassen oder bei winterlichen Verhältnissen zu sammeln.

Das Projekt «AmiGo» sei der grösste Pilotversuch mit automatisierten Fahrzeugen in der Schweiz, ergänzte Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamts für Strassen. Die Grösse des Projektes und die Einbettung der automatisierten Fahrzeuge in ein öffentliches Mobilitätsangebot böten die Chance, die Schweiz in diesem Bereich weiterzubringen. Dank automatisierten Fahrzeugen könne die Verkehrssicherheit erhöht und eine sinnvolle Ergänzung des bestehenden öffentlichen Verkehrs geschaffen werden, zeigte sich Röthlisberger überzeugt.

Kommentare

User #2051 (nicht angemeldet)

Plötzlich gibts gaz ohne ende und keiner kann raus..

Weiterlesen

Abstimmung
587 Interaktionen
Verwirrendes «Nein»
Velodieb
11 Interaktionen
Spreitenbach

MEHR AUS RHEINTAL

Militär Schweiz Uniform Flecktarn
Glarus Nord
Trübbach SG
1 Interaktionen
Trübbach SG