Seit Wochen: Zürcher Siedlung verwuchert «wie im Urwald»
Hohe, vertrocknete Wiesen sorgen in einer Zürcher Siedlung für Ärger. Bewohner sprechen von «Urwald». Livit verteidigt die Grünflächen mit Biodiversität.

Das Wichtigste in Kürze
- Bewohner der Siedlung Fadmatt kritisieren den Zustand der Grünflächen.
- Livit spricht von einer bewusst naturnahen Bewirtschaftung.
- Die Feuerwehr sieht wegen der Trockenheit grundsätzlich erhöhte Brandgefahr.
- Die Siedlung soll ab frühestens Ende 2028 umfassend erneuert werden.
«Zustände wie im Urwald»: In der Wohnsiedlung Fadmatt in Urdorf ZH wächst das Gras derzeit vielerorts kniehoch. Seit Wochen wird hier nicht mehr gemäht. Dazu kommen vertrocknete Pflanzen und nicht zurückgeschnittene Sträucher.
Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner zeigen sich darüber verärgert. Einer von ihnen wohnt im Parterre mit Gartensitzplatz und sorgt sich inzwischen sogar vor Zecken.
«Das hohe Gras ist doch ein Paradies für die Viecher», sagt er zu Nau.ch. Er habe sich deshalb Zeckenspray gekauft und trage wenn möglich lange Hosen.
Als Nau.ch vor Ort ist, müssen Velofahrer zickzack fahren, um den Sträuchern, die auf den Weg ragen, auszuweichen.
Bewohner vermuten Zusammenhang mit Bauprojekt
Ab Ende 2028 soll die dreiteilige Siedlung, in der heute rund 300 Personen leben, saniert und werden. Dabei werden die bestehenden Gebäude aufgestockt und auch Teile von Wiesen verbaut. Drei bis vier Jahre sollen die gestaffelten Bauarbeiten dauern. Danach sollen massiv mehr Leute hier wohnen.
Nau.ch weiss: An einer Informationsveranstaltung zur geplanten Erneuerung der Siedlung sprachen Bewohner ihre Sorgen bereits an.
Sie vermuten: Hier lässt die Verwaltung absichtlich keinen Rasen mehr mähen oder Bäume stutzen. Denn bald sollen einige Wiesen überbaut werden.

Die Siedlung gehört der Swiss Life. Die Verwaltung Livit weist die Vorwürfe auf Anfrage von Nau.ch entschieden zurück.
Livit: «Bewusste Entscheidung»
Die Grünflächen würden nach einem definierten Pflege- und Unterhaltskonzept bewirtschaftet, erklärt Kommunikationschefin Raffaela Ackermann.
«Dabei werden einzelne Flächen bewusst naturnah gepflegt und nicht regelmässig gemäht», schreibt sie.
Ziel sei es, die Biodiversität und die ökologische Qualität des Areals zu fördern. Die extensive Bewirtschaftung sei «eine bewusste Entscheidung und nicht Ausdruck eines reduzierten Unterhalts».
Die Pflege der Aussenanlagen erfolge durch die zuständige Hauswartungsorganisation. Bislang habe Livit eine Rückmeldung aus der Mieterschaft erhalten und diese beantwortet.
Feuerwehr: Trockenheit erhöht Brandgefahr
Die vertrockneten Wiesen werfen auch Fragen zum Brandschutz auf.
«Aufgrund der aktuell anhaltenden Trockenheit besteht grundsätzlich in vielen Bereichen eine erhöhte Brandgefahr», sagt Christian Ebnöther, Kommandant der Feuerwehr Urdorf.
Dies gelte nicht nur für hohe Wiesen. Sogar bereits gemähte Flächen könnten brennen, sofern Vegetation oder Schnittgut ausreichend trocken seien.
Das kann gefährlich werden: Grundsätzlich könne sich ein Vegetationsbrand auch auf Hecken, Bäume oder andere brennbare Objekte ausbreiten.
Ob die Situation in der Siedlung Fadmatt konkret problematisch ist, beurteilt die Feuerwehr allerdings nicht. «Eine abschliessende Beurteilung anhand von Bildern ist nicht möglich», so Ebnöther.
171 neue Wohnungen geplant
Die Diskussion um die Grünflächen fällt in eine Zeit, in der die Siedlung vor einem grossen Umbau steht.
Die in den 1980er-Jahren erstellte Überbauung soll in den kommenden Jahren umfassend erneuert und verdichtet werden.
Nach Angaben von Livit sollen zu den heute 138 Wohnungen weitere 171 hinzukommen. Geplant sind Aufstockungen und Neubauten. Der frühestmögliche Baustart ist Ende 2028.
Zwischen dem laufenden Unterhalt und dem Bauprojekt bestehe jedoch «kein Zusammenhang», beteuert die Livit.
Wohnungen werden befristet ausgeschrieben
Bereits heute werden frei werdende Wohnungen befristet vermietet. Laut Livit soll damit genügend freier Wohnraum für interne Umzüge während der etappenweisen Bauarbeiten bereitstehen.
Sprich: Wer wegen des Lärms innerhalb der Siedlung umziehen will, soll dies können. «Allen Bewohnenden soll der Verbleib in der Siedlung ermöglicht werden», schreibt die Verwaltung.
Der Mieterverband Zürich sieht darin kein ungewöhnliches Vorgehen. «Dass vor grösseren Bauarbeiten Wohnungen nur noch befristet vermietet werden, ist üblich», sagt Sprecher Walter Angst zu Nau.ch.
Hinweise darauf, dass Verwaltungen Grünflächen vor Bauprojekten gezielt vernachlässigen, sieht der Mieterverband nicht. Solche Beschwerden gingen nicht gehäuft ein. Die Grünpflege eigne sich auch kaum als Druckmittel: «Die Bewirtschaftung der Grünflächen dürfte kein wesentlicher Kostenfaktor sein», so Angst.
Vor grösseren Umbauten werde zwar häufig auf Instandsetzungen verzichtet. Die notwendige Instandhaltung müsse jedoch weiterhin sichergestellt werden.
Wann die Wiesen das nächste Mal gemäht werden, war zuerst unklar. Mittlerweile sagt die Livit auf Nachfrage: Am 13. August wird endlich gemäht.










