Schweizer Gebäude werden im Sommer zu Backöfen
Schwitzende Häuser statt kühler Rückzugsort: Schweizer Gebäude sind schlecht auf immer heissere Sommer vorbereitet.

Das Wichtigste in Kürze
- Gute Dämmung hält im Winter die Wärme drinnen, kann aber im Sommer dazu führen, dass Gebäude zu heiss werden.
- Beschattung, Lüften in der Nacht und moderne Kühlung helfen, Gebäude im Sommer kühl zu halten.
- Gebäude ohne guten Hitzeschutz könnten in Zukunft an Wert verlieren, weil heisse Sommer immer häufiger werden.
Gebäude in der Schweiz sind darauf ausgelegt, im Winter möglichst wenig Wärme zu verlieren. Spätestens der Rekordsommer 2026 hat aber gezeigt, warum das zum Problem werden kann.
Durch eine bessere Dämmung kann Hitze im Sommer schlechter entweichen, wodurch der Bedarf an Kühlung steigt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Uni Genf.
In einem der untersuchten Szenarien liegt dieser bei umfassenderen Sanierungen 11 Prozent höher als bei bisheriger Sanierungspraxis.

Die Forscher sprechen sich deshalb nicht gegen solche Sanierungen aus. Entscheidend sei aber, die Dämmung mit Beschattung und geeigneter Lüftung zu verbinden. Gerade nachts verhindere eine bessere Dämmung, dass aufgestaute Wärme ausreichend entweiche.
Bei bestehenden Gebäuden ist das aber oft schwierig. «Sie für immer heissere Sommer umzurüsten, kann aufwendig und teuer sein», sagt Gregor Mangold vom Gebäudetechnikverband Suissetec.
In vielen ausländischen Grossstädten seien Split-Klimageräte aussen an den Fassaden verbreitet. In der Schweiz komme dies aber schon aus energetischen Gründen sowie wegen des Ortsbilds und der Bewilligungsvorgaben nicht infrage.
Alle wollten Abkühlung
Statt einer grossen Sanierungswelle erwartet Mangold daher eine schrittweise Anpassung. Der Mensch sei pragmatisch und handle vor allem nach Kosten und Nutzen. So sei im Hitzesommer die Nachfrage nach mobilen Klimageräten mit Abluftschlauch stark gestiegen.
Bevor also in eine Klimaanlage investiert werde, griffen viele für einige besonders heisse Wochen auf ein mobiles Gerät zurück.
Es gebe indes energieeffizientere Möglichkeiten. Moderne Lüftungsanlagen könnten kühlere Nachtluft zum Abkühlen aufgeheizter Räume nutzen. Zusammen mit Beschattung und einer Kühlung mit Solarstrom liessen sich solche Systeme mit entsprechender Planung bei Neubauten und Sanierungen realisieren.

ETH-Klimaforscher David Bresch plädiert dafür, schon bei der Planung von Gebäuden oder ganzer Quartiere die Hitze zu berücksichtigen. «Oft stehen aber kurzfristige wirtschaftliche Interessen einer langfristigen Planung gegenüber.»
Grundeigentümer hätten einen Anreiz, möglichst viel Nutzfläche aus einem Grundstück herauszuholen. «Für Luftzirkulation und Grünflächen bleiben dann weniger Raum.»
Unzureichend berücksichtigt
Als Beispiel für eine unzureichende Berücksichtigung der Sommerhitze nennt Bresch die Zürcher Europaallee. Dabei hätten Klimamodelle bereits bei Planungsbeginn in den frühen 2000er-Jahren gezeigt, dass steigende Temperaturen bei langfristigen Bauprojekten berücksichtigt werden müssten.
Damit sei er damals an Podiumsdiskussionen aber häufig auf Widerstand gestossen. Ihm sei entgegengehalten worden, dass ohnehin niemand länger als fünf Jahre vorausplane und Klimaszenarien zu unsicher seien. Die Szenarien seien aber schon damals belastbar gewesen. «Der Hitzesommer 2026 zeigt dies nun umso deutlicher», so Bresch.

Die SBB entwickelt die Europaallee als Bauherrin. Sie verweist darauf, dass sich die Anforderungen an Stadt- und Arealentwicklungen seither deutlich weiterentwickelt hätten. Das Unternehmen schreibt auf Anfrage: «Themen wie sommerlicher Hitzeschutz und die Anpassung an den Klimawandel stehen heute wesentlich stärker im Fokus.»
Steigender Kühlbedarf
Der steigende Kühlbedarf eröffnet auch Geschäftsmöglichkeiten. Zum Beispiel der börsenkotierte Raumklimaspezialist Zehnder verzeichnet eine zunehmende Nachfrage nach Lüftungslösungen mit aktiver Kühlung. «Der jüngste Hitzesommer hat sicherlich dazu beigetragen, das Bewusstsein für dieses Thema zu stärken», so Kommunikationschef Alexander Kamb.
Aktive Kühlung werde für die Lüftungsprodukte zunehmend zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal. Zehnder habe entsprechende Produkte auf den Markt gebracht und investiere weiter in deren Entwicklung.
Bei bestehenden Gebäuden sei der Einbau allerdings deutlich komplexer als bei Neubauten. Unter anderem sei der Platz begrenzt und Leitungen müssten isoliert werden, damit sich kein Kondenswasser und möglicherweise Schimmel bilde.
Auch der Immobilienmarkt dürfte den Druck erhöhen. Klimaforscher Bresch erwartet, dass sich Gebäude ohne ausreichenden Hitzeschutz künftig schlechter verkaufen dürften. «Selbst eine Villa mit Seesicht verliert an Attraktivität, wenn es dort im Sommer unerträglich heiss wird.»








