Schwarze vergessen: «Hautfarbene» Pflaster in der Kritik
«Hautfarbene» Pflaster passen nur zu weisser Haut. Schweizer Händler sehen von einem diversen Angebot ab – trotz erster Forderungen.

Das Wichtigste in Kürze
- People of Color wünschen sich mehr Diversität im Pflaster-Regal.
- In der Schweiz gibt es bislang keine Pflaster in verschiedenen Hauttönen.
- In Deutschland und Dänemark gibt es entsprechende Produkte bereits zu kaufen.
- Betroffene betonen die Wichtigkeit der Symbolik bei solchen Produkten.
Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – und schon ist es passiert: Ein Schnitt im Finger. Um die Blutung zu stillen und die Wunde diskret zu schützen, greift man schnell zum Pflaster.
Diese sind meist in einem beigen Ton gehalten, der als «hautfarben» gilt. Der Zweck: Möglichst nicht auffallen.
Doch für viele Menschen trifft genau das nicht zu: People of Color – also alle, die nicht weiss sind – finden sich in dieser vermeintlichen Hautfarbe nicht wieder.

Der deutsche Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss (63), bekannt aus der ZDF-Krimiserie «Der Alte», hebt auf Facebook den Spiegel vor.
«Grossartig», schreibt er zu einem Foto aus einer Apotheke. «Es gibt in Deutschland doch schon ein paar wenige Apotheken, die den Schuss gehört haben.»
Pflaster-Post auf Facebook polarisiert
Und tatsächlich: In der Koala-Apotheke in Berlin-Pankow gibt es Pflaster in vier verschiedenen Hauttönen.
Der Beitrag polarisiert. «Wirklich? Als ob wir keine anderen Probleme haben», ist gleich mehrfach zu lesen.
Andere User erleben einen Aha-Moment, als ein Kommentator erklärt: «Manchmal ist aus Gründen beruflicher oder anderer Art wichtig, eine Verletzung unauffällig zu machen.»

Auch ein Nau.ch-Bild aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen zeigt: Im Schnäppchenmarkt «Normal» gibt es Pflaster in zwei verschiedenen Hauttönen.
«Potenzial in der Schweiz nicht gegeben»
Hierzulande sind diverse Pflaster aber Fehlanzeige.
Der Grund dafür lautet bei allen von Nau.ch angefragten Schweizer Apotheken und Supermärkten gleich: Es habe bislang keine entsprechenden Anfragen gegeben, weshalb darauf zu schliessen sei, dass es keine Nachfrage danach gebe.
Und somit gebe es derzeit auch keine Bestrebungen, Pflaster in verschiedenen Hauttönen anzubieten.
Aufschlussreicher ist die Antwort des deutschen Beiersdorf-Konzerns, der unter der Marke Hansaplast die diverse «Sensitive Skin Tone Line» verkauft.
Beiersdorf sei es ein Anliegen, weltweit «ein möglichst diverses Sortiment anzubieten». Doch: «Aufgrund des eingeschränkten Regalplatzes im Schweizer Handel war das Potenzial für diese Linie in der Schweiz leider nicht gegeben.»
Als Alternative verweist der Konzern auf transparente Pflaster. «Diese sind für alle Hauttypen geeignet und entsprechen unserem Anspruch an eine zukunftsorientierte, inklusive Wundversorgung.»
People of Color vermissen Diversität im Pflaster-Regal
Fehlt Diversität im Pflastersortiment in der Schweiz?
«Ja – zumindest teilweise», bestätigt Mandy Abou Shoak auf Anfrage von Nau.ch. Die Zürcher SP-Politikerin und ausgebildete Sozialarbeiterin ist Expertin für Diskriminierung.
«Viele Alltagsprodukte orientieren sich noch immer an einem vermeintlichen ‹Standard›. Dieser bildet in der Realität aber nur einen Teil der Bevölkerung ab. Das gilt auch für Pflaster.»
Denn: «Wenn ein Produkt, das für alle gedacht ist, nur für einige passt, wird sichtbar, wo Normalität zu eng definiert ist.»

Abou Shoak gesteht zwar, dass dies auf den ersten Blick wie eine Kleinigkeit erscheinen möge.
Doch: «Tatsächlich geht es um mehr: Um Sichtbarkeit und Zugehörigkeit im Alltag.» Das sende eine «implizite Botschaft darüber, wer mitgedacht wird – und wer nicht».
Die Expertin beobachtet, dass die Sensibilität für solche Fragen zunehme. «Gleichzeitig zeigt die Debatte, dass strukturelle Perspektiven auf Diskriminierung im Alltag oft noch unterschätzt werden.»
«Inklusive Gesellschaft zeigt sich in kleinen Dingen»
Mandy Abou Shoak hat drei Ansatzpunkte, um die Muster zu durchbrechen. Erstens sollen Hersteller Vielfalt bei der Produktgestaltung systematisch mitdenken – «nicht als Zusatz, sondern als Standard».
Zweitens sieht sie eine Verantwortung entlang der gesamten Kette. «Vom Design bis zum Verkauf braucht es ein Bewusstsein dafür, wen Produkte erreichen – und wen nicht.»
Und drittens gehe es um eine einfache Frage: «Für wen ist unsere Alltagswelt gemacht – und für wen müssen wir noch stärker mitdenken? Eine inklusive Gesellschaft zeigt sich auch in den kleinen Dingen des Alltags.»
Gleich sieht das die Menschenrechtsexpertin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo – ebenfalls SP-Mitglied.
«Die üblichen ‹hautfarbenen› Pflaster sind fast immer in einem blassen, hellen Beige erhältlich. Seien wir ehrlich, das funktioniert nur für einen Teil der Bevölkerung. An einem so vielfältigen Ort wie der Schweiz fühlt es sich einfach nicht mehr richtig an.»

Denn: «Pflaster sind alltägliche Notwendigkeiten, die ihnen tatsächlich eine gewisse Symbolik verleihen.»
Will heissen: «Wenn das Etikett ‹hautfarben› nur auf einen einzigen Farbton hinweist, sagt es leise: Das ist die Norm, und alles andere ist anders», so Brändle-Amolo.
Diverse Pflaster sollten nicht versteckt werden
Es gehe also nicht so sehr um den Verband selbst, sondern um die Botschaft, die er vermittle. Es gehe um Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und dass Vielfalt zur Normalität gemacht wird.
Und: «Besonders für Kinder und Jugendliche fühlt es sich ziemlich gut an, wenn die eigene Hautfarbe nicht als Ausreisser behandelt wird.»
«Die Debatte zeigt, dass das Thema vielen Menschen bisher nicht bewusst war – was typisch für strukturelle Fragen ist: Wer gut repräsentiert ist, hinterfragt den Status quo selten», sagt die Expertin.
Brändle-Amolo fordert mehr Vielfalt bei Pflastern: Eine grössere Auswahl an Hauttönen sollte zum Standard gehören und in jedem Drogeriemarkt-Regal leicht auffindbar sein.
Bei der Benennung empfiehlt sie neutrale Begriffe wie «hell», «mittel» oder «dunkel» anstelle von «hautfarben».
«Nicht erst nach Beschwerde handeln»
Schliesslich appelliert sie an die Hersteller und Anbieter: «Beginnen Sie bereits in der Designphase, über Vielfalt nachzudenken, nicht erst, wenn sich Leute beschweren.»
In der Schweiz gibt es keine Statistiken zur Verteilung von Hautfarben. Das Monitoring der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes zeigt aber, dass rund 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung Rassismus erfahren haben. Das sind rund 1,2 Millionen Menschen.
Die Hautfarbe ist dabei ein häufiges Merkmal, aufgrund dessen Menschen diskriminiert werden.
Brauchst du Hilfe?
Suchst du eine Beratung zu rassistischer Diskriminierung oder hast du rassistische Diskriminierung beobachtet und möchtest diese gerne melden? Bei diesen Organisationen findest du Hilfe:
• Beratungsnetz für Rassismusopfer: Das Beratungsnetz ist ein Netzwerk von 23 Fachstellen aus der ganzen Schweiz, welche Beratungen bei rassistischer Diskriminierung anbieten --> https://www.network-racism.ch/beratungsstellen
• Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR: Personen, die sich rassistisch diskriminiert fühlen, deren Bekannte und Verwandte, aber auch Zeuginnen und Zeugen von rassistischen Vorfällen sowie Anlauf- und Beratungsstellen können sich mit Anfragen an die EKR wenden --> https://www.ekr.admin.ch/dienstleistungen/d508.html
• Meldeplattform für rassistische Online-Hassrede --> https://www.reportonlineracism.ch/











