«Schockiert»: Touris packen Haustiere in gefährliche Rucksäcke
Eine Baslerin traut ihren Augen auf einem Ausflug in Interlaken BE kaum. Zwei Mädchen gehen mit Kaninchen und Meerschweinchen auf Sightseeing-Tour.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Kaninchen und das Meerschweinchen machen auf die Passantin einen gestressten Eindruck.
- Zwei Touristinnen in Interlaken BE transportieren die Tiere in einem Bubble-Rucksack.
- Die Stiftung für das Tier im Recht warnt vor den trendigen Rucksäcken.
Zwei Mädchen führen ihre Plüschtiere spazieren. Ein schneeweisses Kaninchen und ein Meerschweinchen sitzen in den pastellfarbenen Rucksäcken, die sie auf ihrem Rücken tragen. Doch die herzige Szene täuscht.
«Zunächst konnte ich meinen Augen kaum trauen», sagt T.M.* zu Nau.ch. «Ich war aus mehreren Gründen schockiert.» Denn: Die beiden Touristinnen tragen nicht ihre Plüschtiere im Rucksack mit, sondern ihre Haustiere.
Die Baslerin ist an einem heissen Sonntagnachmittag Mitte August in Interlaken auf einem Ausflug, als sie die Touristengruppe erblickt. Die beiden Mädchen seien vermutlich mit ihren Müttern der Strasse entlang geschlendert und hätten Fotos gemacht, sagt M.
«Weit geöffnete Augen»
«In einem der Rucksäcke befand sich ein buntes Meerschweinchen. An der Seite dieses Rucksacks glaube ich eine Trinkflasche gesehen zu haben», sagt M. Futter habe sie darin nicht erkennen können.
«Das andere Mädchen trug ein weisses Kaninchen in ihrem Rucksack. Dort konnte ich weder eine Trinkflasche noch Futter erkennen.»
M. ist selbst langjährige Kaninchenhalterin und studierte Biologin. Die beiden Tiere in den Rucksäcken machten einen gestressten Eindruck auf sie. Da die Rucksäcke grosse Fenster hatten, konnte sie das Häschen und das Meerschweinchen gut beobachten.
«Das Meerschweinchen bewegte sich im Rucksack und schaute sich immer wieder um», sagt sie. Dadurch habe sie den Eindruck gehabt, dass es nach einer Rückzugsmöglichkeit oder einem Ausweg gesucht habe.
Das Kaninchen habe hingegen sehr still dagesessen. «Mir fielen insbesondere seine weit geöffneten Augen und seine schnelle Atmung auf.» Gerade wegen der hohen Aussentemperatur habe sie dies sehr beunruhigt.
«Sind keine Kuscheltiere»
Die Mädchen transportierten die Haustiere in einem sogenannten Bubble-Rucksack. Onlinehändler bieten die trendigen Rucksäcke mit den grossen Sichtfenstern bereits seit einigen Jahren an. «Der Haustier-Bubble-Rucksack ist ideal für Reisen, Wandern und andere Outdoor-Aktivitäten», bewirbt Galaxus ein Modell.
Haustiere haben in solchen Rucksäcken aber nichts verloren.
«Solche Rucksäcke sind weder für Meerschweinchen noch für Kaninchen oder andere standortgebundene Kleintiere geeignet», stellt Michelle Richner klar. Sie ist rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung für das Tier im Recht (TIR). «Da sie keine Kuschel-, sondern vielmehr Fluchttiere sind.» Deshalb gehörten sie auch nicht in die Hände von Kindern.
«Kann schnell lebensgefährlich werden»
Die Rucksäcke sehen toller aus, als sie sind. «In diesen Rucksäcken haben die Tiere keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen», sagt Michelle Richner.
Dazu sei der ihnen zur Verfügung stehende Platz extrem klein. Zudem bedeute es für die Tiere einen enormen Stress, würden sie ständig hochgehoben und herumgetragen.
«Wer ein Tier transportiert, muss dies von Gesetzes wegen so schonend wie möglich tun, am besten in einer Transportbox.» Auf diese Weise werden dem Tier laut Richner keine Schmerzen, Leiden, Schäden oder Ängste zugefügt. «Was in solchen Rucksäcken kaum möglich ist.»
Auch frage sie sich, ob die Bubble-Rucksäcke ausreichend belüftet seien. «Gerade während Hitzeperioden kann es ansonsten schnell lebensgefährlich werden», warnt Richner.
«Man hat das Tier nicht mehr im Blick»
Auf Instagram zeigen sich User vor allem mit Katzen, die sie in den Rucksäcken herumtragen. Manche Shops bewerben das Produkt auch explizit mit solchen Fotos. Laut Michelle Richner sind auch Katzen grundsätzlich eher standortgebunden und mögen es nicht, ständig hochgehoben und rumgetragen zu werden.

«Zudem hat man das Tier auch nicht mehr im Blick», warnt Richner. Halterinnen und Halter drohten zu verpassen, wenn ihre Katze etwa Angst habe oder keine Luft mehr bekomme.
Gerade kurznasige Rassen seien dabei speziell gefährdet. «Dies wäre klar eine Tierquälerei, die strafrechtliche Sanktionen nach sich zieht.»
Bitte an Touristen
Die besorgte Kaninchenbesitzerin nutzt ihre Beobachtung, die sie fotografiert hat, um Touristen vor dem Trend zu warnen. In einer Facebook-Gruppe für Touristentipps in der Schweiz schildert sie den Fall und spricht eine Bitte aus. «Nehmt mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse eurer Haustiere als auf eure Sightseeing-Pläne.»
Die Tiere bei heissem Wetter sicher versorgt an einem kühlen, vertrauten Ort zu lassen, sei viel besser. «Als sie für Stunden herumzutragen.»
*Name der Redaktion bekannt.















