Romane über Vergewaltigungen boomen – trotz Warnhinweisen
Buchhandlungen hängen jetzt Triggerwarnungen auf. Grund: Immer mehr Romane romantisieren sexualisierte Gewalt. Was dahinter steckt.

Das Wichtigste in Kürze
- Schweizer Buchhandlungen warnen vor Liebesromanen mit Vergewaltigungs-Szenen.
- Tiktok macht die Vergewaltigungs-Romane bei jungen Leserinnen und Lesern populär.
- Eine Expertin erklärt, warum Betroffene von sexualisierter Gewalt solche Bücher lesen.
- Eine Literatur-Fachperson spricht von einem «lustvollen Aneignungsprozess».
Zarte Liebesbekundungen, Rosenblätterpfade, gemeinsame Sonnenuntergänge: So stellt man sich romantische Liebesromane vor. Doch es geht auch düster.
Bei «Dark Romance»-Romanen geht es oft um ungesunde Beziehungen, Machtkämpfe und Helden, die nicht eindeutig gut oder böse sind. Und zum Teil geht es auch um Gewalt.
Unter dem Subgenre «Non-Con» romantisieren die Bücher sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen. «Non-Con» ist die Abkürzung für «non-consensual» – also so viel wie «ohne Einverständnis».
Tiktok macht Vergewaltigungs-Romane populär
Und diese Literatur boomt– dank Booktok, einer einflussreichen Community auf der Social-Media-Plattform Tiktok. Diese will Lesen für junge Menschen wieder attraktiv machen.
Orell Füssli, die grösste Schweizer Buchhandlungskette, bestätigt gegenüber Nau.ch: «Die Nachfrage nach Dark Romance ist vorhanden. Immer mehr Verlage publizieren Titel in diesem Subgenre», sagt Sprecher Alfredo Schilirò.
«Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den New Adult-Boom sowie durch Plattformen wie Booktok und Tiktok, wo entsprechende Bücher präsentiert werden.»
Besonders nachgefragt würden diese Bücher von erwachsenen Leserinnen und Lesern über 18 Jahren. «An diese Zielgruppe richten sich die Inhalte auch ausdrücklich», sagt er.
Ein Warnhinweis soll zudem verhindern, dass die gewaltvollen Inhalte in die falschen Hände geraten.
«Aufgrund der nicht für Minderjährige geeigneten Themen haben wir uns für eine Triggerwarnung entschieden. Diese soll verhindern, dass Jugendliche unbeabsichtigt zu diesen Titeln greifen. Und gleichzeitig erwachsenen Kundinnen und Kunden Transparenz bieten», so Schilirò.
Orell Füssli platziere die Dark-Romance-Titel separat von anderen Büchern, die sich an junge Erwachsene richten. «Und wir achten bei Marketingaktionen für Jugendliche konsequent darauf, dass diese Bücher nicht empfohlen werden.»
Bücher-Influencerin kriegt Shitstorm – weil sie keine Missbrauchs-Geschichten lesen will
Das Genre sorgt auch für Kritik.
Moyra ist Booktokerin, also Bücher-Influencerin, und kritisiert den Trend scharf. Sie möchte nur unter einem Pseudonym Auskunft geben.
Der Grund: Kürzlich wurde sie mit einem Shitstorm konfrontiert, nachdem sie in einem viralen Video das umstrittene Bücher-Genre kritisiert hatte.
«Ich wurde kritisiert, ich sei schwach, weil ich solche Bücher nicht lesen will», erzählt sie im Gespräch mit Nau.ch. Diesen Vorwurf kann sie nicht nachvollziehen.
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«Ich habe selbst sexualisierte Gewalt erlebt und werde von solchen Szenen heftig getriggert. Ein Übergriff in einer Beziehung ist unverzeihlich. Ich möchte keine Liebesgeschichte lesen, in der es zu sexualisierter Gewalt kommt. Selbst, wenn diese nur Fiktion ist», sagt Moyra.
Ein Blick in die Booktook-Community zeigt jedoch: Es gibt auch explizit Betroffene von sexualisierter Gewalt, die das Genre lesen – oder sogar selbst ein Fantasy-Buch darüber schreiben.
Soziologin und Buchautorin Lilian Schwerdtner erklärt das Phänomen gegenüber Nau.ch so: «Ich könnte mir vorstellen, dass Dark Romance manchen Betroffenen einen geschützten Raum in der Fantasie eröffnet. Dort können Demütigung und Kontrollverlust in sicherem Rahmen erneut durchgespielt werden.»
Expertin erklärt: Genre hilft, Gewalterfahrungen zu verarbeiten
Die Folge: «Dadurch kann es für manche leichter werden, diese Erfahrungen zu integrieren.» Das Genre könne also bei der Verarbeitung helfen.
Schwerdtner betont aber: «Ich denke nicht, dass nur Betroffene solche Literatur lesen und schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass diese Art von erotischer, grenzüberschreitender Lektüre für viele Menschen spannend sein kann.»
Und: Vergewaltigungsfantasien gebe es auch abseits der Literatur, etwa in der BDSM-Kultur. Das ist ein Sammelbegriff für sexuelle Praktiken, die Dominanz, Unterwerfung, Fesseln und das Zufügen von Schmerzen involvieren.
BDSM erfülle eine ähnliche Funktion wie die Dark-Romance-Literatur: «Den Reiz von Grenzüberschreitungen sicher und kontrolliert auszutesten.»
Mit Verharmlosung von sexualisierter Gewalt sei zwar niemandem geholfen. Ebenso wenig, wenn falsche Botschaften wie «Nein heisst Ja» vermittelt würden.
Doch wichtig sei eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und Realität. Und die traut Schwerdtner den erwachsenen Lesenden auch zu.
Denn: «Lesen bietet die Möglichkeit, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die man im wirklichen Leben und für sich selbst niemals wollen würde.» Das gelte auch für andere Bücher-Genres.
Können Vergewaltigungs-Bücher Gewalt fördern?
Dass das Lesen solcher Literatur zu mehr Gewalt führen könne, glaubt Schwerdtner nicht. «Verantwortlich für sexualisierte Gewalt ist immer die Person, die die Gewalt ausgeübt hat. Dabei ist es irrelevant, welche Art von Literatur Betroffene vorher gelesen haben oder nicht gelesen haben.»
Um sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, brauche es politische Massnahmen und gute Prävention. Geschlechtsspezifische Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen müssten bekämpft werden.
Literatur sei hingegen «kein sinnvoller Startpunkt», sagt sie.

Dass Romane über Vergewaltigungsfantasien verkauft werden, findet Schwerdtner grundsätzlich in Ordnung.
«Es gibt sicher wesentlich schlimmere misogyne, rassistische oder anderweitig diskriminierende Literatur, die ebenfalls frei verkäuflich ist. Da sollte man eher genau hinschauen.»
Was aber notwendig sei: «Nicht zu übersehende Warnungen.» Zudem brauche es einen «begleitenden kritischen Diskurs».
«Dabei wird ganz deutlich, dass es sich bei Dark Romance um Fiktion handelt, die auf ihre Art genossen werden kann. Obwohl sich vermutlich kaum jemand wünscht, dass die Romanhandlungen Wirklichkeit werden», sagt Schwerdtner.
Buchhandlung pocht auf konsequente Alterskennzeichnung
Die Buchhandlungskette Orell Füssli ihrerseits betont, dass man grundsätzlich keine Bücher aus dem Sortiment ausschliesse.
«Ausgenommen sind durch Gerichte verbotene Bücher und Medien, die wegen rassistischer, menschenverachtender oder gewaltverherrlichender Inhalte, die auf dem Index der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften geführt sind.»

Für Warnhinweise, die potenziell triggernde Themen wie Missbrauch vorwegnehmen, sei nicht nur der Buchhandel, sondern auch die Verlage verantwortlich.
Orell Füssli fordert darum, dass diese die konsequente Alterskennzeichnung «ab 18 Jahren» weiter ausbauen.
Expertin: Vergewaltigungsbücher können «lustvoll» sein
Sexualisierte Gewalt in Liebesromanen ist aber nicht erst durch Tiktok zum Thema geworden.
Literarische Darstellungen, die Sexualität und Gewalt zusammenbringen, seien grundsätzlich nichts Neues, sagt Cornelia Pierstorff zu Nau.ch. «Sie sind in unserer kulturellen Fantasie fest verankert.»
Pierstorff ist Oberassistenz am Deutschen Seminar an der Universität Zürich und forscht zu sexualisierter Gewalt in der Literatur.
«Dark Romance befördert kulturell verankerte Vorstellungen an die Oberfläche und bearbeitet sie in einem lustvollen Aneignungsprozess.» Das Genre verstehe man nur, wenn man die Community kennt, aus der es entsteht und für die es geschrieben wird.
Gleichzeitig schlossen sich Dark Romance und ein «kritischer und feministischer Diskurs» nicht aus, sondern «kommentieren sich gegenseitig».
Auch gesellschaftskritische Literatur zu sexualisierter Gewalt habe im deutschsprachigen Raum seit den 1970er-Jahren Tradition, so Pierstorff.
Widerspruch ist schwer auszuhalten – aber reizvoll
Heisst: Nicht nur Bücher, die sexualisierte Gewalt romantisieren, erleben einen Aufschwung, sondern insbesondere auch solche, die diese problematisieren.
Doch was macht Dark Romance gerade heute so beliebt?
«Dark Romance ist in einer Zeit weit verbreitet, in der mittlerweile ein grosses Bewusstsein für sexualisierte Gewalt besteht. Auf der anderen Seite erleben wir gleichzeitig einen starken gesellschaftlichen Backlash.»
Konservative, anti-feministische Bewegungen erleben nach der grossen Metoo-Bewegung Zulauf.

Dieser Widerspruch, so erklärt Pierstorff, sei für viele schwer auszuhalten. «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Dark Romance auch mit diesem Widerspruch zu tun hat. Gleichzeitig spielt es mit dem Ohnmachtsgefühl, das sich daraus ergibt.»
Romane spielen mit Gender-Klischees
Über sexualisierte Gewalt zu schreiben, könne durchaus «ermächtigend» sein.
Die Romane eignen sich Gender-Klischees aktiv an, wie Pierstorff sagt. «So können Autorinnen wie Leserinnen über sie verfügen, anstatt ihnen ausgesetzt zu sein.»
«Die Klischees mögen auf den ersten Blick überholt und rückwärtsgewandt wirken. Sie prägen aber Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität bis heute.»
Mit anderen Worten: Dark Romance nutzt bekannte Muster von Gewalt und Sexualität bewusst, übertreibt sie und macht sie so kontrollierbar.
Die literarischen Werke gäben jedoch nicht die realen Wünsche der Autorinnen und Leserinnen wieder, betont Pierstorff. Es gehe also keineswegs darum, dass sie selbst sexualisierte Gewalt erfahren wollen.
Klar: Gegenwind ist vorprogrammiert.
«Dass man mit der Art der Darstellung nichts anfangen kann, ist mehr als verständlich. Schliesslich verstösst sie gegen das eigene und hoffentlich inzwischen auch verbreitete Verständnis von Geschlechterrollen.»
Das sollte man allerdings nicht zum Anlass nehmen, das Genre abzulehnen oder abzuwerten, nur weil es einem selbst missfällt.
«Sonst würde man letztendlich vor allem junge Frauen in ihrem Selbstausdruck einschränken.»
Bücher für Frauen werden häufiger als «Schund» abgetan
Pierstorff ergänzt: «Die Abwertung von typisch ‹weiblichen› Genres als trivial oder gar Schund hat im Übrigen eine lange Geschichte.»
Historisch betrachtet werde damit männliches Schreiben «als ‹Hochliteratur› abgesichert». Dabei bedienen Bücher von Männern «oft nicht weniger problematische Bilder».

Man müsse sich vor Augen führen, dass Dark Romance nicht das Problem verursacht.
«Sie spiegelt und bearbeitet das Imaginäre in der Gesellschaft.» Diese Funktion dürfe jedoch nicht überbewertet werden, mahnt die Literaturfachperson.
Es brauche letztlich «reale, politische und institutionelle Veränderungen».
Pierstorff meint damit konkret: «Dass Tatpersonen zur Verantwortung gezogen werden, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt geglaubt werden und sie Unterstützung erfahren. Und schliesslich, dass die breite Gesellschaft kollektiv Verantwortung übernimmt.»
Brauchst du Hilfe?
Bist du Opfer von Gewalt geworden? Die Opferhilfe hilft dir dabei, die Erfahrung zu bewältigen und informiert dich über deine Rechte und weitere Schritte: www.opferhilfe-schweiz.ch.











