Regisseurin Blerta Basholli: «Wir wollten glücklich sein»
Im Pristina der späten 1990er-Jahre wächst Teenagerin Dua zwischen ethnischen Unruhen und drohendem Krieg auf. Die preisgekrönte Regisseurin Blerta Basholli spricht über ihren sehr persönlichen Film und die Zusammenarbeit mit der Genfer Drehbuchautorin Nicole Borgeat.

Die 13-jährige Dua und ihre Schwester tanzen und singen im Zimmer in Pristina zu «Brazen (Weep)» von der Band Skunk Anansie: Why don't you weep, when I hurt you? – Warum weinst du nicht, wenn ich dir weh tue? An der Wand hängen Poster von Popstars, im Nebenzimmer sitzt die Mutter der beiden Teenager, ihre Schultern werden von Schluchzern geschüttelt. Vater und Bruder sind nicht anwesend, und das sagt mehr aus, als wenn man sie sehen würde. Es ist eine von vielen starken, berührenden Szenen in «Dua».
In «Dua» versucht die Jugendliche, während des näher rückenden Krieges einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Im Pristina Ende der 1990er-Jahre, in dem Albanerinnen und Albaner aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit auf der Strasse um ihr Leben fürchten müssen und – wie Dua – Unterricht in Privathäusern besuchen. Blerta Basholli versteht es meisterhaft, diese Komplexität eines Teenagerdaseins in Kriegszeiten aufzuzeigen. Und schafft es, selbst in den schlimmsten Momenten berührende, ästhetisch ansprechende Bilder zu zeigen.
Normalität im Ausnahmezustand
Blerta Basholli ist selber in Pristina aufgewachsen, sie hat erlebt, was die Protagonistin durchmacht. Dua, sagt die Regisseurin in Zürich im Gespräch mit Keystone-SDA, habe sie lange mit sich herumgetragen. Auch, weil sie es selber immer noch faszinierend finde, wie sie versucht hätten, ein normales Leben zu führen – diesen Umstand wollte sie in ihrem Film aufzeigen. «Wir versuchten, bei uns zu Hause Konzerte zu machen, oder wir veranstalteten tagsüber Partys wegen der nächtlichen Ausgangssperre. Wir gaben uns Mühe, sie trotzdem so romantisch wie möglich zu halten.»
Das Drehbuch hat sie mit der Genferin Nicole Borgeat geschrieben. «Als ich ihr erklären wollte, warum wir Feste gefeiert haben, während draussen Schüsse fielen, klang das sogar für mich ein wenig seltsam.» Auf die Frage, ob sie sich beim Schreiben auf Tagebücher gestützt habe, sagt Basholli: «Ich hatte ein Tagebuch geschenkt bekommen, als wir aus Pristina flüchteten. Ich habe es immer noch. Doch ich habe nur zwei Seiten gefüllt. Ich wollte nicht weg, und es war zu schmerzhaft, Notizen zu machen.» Das Drehbuch beruht auf ihren Erinnerungen und Erzählungen von Freunden und Verwandten.
Mit dieser Rohfassung hat dann Nicole Borgeat gearbeitet. Blerta Basholli ist voll des Lobes für die Genferin. «Dank ihr habe ich es geschafft, Erinnerungen zu einem Film zu verweben.» Die Drehbuchautorin hatte Basholli schon bei ihrem erfolgreichen Drama «Hive» beraten. «Sie konnte sich auch dieses Mal wirklich gut in meine – sehr persönliche – Geschichte einfühlen. Und sie ist ein bisschen strukturierter als ich, sie hat das Drehbuch kompakter gemacht.»
Der nächste Oscar-Anlauf
Blerta Basholli ist eine Meisterin der leisen Töne, selbst wenn es einmal laut wird. Die Regisseurin feierte mit ihrem Spielfilmdebüt «Hive» 2021 grosse Erfolge – unter anderem erhielt sie einen Grossen Preis der Jury, einen Regiepreis und einen Publikumspreis beim renommierten Sundance Film Festival in den USA.
Auch «Dua» wird mit Preisen überhäuft, etwa einem Award in Cannes. Ausserdem wurde der Film – wie schon «Hive» im Jahr 2022 – vom Kosovo als offizieller Beitrag für die Kategorie «Bester internationaler Spielfilm» bei den Oscars 2027 eingereicht. Am diesjährigen Zurich Film Festival war er im Spielfilm-Wettbewerb nominiert und erhielt von der Jury eine lobende Erwähnung.
Menschlichkeit in Kriegen
Lässt sie das Thema nicht los? «Ich wurde tatsächlich einmal gefragt, ob ich als 'Kriegsfilmerin' in die Kinogeschichte eingehen will. Natürlich will ich überhaupt nicht in eine Schublade gedrückt werden, es war keine bewusste Wahl, mich wieder damit zu beschäftigen», sagt Blerta Basholli. «Ich wähle Themen, die mich berühren.»
Und andere dazu: «Dua» hat etwas Allgemeingültiges und rüttelt deshalb unter Umständen an festgefahrenen Sichtweisen. Der Film bewegt deshalb so sehr, weil er auf die Menschlichkeit in Kriegen hinweist.
«In Pristina als Albanerin aufzuwachsen und stets diskriminiert zu werden, hat mich geprägt. Zum Beispiel wurde wie der Protagonistin auch mir schon altes Brot statt frisches verkauft, einfach, weil ich war, wer ich war. Ich fühlte mich einerseits klein, andererseits verstand ich nicht, warum wir anders sein sollten. Wir hörten schliesslich auch MTV, wir wollten studieren, wir wollten reisen, wir wollten glücklich sein.»
Und auf die Gegenwart bezogen: «Manchmal vergessen wir, dass hinter Flüchtlingen keine Zahlen stehen, sondern echte, ganz normale Menschen.»*
*Dieser Text von Nina Kobelt, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.






