«Nur Biker haben während Hitze im Wald Probleme gemacht»
Die Wildtiere im Eschenbergwald in Winterthur hatten in den Sommermonaten gelitten. Hilfe von den Wildhütern war aber nicht notwendig.

Das Wichtigste in Kürze
- Keiner kennt den Eschenbergwald in Winterthur besser als Wildhüter Harry Kohler.
- Auf einer Rundfahrt durch sein Revier erzählt er, wie die Tiere den Hitzesommer erlebt haben.
- Kohler: «Die einzigen, die während der Hitze Probleme machten, waren die Biker.»
Und plötzlich stehen auf dem Waldweg drei Rehe; eine Mutter mit ihren Kitz. Sechs Augenpaare starren auf das Auto und als sich dieses im Schritttempo nähert, springt das Trio leichtfüssig den steilen Hang hoch ins Dickicht. «Ist das nicht wunderschön?», fragt Harry Kohler, der das Auto durch den Eschenbergwald fährt.
Keiner kennt den Wald zwischen Seen und Töss besser als er. Seit über zehn Jahren ist Kohler als Jagd-Obmann und in der Wildhut tätig. Auf einer Rundfahrt in seinem für Waldwege umgebauten Auto durch sein Revier erzählt er, wie die Tiere den Hitzesommer erlebt haben, wann die Jäger eingreifen und dass die aktuell grösste Sorge zwei Räder hat.
Aber zuerst zur Frage: Wie geht es den Wildtieren? «Die Tiere haben sich mit den ersten paar kühleren Nächten wieder vom Hitzesommer erholt», sagt Kohler. Die heissen Tage waren für Tiere wie Fuchs, Dachs und Rehe eine Stresssituation.

«Sie haben durchs Band gelitten. Um Energie zu sparen, haben die Wildtiere ihre Körperfunktionen heruntergefahren und sich kaum mehr bewegt», sagt er.
Rehe machten einen Umweg
Die wichtigste Aufgabe eines Jägers ist das Beobachten der Wildtiere. Sie müssen einerseits den Bestand erfassen und andererseits die Tiergesundheit überwachen. «Ist ein Tier krank, müssen wir es entnehmen», so Kohler.
Der aussergewöhnlich heisse Sommer hinterliess auch im Eschenbergwald seine Spuren. Einzelne Bäche waren ausgetrocknet und das saftig-grüne Gras, die Hauptnahrung der Rehe, wurde rar. «Rehe nehmen am meisten Flüssigkeit durch die Nahrung auf», sagt Kohler.
Tödliche Folgen hatte die Hitze allerdings nicht. «Es gab keine Hinweise, dass Tiere verdurstet sind oder an der Hitze starben», so der Jagd-Obmann. Dies, weil viele der Bäche auch in der grössten Hitzeperiode Wasser führten, wenn auch spürbar weniger.
Nur einzelne Teile des Waldes waren stark ausgetrocknet. «Der extreme Wassermangel an diesen Stellen zwang die Tiere dazu, an Orten Wasser zu schöpfen, wo sie sonst nicht hingehen und dies zu einer Zeit, in der sie schlapp waren.»
So gab es auch Sichtungen von Rehen, die in der Töss Wasser tranken. Immer Wasser führte der Steinitobelbach. Frische Spuren am Waldboden zeugen davon, dass dieser auch heute noch rege als Trinkquelle genutzt wird.

«Und hier sehen wir eine Wildschweinrutsche», sagt Kohler und zeigt mit der Hand auf die Stelle, als er am Gewässer vorbeituckert. Das Auto ist plombiert. Mehr als 30 km/h kann Kohler damit nicht fahren, das Gelände lässt meist auch nicht mehr zu.
Ein Silberrücken
Für den geselligen Obmann ist der Eschenbergwald wie ein zweites Wohnzimmer. Seit seiner Pensionierung ist er fast täglich hier. «Du könntest mich auch in der Nacht hier irgendwo aussetzen und ich würde den Weg finden», sagt er und lacht auf.
Silberrücken wird er liebevoll von seinen jüngeren Jägerkollegen genannt. Der Spitzname ist keine Anspielung auf sein Alter, vielmehr ist er ein Hinweis auf seine soziale Rolle im Gefüge der Winterthurer Jagd.
Denn die erwachsenen Gorillas gelten als äusserst sozial und halten die Gruppe zusammen. Acht Jägerinnen und Jäger sowie acht Auszubildende engagieren sich derzeit im Eschenbergwald.
Sie alle wären bereit gewesen, einzugreifen, wenn das Wasser im Eschenbergwald versiegt wäre. «Wir hätten dann Löcher in die Bachbeete geschaufelt und so das Wasser wieder zugänglich gemacht», so Kohler.
Biker machen Ärger
Die Fahrt durchs Revier führt entlang von ausgetrockneten und fliessenden Bächen durch einen zauberhaften Wald. Hier wächst eine junge Tanne aus einem moosbewachsenen Baumstrunk, dort spriessen so viele Pilze aus einem Totholzast, dass dieser kaum mehr zu sehen ist.
«Es ist ein traumhaftes Revier. Wir alle, die Jäger, die Pilzler, die Biker und die Hündeler sind hier Gäste – und wenn sich jeder so verhält, dann ist das richtig cool hier», so Kohler. Doch dann verfinstert sich seine Miene.

Er zeigt auf eine Spur am Waldboden, die erst auf den zweiten Blick zu sehen ist. «Ein illegaler Bike-Trail», sagt er und ärgert sich. «Das macht mich traurig.» Seit Herbst 2024 gibt es im Eschenbergwald drei offizielle Bike-Trails beim Reitplatz.
«Die Jagdgesellschaft hat sich gemeinsam mit der IG Bike Trails für diese Lösung eingesetzt. Aber es nützt nichts. Drei Wochen später waren die Absperrungen weg, die Tafel den Hang hinuntergeworfen», so Kohler.
«Die einzigen, die während der Hitze Probleme machten, waren die Biker.» Tatsächlich fand der Wildhüter auf seinem Rundweg mehr als fünf illegal angelegte Bike-Trails, zum Teil mit selbstgebastelter Schanze. «Wir sind machtlos. Hier ist die Politik gefordert», so Kohler.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.








