Notreserven angezapft: Rhein braucht «zwei Wochen Regen»
Der Rhein führt zu wenig Wasser: Schiffe fahren eingeschränkt – die Schweiz muss auf ihre Tierfutter-Reserven zurückgreifen. Es braucht «zwei Wochen Regen».

Das Wichtigste in Kürze
- Zu wenig Transport per Schiff: Die Schweiz gibt zum 1. September ihre Tierfutter-Notreserven frei.
- Es braucht zwei Wochen ununterbrochenen Landregen, damit der Rhein wieder voll befahrbar ist.
- Doch vieles würde derzeit auf einen normalen bis leicht zu trockenen September hindeuten, so Meteoschweiz.
Der Rhein führt derzeit so wenig Wasser, dass Frachtschiffe diesen nur noch eingeschränkt befahren können. Die Folge: Es können nicht mehr genügend Protein-Futtermittel importiert werden.
Die Schweiz greift deshalb bereits jetzt zu einer aussergewöhnlichen Massnahme: Sie gibt ihre Tierfutter-Notreserven frei.

Denn: Viele Schiffe fahren nur noch mit reduzierter Ladung – oft muss die Fracht auf mehrere Schiffe verteilt werden. Das treibt die Transportkosten in die Höhe. Dies führt dazu, dass ein Niedrigwasserzuschlag erhoben wird.
Für voll beladene Schiffe braucht es am Pegel Kaub (D) rund 1,5 Meter Wasserstand. Der Pegel im deutschen Kaub gilt als entscheidender Richtwert für die Schifffahrt auf dem Rhein.
Es braucht «wiederkehrende Niederschläge»
Auf Anfrage von Nau.ch äussert sich Claudia Bracher, Mediensprecherin des Logistikdienstleiters Rhenus Alpina-Gruppe, zur Lage in der Schweiz: «Es ist nicht so, dass im Moment auf dem Rhein nicht gefahren wird», sagt sie.
Erst kürzlich sei ein Schiff mit 600 Tonnen Mais (Futtermittel) in Basel angekommen. Insgesamt brauche es jedoch deutlich mehr, um den Bedarf an Tierfutter in der Schweiz zu decken.

Bracher weiss: «Es braucht zwei Wochen ununterbrochenen Landregen, damit der Rhein wieder voll befahrbar ist.» Also zwei Wochen lang anhaltenden Dauerregen. Steige der Pegel im deutschen Kaub auf ein normales Niveau, könnten der Rhein voll genutzt und Schiffe wieder vollständig beladen werden.
Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) sagt: Es braucht «über einen längeren Zeitraum wiederkehrende Niederschläge», damit sich der Pegel nachhaltig auf einem höheren Niveau stabilisiert. Denn: «Kurze, intensive Regenfälle führen meist nur zu einem temporären Anstieg, bevor der Pegel wieder sinkt.»
Kein anhaltender Regen in Sicht
Bloss: Es ist kein langanhaltender Regen in Sicht: «Bis Sonntag bleibt das Wetter in der Schweiz mehrheitlich trocken, lokale Schauer werden die Pegelstände kaum beeinflussen», so Meteoschweiz auf Anfrage.
Ab nächster Woche würde die Schauerneigung wieder etwas ansteigen. Flächigere und grössere Niederschlagsmengen, «die eine Entlastung bei den tiefen Pegelständen bringen könnten», seien aber derzeit nicht in Sicht.

Auch die Langzeitprognose für die zweite Septemberhälfte fällt wenig optimistisch aus: «Sie deutet auf einen normalen bis leicht zu trockenen September hin.» Solche langfristigen Einschätzungen seien jedoch eher als Tendenzen zu verstehen, sagt Meteoschweiz.
Wegen der aktuellen Pegelstände wird auf dem Rhein ein Niederwasserzuschlag erhoben. Diesen zahlt der Kunde, also der Auftraggeber der Fracht. Der Kunde entscheidet zudem, ob er bereit ist, diesen zu zahlen oder die Ware länger zwischenlagern zu lassen.
Parmelin kann weitere Mengen freigeben
Und was, wenn sich die Lage auf dem Rhein nicht verbessert?
Thomas Grünewald, Mediensprecher des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) erklärt: «Sollte sich die Situation nicht entspannen und wären die freigegebenen 20 Prozent der Gesamtmenge der Protein-Futtermittel-Pflichtlager ausgeschöpft, kann Bundespräsident Guy Parmelin als Departementschef per Verordnung weitere Mengen der Pflichtlager freigeben.»

Grünewald weiter: «Insgesamt haben Pflichtlager für Protein-Futtermittel, die wie alle Pflichtlager im Besitz der Unternehmen sind, eine Bedarfsdeckung von zwei Monaten als Zielvorgabe.» Die Bedarfsdeckung sei eine theoretische Grösse, welche von der Situation ausgehe, dass der Import komplett ausfallen würde.
Dies sei aber auch bei einer stark eingeschränkten Rheinschifffahrt nicht der Fall, da andere Verkehrswege genutzt werden könnten. Beispielsweise per Schiene oder Strasse. «Solange weiterhin Güter wie Protein-Futtermittel in die Schweiz transportiert werden können, halten die Pflichtlager ein Vielfaches länger als zwei Monate.»
Nicht das erste Mal
Niedrigwasser im Rhein hat in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Engpässen in der Schweiz geführt. So kam es 2022 bei Mineralölprodukten zu Problemen – damals zusätzlich verschärft durch Schwierigkeiten im Bahntransport.
Bei Protein-Futtermitteln gab es auch schon 2018 Engpässe. Die Schifffahrt normalisierte sich damals jedoch rasch, und die Pflichtlager mussten nicht beansprucht werden.








