Nach einem Schicksalsschlag hilft das Thurgauer Care Team
Über 1000 Mal sind Mitglieder des Thurgauer Care Teams seit dessen Gründung vor 20 Jahren ausgerückt, als Menschen nach einem Schicksalsschlag der Boden unter den Füssen weggezogen wurde. Sie stehen das ganze Jahr über bereit und leisten unter anderem nach tödlichen Unfällen psychologische Nothilfe für Angehörige.

Suizide, Unfälle, der plötzliche Tod einer geliebten Person oder ein abgebranntes Haus: Sobald Menschen aufgrund von Schicksalsschlägen in grosse seelische Not geraten und nicht mehr weiter wissen, leistet im Thurgau ein Care Team von rund 45 Freiwilligen psychologische Nothilfe. «Wenn wir in den Einsatz gehen, ist es traurig», kommentierte Sarah Pietsch, operative Leitung Care Team, kürzlich vor den Medien im Ausbildungszentrum Galgenholz in Frauenfeld die Arbeit des Miliz-Teams.
An diesem Mittwochnachmittag stellten die Verantwortlichen des Care Teams ein Szenario vor, von dem alle hoffen, dass es nie eintritt: Ein Grossereignis, bei dem viele Personen gleichzeitig psychologische Nothilfe benötigen. Doch auch auf dieses Szenario wäre der Kanton Thurgau vorbereitet, versicherte Pietsch, während sie durch ein grosses Zelt führte. Ausgestattet ist dieses unter anderem mit einer Küche, Toiletten, Feldbetten, Kabinen für Einzelgespräche und Ersatzkleidung.
Bei einem Grossereignis, bei welchem zehn Personen und mehr psychologische Nothilfe benötigen, hilft der Zivilschutz und baut das Zelt auf. Etwa dann, wenn viele Leute nach einem Brand zwar unverletzt sind, aber ihr ganzes Hab und Gut verloren haben. «Glücklicherweise» sei das Zelt während eines Care Team-Einsatzes noch nie zum Zug gekommen.
Unfall mit zwei Toten in Pfyn
Doch auch ohne Grossereignis hat das Care Team viel zu tun. Seit der Gründung vor 20 Jahren hat die notfallpsychologische Einsatzgruppe rund 1150 Einsätze geleistet. Über die vergangenen zehn Jahre schwankte deren Zahl jährlich zwischen 51 und 101. In der Regel sind die Care Team-Mitglieder zwischen vier und sechs Stunden vor Ort.
Sie rücken immer mindestens zu zweit aus. Alarmiert wird das Care Team über die Sanitätsnotrufzentrale in Frauenfeld von den Rettungskräften, sofern die Betroffenen das wünschen. In jüngerer Vergangenheit rückte das Team etwa nach Pfyn aus, als ein Motorradfahrer in einer Nacht mit einer Fussgängergruppe kollidierte. Zwei Menschen starben.
«Das Care Team hat die Aufgabe, der Bevölkerung nach extremen und traumatischen Ereignissen Hilfestellungen zu geben», sagte Psychologe Gernot Brauchle, der die medizinische Leitung des Care Teams innehat. Vor Ort versuchten die Mitglieder, «die extremen Gefühle zu kanalisieren». Trauer, Wut oder Schuldgefühle sollen während Gesprächen thematisiert und zusammen besprochen werden, welche Unterstützung die Personen benötigen.
Intensive Einsätze bei Familien
Die Mitglieder des Care Teams helfen gemäss Brauchle, das soziale und helfende Netz zu aktivieren oder begleiten das Abschiednehmen. Sie bereiten Erwachsene auch darauf vor, wie sie Kindern erklären können, dass eine nahestehende Person gestorben ist.
Ist die akute Phase einmal bewältigt, setzen sich die Mitglieder des Care Teams wenn gewünscht an einem der darauffolgenden Tage nochmals mit den Betroffenen in Verbindung. Solche Folgeeinsätze seien aber selten. «In den ersten Stunden nach einem Ereignis können wir schon ganz viel stabilisieren und den Leuten die Handlungsfähigkeit wiedergeben, sodass sie sich wieder selber organisieren können», ergänzte Pietsch.
Die überwiegende Zahl der Einsätze, die das Care Team leistet, betrifft Todesfälle und Suizide. Sie machen fast zwei Drittel aus. Bei rund 16 Prozent handelt es sich um Unfälle und bei drei um Brände. Besonders zeitintensiv sind gemäss Pietsch Einsätze «in einem Familiensystem». Neben vielen Personen sind dann gegebenenfalls unterschiedlichste Altersgruppen, auch Kinder, auf Unterstützung angewiesen.
Hohe Belastbarkeit gefordert
Und wer ist für diese Aufgabe geeignet? «Alle Personen, die wir aufnehmen, haben eine gewisse Haltung», so Brauchle. Eine hohe psychische Belastbarkeit, Bereitschaft zu regelmässigen Pikettdiensten und der Wille, für andere da zu sein, sind Grundvoraussetzungen. Zumeist seien es Personen mit einem sozialen, psychologischen oder theologischen Hintergrund. Eher selten haben Care Team-Mitglieder keinen solchen Background. «Aber auch das kann funktionieren.»
Wer in das Team aufgenommen wird, durchläuft gemäss Brauchle eine fünftägige Ausbildung. Sie werden unter anderem psychologisch geschult, erlernen Strategien zum Selbstschutz oder besprechen genauer, wie Trauer eigentlich funktioniert. An zwei Tagen pro Jahr werden Weiterbildungen durchgeführt.
Verpflichtend sind für die Mitglieder zudem vier Supervisionen pro Jahr in der Gruppe, um eigene Belastungen zu besprechen und zu verarbeiten. Hilfe und Gesprächsangebote stünden aber auch ausserhalb der vier Supervisionen jederzeit zur Verfügung.
Mühe, Freiwillige für das Care Team zu finden, bekundet der Thurgau nicht. «Ohne Werbung zu machen, erhalten wir immer noch regelmässig Bewerbungen», so Pietsch.






