Martin Schilt: Nach Adobolis Ausschaffung stand Film auf der Kippe
Der Dokumentarfilm «The Narrative» über den Ex-UBS-Händler Kweku Adoboli eröffnet die Solothurner Filmtage. Co-Regisseur Martin Schilt erzählt im Interview mit Keystone-SDA warum es 14 Jahre gedauert hat von der Idee bis zur Fertigstellung des Films.

Martin Schilt, wie entstand die Idee zum Film über den Ex-UBS-Händler Kweku Adoboli, den Sie zusammen mit Bernard Weber realisiert haben?
Schilt: Mit der ersten Nachricht zu dem Fall fand ich sofort, dass es eine wahnsinnig spannende Geschichte ist. Wie kommt ein Mensch dazu, die Verantwortung zu übernehmen in der Welt der Finanzdienstleistungsbranche, wo das sonst nie geschieht?
Gab es einen Schlüsselmoment, der Sie überzeugt hat, dass die Geschichte filmreif ist?
Schilt: Ja, den gab es, als wir Kweku 2015 das erste Mal persönlich getroffen haben an einem der ersten Prozesse zu seiner Ausschaffung. Wir waren überwältigt davon, wie viele Menschen ihn unterstützt haben. Das waren keine kapitalismuskritischen Menschen, keine Systemkritiker. Seine Freunde haben Karriere gemacht, haben leitende Funktionen bei grossen Konzernen.
Wie haben Sie das Vertrauen von Adoboli gewonnen?
Schilt: Wir haben ihm klargemacht, dass uns nicht der Fall selbst interessiert, der von den Medien bereits breit aufgegriffen worden war. Uns interessierten die Motive und uns interessierte das System. Die Geschichte, welche die UBS und die Medien bis jetzt erzählt haben, hatte ihr Narrativ. Wir wollten mit dem Film, eine andere Perspektive hinzufügen.
Haben Sie das geschafft?
Schilt: Das wird sich in den nächsten Wochen oder Monaten entscheiden. Ich finde, der Film gibt einen neuen Blick auf diesen Fall. Wir wollten ein anderes Narrativ zur Debatte zu stellen.
Welche Quellen haben Sie einbezogen?
Schilt: Zum einen das Buch «Verzockt» aus dem Jahr 2013 von Sebastian Borger, der den Prozess als Gerichtsreporter in London begleitet hat. Dank Kweku hatten wir Einsicht in die Gerichtsakten. Die Ergebnisse der Untersuchungen der britischen Aufsichtsbehörde oder der Schweizerischen Finanzmarktaufsicht Finma sind öffentlich, es gibt unendlich viel Medien-Berichterstattung zu dem Fall. Wir haben mit vielen Finanzexperten gesprochen. Wir wollten die Komplexität so weit verstehen, dass wir sie am Stammtisch einigermassen verständlich erklären können.
Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?
Schilt: 14 Jahre.
Das ist eine sehr lange Zeit.
Schilt: 2011 war die Idee geboren, und 2015, als Kweku aus dem Gefängnis kam, haben wir mit den Dreharbeiten begonnen. Er war plötzlich der Compliance-Star und hielt Vorträge bei Banken, Versicherungen, an Universitäten. Aber dann nahm die Geschichte eine unglaubliche Wendung mit der Ausschaffung von Kweku nach Ghana. Als er deportiert wurde, haben wir den Kontakt für fast ein Jahr verloren. Wir haben nicht mehr daran geglaubt, dass es den Film noch geben wird. Dann haben wir Kweku in Ghana besucht.
War Adoboli zufrieden mit dem Film?
Schilt: Für ihn stand von Anfang an im Vordergrund, dass er seine eigene Geschichte erzählen kann. Aber jetzt, wo der Film fertig ist, ist bei ihm die Angst sehr präsent, dass das bekannte Narrativ noch einmal aufgekocht wird und er die ganzen Anfeindungen noch einmal durchleben muss. Wir hätten ihn sehr gerne bei der Premiere an den Solothurner Filmtagen dabei gehabt – aber er will jetzt erst einmal abwarten, wie der Film aufgenommen wird.
Sie haben die UBS nicht konfrontiert oder mit einbezogen. Warum?
Schilt: Wir haben den Film ganz bewusst nicht investigativ und konfrontativ angelegt. Wir präsentieren keine neuen Fakten zum Fall, sondern lediglich eine andere Perspektive. Deshalb gab es für uns keinen Grund, die UBS einzubeziehen. Wir hätten aber gerne erfahren, welche Erkenntnisse die UBS aus dem Fall Adoboli gezogen hat. Dazu wollte sich die Bank aber nicht äussern.
*Dieses Interview von Young-Sim Song (AWP) wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
Der Film erzählt die Geschichte des früheren UBS-Investmentbankers Kweku Adoboli: Nach einem Handelsverlust von 2,3 Milliarden US-Dollar wurde dieser 2012 wegen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Adoboli soll von 2008 bis zu seiner Festnahme im September 2011 bei der grössten Schweizer Bank mit unerlaubten Spekulationen und fingierten Geschäften am ETF-Desk in London die Handelsobergrenzen umgangen haben.
Martin Schilt ist unabhängiger Dokumentarfilmproduzent und Regisseur. Er hat mehrere Kinodokumentarfilme produziert, gemeinsam mit Bernard Weber «Die Wiesenberger – No Business Like Show Business». 2008 gründete er zusammen mit Belinda Sallin die Zürcher Produktionsfirma Lucky Film.
Bernard Weber arbeitet seit 1991 als unabhängiger Filmemacher und hat unter anderem den preisgekrönten Film «Der Klang der Stimme» realisiert. Zudem produziert er mit seiner Produktionsgesellschaft Artisan Films Dokumentarfilme.






