Kreuzlinger Kultur unter Druck – Freiwillige fehlen
Ende Oktober schliesst der Kulturverein Z88 seine Lokalität an der Löwenstrasse. Es ist die nächste Negativmeldung aus der Kreuzlinger Kulturszene.

«Es macht einfach keinen Sinn mehr, mit drei Leuten den Betrieb aufrecht zu erhalten», sagt Z88-Vorstandsmitglied Markus Reitze. Der Personalmangel habe bereits im Sommer dazu geführt, dass keine der sonst jährlich stattfindenden SonderBaren mehr durchgeführt werden konnten und «die Situation hat sich nicht positiv entwickelt».
Die Lokalität an der Löwenstrasse sei nicht mehr zu halten. Denn ohne Personal keine Veranstaltungen, keine Beiz, damit kein Umsatz mehr und schliesslich zu wenig Geld, die Miete zu bezahlen. «Wir räumen, Ende Monat ist Schluss».

Über eine mögliche Vereinsauflösung müsse eine Mitgliederversammlung entscheiden, doch ohne funktionierenden Vorstand und ohne Lokal sei der Fortbestand wenig sinnvoll.
Es hatte fast alles Platz
Nach 38 Jahren schliesst damit eine Kreuzlinger Institution ihre Türen. Begonnen hatte alles 1988 mit der Vereinsgründung, 1991 konnte das eigene Lokal an der Hauptstrasse 88 bezogen werden. Ursprünglich von der Stadt für ein mögliches Verwaltungsgebäude gekauft, diente das Haus bis 2020 dem Z88.
«Mit etwas Druck konnte der Verein das Erdgeschoss der Liegenschaft übernehmen und umbauen», blickt Markus Reitze in die Geschichte. Damals habe das Lokal mit all den Veranstaltungen einem grossen Bedürfnis entsprochen, denn neben dem Theater an der Grenze und der Gesellschaft für Musik und Literatur sei das Z88 der einzige Verein mit regelmässigen Events gewesen.
«An A bis Z, von Ausstellungen bis zur Zappa-Party, es gab fast nichts, was nicht im Z88 veranstaltet wurde». Es sei im Rückblick schwer zu schätzen, aber der Verein habe sicher mehr als 1200 Konzerte, Theateraufführungen, Filmabende, Lesungen, Cabaret und Partys durchgeführt.
Das Z88 sei Heimat auch von U20-Poetry Slam und des Band-X-Ost-Nachwuchs-Wettbewerbs gewesen. Kooperationen seien dazu immer gross geschrieben worden, vor allem grenzüberschreitende.
So sei das Z88 kurz vor dem Umbau im Jahr 2000 die Bühne von «Salzwasser», einer Theateraufführung im Rahmen «Junges Theater Konstanz», gewesen.
Experiment wurde zur Institution
Ziel des Vereins sei es gewesen, nicht nur profilierten Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne zu bieten. «Anfragen von Nachwuchsbands und Talenten aus allen Sparten wurden unkompliziert behandelt und in den meisten Fällen auch umgesetzt.»
Da die Infrastruktur im Z88 für viele Sparten vorhanden gewesen sei, habe der Verein auch ein vielfältiges Angebot auf die Bühne bringen können. Und nicht nur im Z88: 1989 wurde erstmals die Kulturwoche direkt am See durchgeführt.
«Es war zunächst ein Experiment, über kurze Zeit einen eigenen Raum zu bespielen, wurde dann aber mit dem Zirkuszelt zur Institution.» Lennox CF, Stiller Has, Phon Roll, Rolf Miller, Georg Schramm und viele mehr: «Die Kulturwoche zog das Publikum über die Region hinaus ans Seeufer», so Markus Reitze.
Die Organisation sei am Anfang noch aufwendig gewesen, doch mit der Zeit habe sich alles eingespielt. «Aber Aufbau und Abbau, die Festwirtschaft, die Künstlerbetreuung und die Bewachung machten den Einsatz zahlreicher Helferinnen und Helfer nötig.»
Als Lohn für die Arbeit verlangt wurde, habe dies das Ende der Kulturwoche bedeutet. Mitarbeitende zu bezahlen hätte das Budget gesprengt. Es habe viele Höhepunkte gegeben, doch eines sei in besonderer Erinnerung.
Anlässlich einer Veranstaltung des Kulturdachverbandes habe das Z88 den Film «Night on earth» gezeigt. An einem ganz besonderen Ort, im grossen Zwischenschlag des Girsbergtunnels.
Die Besucherinnen und Besucher seien mit Sonderbussen ins «Kino» gefahren worden. «Das war nur dank der guten Beziehungen zum kantonalen Tiefbauamt möglich.»
Mit Corona kamen die Probleme
2020 zügelte das Z88 an die Löwenstrasse, nachdem die Stimmberechtigten dem Bau des Bades Egelsee zugestimmt hatten. Die neuen Räumlichkeiten erwiesen sich als sehr geeignet und zentral, doch just nach dem Umbau schlug Corona zu. «Danach war nichts mehr wie zuvor, das Konsumverhalten änderte sich dramatisch, die Umsätze gingen zurück».
Dennoch sei der Betrieb nicht schlecht gelaufen, jedenfalls bis Beginn dieses Jahres, als sich das Ende abzuzeichnen begann. «Das Z88 kann sich wenigstens nicht vorwerfen, nichts für Kreuzlingen und die Region gemacht zu haben.»
Die Situation mache Sorgen, sagt Stephan Militz vom Kulturdachverband Region Kreuzlingen. Als KulturWorX-Leiter wisse er, wie viel Arbeit hinter den Veranstaltungen stecke. «Nachfolgeregelungen und Nachwuchs sind aktuell ein grosses Thema, der Hintergrund jedoch vielschichtig.»

Berufliche oder familiäre Veränderungen, Wegzug oder gesunkenes Interesse seien oft ausschlaggebend für das Verlassen eines Vereins. Dazu komme, dass sich Interessierte oft mit jahrelang gewachsenen Strukturen auseinandersetzen müssten, wenig Gestaltungsspielraum oder bekämen oder Verantwortung übernehmen könnten.
Nachwuchs ist Herausforderung
«Aus meiner Sicht betrifft die Nachfolgeregelung verschiedene Sparten.» Vereine aus Kabarett, Musik und Theater ständen vor der Herausforderung, ihre Aktivitäten weiterzuführen, wenn langjährige Vorstandsmitglieder aufhörten und sich keine neuen Verantwortlichen finden würden.
Dazu sei es nötig, «neue Modelle zu entwickeln, mit denen Wissen weitergegeben und Verantwortung übernommen werden kann». Stephan Militz sieht ein weiteres Problem in den steigenden bürokratischen Anforderungen für Fördergelder und Bewilligungen.
Dabei könnten seiner Meinung nach administrative Arbeiten mit modernen Tools einfacher gemacht werden. «Digitalisierung ist auch für Vereine ein Thema, sie erleichtert die Bürokratie und lässt den Vereinen die Freiheit, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren.»

Die erfolglose Nachfolgerereglung ist nach Meinung von Stadtrat Daniel Moos die Hauptursache für das Ende von KIK, vom Z88, der Vollmondbar und von der JazzMeilen-Pause. Die Rekrutierung von Freiwilligen ist schwierig geworden, auch weil mehr Bürokratie und verschärfte Vorgaben die Vereine zusehends belasten.
«Es ist keine erfreuliche Situation», nimmt der zuständige Stadtrat Daniel Moos zu den Problemen in der Szene Stellung. Dass das Festival Kabarett in Kreuzlingen (KIK) dieses Jahr zum letzten Mal stattfindet, ist für ihn besonders schade. «Das Festival hatte nationale Strahlkraft», gibt er zu bedenken, «hat über Jahrzehnte Menschen aus der ganzen Region begeistert».
Das Problem sei offensichtlich, nicht nur beim KIK: «Die Vereine müssen mehr auf ihre Nachfolgeregelung achten», sagt er. Es müssten Strukturen geschaffen werden, die es auch jüngeren Interessierten erlaubten, Gestaltung und Verantwortung zu übernehmen. Es werde seit Jahren immer schwieriger, Freiwillige zu rekrutieren.
Daniel Moos sieht sinkendes Interesse und Engagement einerseits, aber auch ein deutlich verändertes Konsumverhalten andererseits. «Heute wollen sich die meisten Menschen unterhalten lassen, Verantwortung und Arbeit übernehmen ist weniger gefragt.»
Stadt setzt auf Akteure
Freiwilligenarbeit müsse aber auch Spass machen und spannend sein. «Heute sind die Vereine mit mehr Bürokratie und deutlich mehr regolatorischen Vorgaben konfrontiert, das macht Veranstaltungen im Lokal oder Open Air nicht einfacher.» Dabei sei wichtig zu wissen, dass «die Stadt nur umsetzt, was die Politik vorgibt».
Das treffe vor allem den Bereich Sicherheit, Massnahmen, die Kosten verursachten wie Absperrungen bei Grossveranstaltungen. «Das macht es auch für die Stadt nicht einfacher», sagt Daniel Moos.
Dass nun auch das Z88 seine Türen schliesse, sei ein grosser Verlust. Die ganze Situation sei bedenklich, ein vielfältiges Kulturangebot dem Stadtrat sehr wichtig. Wie wichtig zeige die finanzielle Unterstützung, «am Geld liegt es sicher nicht, wenn Vereine ihre Arbeit aufgeben». Im Kulturkonzept setze die Stadt auf die Akteure, auf die Veranstaltenden, denn «wir machen keine Kultur, wir unterstützen sie, wir können Dienstleistungen erbringen».

Mit dem KIK und dem Z88 seien zwei langjährige Institutionen betroffen, und doch gebe es auch neue Akteure und Vereine, in denen eine Nachfolgerereglung bestens funktioniert habe. Daniel Moos nennt das See-Burgtheater unter neuer Führung und das Kulturhaus Apollo als neuen, attraktiven Veranstaltungsort.
Zusammen Lösungen finden
Der Stadtrat mache sich Gedanken, wie die Entwicklung zu stoppen sei. Daniel Moos verwies aber auch auf Beratungsangebote für Vereine im Kanton. So unterstütze benevol thurgau mit Vermittlung, Beratung, Vernetzung und Informationen Organisationen und Vereine.
«Wir müssen zusammen mit den Vereinen der Entwicklung entgegensteuern, wir haben noch ein gutes und breites kulturelles Angebot, aber wir müssen darauf achten, dass der Stadt nicht noch weitere Akteure verloren gehen.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








