Kollektivroman blickt vergnüglich hinter die Kulissen eines Verlags

Keystone-SDA
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Bern,

Ein kleiner Schweizer Verlag mit gutem Ruf wird fünfzig. Um das zu feiern, gab er einen Kollektivroman mit dem Titel «Der Verlag» in Auftrag. Die Lektüre ist vergnüglich, die Buchvernissage Teil des Jubiläumsfests

Die Autorin Karin Rey, die Übersetzerin Lis Kuenzli, der Autor Samuel Herzog und die Autorin Romana Ganzoni (v. l. n. r.) haben je mit ihrer eigenen Stimme, doch zusammen den Roman «De...
Die Autorin Karin Rey, die Übersetzerin Lis Kuenzli, der Autor Samuel Herzog und die Autorin Romana Ganzoni (v. l. n. r.) haben je mit ihrer eigenen Stimme, doch zusammen den Roman «De... - Keystone/ROTPUNKTVERLAG/SAMUEL HERZOG

Übersetzerin Pénélope hat etwas gegen Buchvernissagen. Nicht gegen die Sache selbst, aber gegen deren Bezeichnung, wie sie der befreundeten Autorin Susanna per Mail erklärt: «Buchvernissage, zum Kaputtlachen, das Wort. Kommt ja vom mittelalterlichen vernis, von dem wiederum das Wort Firnis stammt, und mit Vernissage ist der Tag der Fertigstellung eines Gemäldes gemeint, wenn die schützende Lackschicht auf das vollendete Kunstwerk aufgetragen wird, les jeux sont faits. Wird hier in Frankreich ausschliesslich für Ausstellungen benutzt.»

Kann es sein, dass Pénélope gern ein wenig mit ihrem profunden Wissen prahlt? Im Roman «Der Verlag» jedenfalls ist sie von vier Hauptfiguren die Gebildetste. Susanna hingegen kreist um die eigene Befindlichkeit. Nach Jahrzehnten als gefeierte Lyrikerin soll sie zum Verlagsjubiläum ihren ersten Roman vorlegen, steckt aber im Schreibstau. Dies treibt Verlagsleiterin Nola fast in den Wahnsinn, denn sie sollte an der kurz bevorstehenden Frankfurter Buchmesse für das Werk werben und Übersetzungslizenzen verkaufen. Und davon wiederum hängt das Sein oder Nichtsein des chronisch unterfinanzierten Verlags ab.

Wer die Buchbranche kennt, wird im Roman «Der Verlag» viel von dem finden, was Schweizer Verlagen aktuell Kopfzerbrechen und Exitenzängste beschert. Dass davon für einmal so munter, selbstironisch und mit vielen Pointen erzählt wird, schadet nicht und liest sich gut.

Spass an diesem Buch hatten wohl auch die vier, die es geschrieben haben. Man spürt ihre Fabulierlust. Sie übertreffen einander mit Wortschöpfungen und überzeichnen ihre Figuren zu Karikaturen.

Die Bündner Autorin Romana Ganzoni hat die Susanna-Teile des Romans «Der Verlag» geschrieben. Übersetzerin Lis Künzli leiht Pénélope ihre Stimme; wie die Romanfigur lebt sie in Toulouse. Die 36-jährige Autorin Karin Rey fühlt sich in die junge Verlagsleiterin Nola ein, die aus der Finanzbranche ins Buchgeschäft gewechselt hat und über so manches nur staunen kann. Und der Vierte im Schreibkollektiv, Autor Samuel Herzog, schickt Postkarten aus der Feder eines gewissen Peters ans Verlagsteam. Peter hat in der Wanderbuch-Abteilung gearbeitet, dann aber gekündigt, um auf Weltreise eine Erbschaft zu verprassen.

«Liebe Freunde», schreibt Peter, «unter einem gewaltigen Baum, der sich über die Commonwealth War Graves im Zentrum von Zomba erhebt, hat mich eben ein Strassenverkäufer am Arm gepackt, ein grosser Kerl in einem weissen Kaftan, der auf einem Campingtisch Plastiktüten mit Wurzelstückchen ausgebreitet hat. Das sei ein Mittel gegen 'blood suckers' und das müsse man hier auf jeden Fall haben, insistierte er, wenn man 'anständig' überleben wolle. Erst dachte ich, er meint Blutegel, dann aber begriff ich: Er meint Vampire! – Und grüsst mir auch schön mein krustenlustiges Sanguisugilein!».

Mit Letzterem ist Susanna gemeint. Alle im Verlag wissen, dass es zwischen den beiden heftig gefunkt hat. Dennoch gibt niemand die Karten an Susanna weiter, was einen durchaus triftigen Grund hat, der hier nicht verraten sei.

Der Rotpunktverlag nennt den Roman, den er zu seinem 50-jährigen Bestehen in Auftrag gegeben hat, «eine etwas andere Festschrift». Das ist leicht untertrieben. Grosse Literatur ist «Der Verlag» zwar nicht, aber eine unterhaltsame und aufschlussreiche Lektüre auf jeden Fall.

«DAS AUFLÖSEN DER ENDEN» (2026): Das Kollektiv LITER besteht aus den Basler Autorinnen Sina Aebischer, Nina Hurni und Caterina John, die sich als feministische Aktivistinnen verstehen. Ihre erste Publikation «Das Auflösen der Enden» beschäftigt sich mit Konsumkultur, Körpern und Frittieröl. (erhältlich über liter.ch)

«WENN DIE WELSE KOMMEN» (2025): Der Roman ist eine Dystopie, in der dennoch eine utopische Hoffnung aufblitzt. Sie spielt in einem überfluteten Genf der Zukunft und empfiehlt sich selbst als «vielschichtige Reflexion über Gesellschaft und Umwelt». Hinter dem Pseudonym Elen Fern verbirgt sich die Westschweizer Gruppe AJAR.«UND ÜBERLAUT DIE ZIKADEN» (2025): Die Basler Autorinnen Valerie-Katharina Meyer & Julia Rüegger führen ihren jahrelangen lyrischen Dialog in diesem Buch als eine Art seismographische Bestandsaufnahme ihrer Umgebung fort.

«WIR KOMMEN» (2024): Ein vielbeachtetes Gemeinschaftswerk des feministischen Literaturkollektivs Liquid Center. 18 Autorinnen, darunter Ulrike Draesner, schrieben anonym in einem gemeinsam genutzten Google-Dokument über weibliche und queere Sexualität. Das Ergebnis ist eine kontrovers diskutierte Text-Collage.

«KRUTTINGEN – E DORFGSCHICHT» (2023): Die Geschichte spielt in einem fiktiven Dorf im Schweizer Mittelland, wo die Rückkehr eines zwanzig Jahre lang Abwesenden für Aufruhr sorgt. Die Autorinnen Marianne Erne, Patricia Jäggi, Kathrin Probst und Katharina Wehrli lernten einander im zweijährigen Lehrgang «Literarisches Schreiben» mit Ruth Schweikert an der Volkshochschule Schwyz kennen. Dort beschlossen sie, neben jeweils eigenen Projekten auch gemeinsam zu schreiben.

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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