Kinderbetreuung: Ohne Grosseltern würde das System Schweiz wanken

Stephan Felder
Stephan Felder

Solothurn,

Grosseltern leisten in der Schweiz jährlich 160 Millionen Stunden Kinderbetreuung. Damit ermöglichen sie vielen Familien erst den Arbeitsalltag.

Grosseltern
Ohne Grosseltern könnten viele Familien in der Schweiz ihren Alltag kaum bewältigen. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Grosseltern betreuen in der Schweiz ihre Enkel häufig kostenlos und regelmässig.
  • Für viele Familien wäre der Alltag ohne diese Unterstützung kaum finanzierbar.
  • Experten sehen darin einen grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen.

Dreimal pro Woche lässt Nau.ch-Leserin Laura B.* aus dem Kanton Bern ihre Kinder von den Grosseltern betreuen.

Zweimal pro Woche übernehmen ihre Eltern die Betreuung, einmal die Schwiegereltern. Aus gutem Grund: «Drei Tage Kita pro Woche würden uns für unsere drei Kinder pro Monat rund 3500 Franken kosten. Das könnten wir uns schlicht nicht leisten», sagt Laura.

Zumal das Betreuen durch die Grosseltern auch andere Vorteile bietet. Bei Nau.ch-Leser Samuel K. aus dem Kanton Solothurn schauen die Grosseltern an zwei Tagen in der Woche auf die beiden Kinder.

Grosseltern hüten auch, wenn ein Kind krank ist

Er erklärt: «Ist ein Kind angeschlagen oder krank, hüten die Grosseltern die Kinder trotzdem. In die Kita könnten wir es nicht bringen. Meine Frau oder ich würden so viel häufiger bei unserer Arbeitsstelle fehlen.»

Die Beispiele von Laura B. und Samuel K. zeigen: Ohne die Kinderbetreuung durch die Grosseltern wären viele Schweizer Familien aufgeschmissen – finanziell und organisatorisch.

Findest du Kinderbetreuung durch Grosseltern sinvoll?

Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat 2025 eine grosse Studie durchgeführt. Dabei wurde erhoben, wie viel Betreuungsarbeit Grosseltern in der Schweiz tatsächlich leisten.

Die Zahlen sind gigantisch: 160 Millionen Betreuungsstunden leisten Grosseltern pro Jahr in der Schweiz. Dieser Zeitaufwand entspricht einem geschätzten Gegenwert von 8,2 Milliarden Schweizer Franken – jedes Jahr! Dieser Betrag entspricht ungefähr dem jährlichen Bruttoinlandprodukt des Kantons Schaffhausen.

Auch weitere Zahlen des BFS zeigen, wie stark Grosseltern in den Familienalltag eingebunden sind: 42 Prozent der Grosseltern mit Enkelkindern unter 13 Jahren betreuen diese mindestens einmal pro Woche.

Weitere 21 Prozent springen mindestens monatlich ein, während 12 Prozent ihre Enkel seltener oder vor allem während der Ferien hüten.

Was bedeuten diese Zahlen für die Volkswirtschaft in der Schweiz?

«Der Einfluss ist sehr positiv einzuschätzen»

Ökonom Mathias Binswanger ordnet gegenüber Nau.ch ein: «Der Einfluss der Kinderbetreuung durch Grosseltern ist volkswirtschaftlich sehr positiv einzuschätzen. Er ermöglicht den Eltern mehr Berufstätigkeit, ohne dass entsprechende Kosten entstehen.»

Diese Form der Unterstützung sei historisch betrachtet nichts Neues. «Diese Kinderbetreuung war in früheren Grossfamilien immer schon der Normalfall», sagt Binswanger.

Zudem wirke sich die Betreuung positiv auf die Lebenszufriedenheit aus. Sowohl bei den Eltern als auch bei den Grosseltern selbst. «Das zeigen die hohen Zufriedenheitswerte bei der Kinderbetreuung durch Grosseltern.»

In welcher Phase steckst du aktuell?

Und klar sei auch: «Ohne Grosseltern würde die Schweiz immer noch funktionieren, aber um einiges schlechter und die Lebenszufriedenheit wäre geringer

Auch bei Pro Senectute beobachtet man seit Jahren die grosse Bedeutung der Grosseltern in der Kinderbetreuung. Im internationalen Vergleich sei die Betreuung in der Schweiz traditionell stark Familiensache.

Freiwilliges Engagement hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert

«Lange Zeit gab es nur wenige staatliche Angebote», erklärt die Organisation. «Der Ausbau von Kitas und schulergänzender Betreuung erfolgte erst spät.» Zudem sei er bis heute je nach Kanton unterschiedlich.

Hinzu komme, dass freiwilliges Engagement in der Schweiz einen hohen Stellenwert habe. Unterstützung innerhalb der Familie sei gesellschaftlich stark verankert.

Die Betreuung der Enkelkinder erfolge dabei meist unentgeltlich. «Sie wird als familiäre Unterstützung verstanden und nicht als Dienstleistung», so Pro Senectute. Finanzielle Entschädigungen seien eher die Ausnahme.

Pro Senectute
Gemäss Pro Senectute wird das Ausmass der Kinderbetreuung von der Allgemeinheit immer noch unterschätzt. - keystone

Studien und Erfahrungen würden zudem zeigen, dass Grosseltern die Betreuung meist aus intrinsischer Motivation übernehmen. Viele empfänden den Kontakt zu den Enkelkindern als sinnstiftend und bereichernd.

Gleichzeitig sieht Pro Senectute beim gesellschaftlichen Bewusstsein noch Luft nach oben. Zwar geniesse die Unterstützung durch Grosseltern grundsätzlich Wertschätzung.

Das tatsächliche Ausmass und der gesellschaftliche Nutzen dieser Arbeit würden aber häufig unterschätzt. Besonders sichtbar geworden sei dies während der Corona-Pandemie.

Sichtbarkeit während Corona deutlich erhöht

Damals hätten viele Familien plötzlich auf die Unterstützung der Grosseltern verzichten müssen. Und gemerkt, wie zentral diese Hilfe im Alltag tatsächlich ist.

Laura B. oder Samuel K. jedenfalls wüssten ohne Grosseltern nicht, wie sie ihren Alltag organisieren sollten.

Die Millionen geleisteten Betreuungsstunden sind deshalb nicht nur Ausdruck familiärer Nähe.

Sondern auch ein unsichtbares Fundament, auf dem der Alltag zahlreicher Schweizer Familien überhaupt erst funktioniert.

Und damit die Schweizer Volkswirtschaft als Ganzes.

* Name der Redaktion bekannt

Kommentare

User #2405 (nicht angemeldet)

System Schweiz ? Ist da das Abzocksystem gemeint ?

User #3996 (nicht angemeldet)

Ergo: AHV von den Einkommenssteuern befreien, sofern nachweislich solche Kinderbetreuung geleistet wird!

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