Kinderärzte setzen neu auf Schweizer Daten für Wachstumskontrollen
Ist ein Kind gross genug – oder zu schwer? Schweizer Kinderärztinnen und Kinderärzte beurteilen Wachstum und Gewicht nach sogenannten Wachstumskurven. Ab sofort gelten dafür neue Schweizer Referenzwerte. Die wichtigsten Fragen und Antworten

WARUM GIBT ES NEUE WACHSTUMSKURVEN?
Seit 2011 nutzen Kinderärztinnen und Kinderärzte in der Schweiz die Wachstumskurven der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese beruhen auf internationalen Daten von Kindern aus Brasilien, Ghana, Indien, Norwegen, Oman und den USA.
Laut dem Pädiatrisch-endokrinologischen Zentrum Zürich (Pezz), unter dessen Leitung die neuen Werte erhoben wurden, bilden die WHO-Werte das Wachstum von Schweizer Kindern jedoch nur unzureichend ab.
Ihre untere Normgrenze für die Körpergrösse lag je nach Alter bis zu 4 cm tiefer als die neuen Schweizer Werte. Dies konnte dazu führen, dass behandlungsbedürftige Wachstumsstörungen erst verspätet erkannt wurden. Die neuen Referenzen ermöglichen eine präzisere Beurteilung.
WAS IST ANDERS IN DEN NEUEN KURVEN?
Die neuen Wachstumskurven basieren auf aktuellen nationalen Daten. Für die Erhebung wurden Angaben von mehr als 43'000 Kindern und Jugendlichen aus allen Sprachregionen der Schweiz ausgewertet. Laut Pezz handelt es sich um eine der grössten Wachstumsstudien Europas.
WAS ZEIGEN DIE NEUEN DATEN?
Die Auswertung zeigt, dass Schweizer Kinder heute kaum grösser sind als vor 50 Jahren.
Die durchschnittliche Endgrösse liegt bei rund 178 Zentimetern für Männer und 166 Zentimetern für Frauen – nur etwa einen Zentimeter über den Werten der früheren Schweizer Prader-Referenz, die bis zur Einführung der WHO-Kurven im Jahr 2011 verwendet wurde.
Allerdings setzt der Wachstumsschub heute früher ein als bei früheren Generationen. Kinder erreichen bestimmte Körpergrössen also bereits in jüngerem Alter. Auf die endgültige Erwachsenengrösse hat dies jedoch kaum Einfluss.
WO GIBT ES VERÄNDERUNGEN?
Während die Körpergrösse weitgehend stabil geblieben ist, ist das Gewicht gestiegen. Damit verschiebt sich auch die Referenz dafür, welches Gewicht noch als alters- und grössengemäss gilt. Dadurch fällt der Anteil der als übergewichtig eingestuften Kinder tiefer aus als mit bisherigen Referenzen: Die Studie kommt auf 13,5 Prozent übergewichtige Kinder statt der oft genannten rund 20 Prozent.
SPIELT ES EINE ROLLE, OB EIN KIND MIGRATIONSHINTERGRUND HAT, ODER NICHT?
Die Studie zeigt, dass Kinder in der Schweiz unabhängig von ihrer Herkunft ähnlich gross werden. Die Unterschiede liegen vor allem beim Body-Mass-Index (BMI), also beim Verhältnis von Gewicht zu Körpergrösse.
Kinder mit familiären Wurzeln in Süd- und Südosteuropa weisen laut Pezz höhere BMI-Werte auf und sind häufiger von Übergewicht oder Adipositas betroffen als Kinder mit zwei Schweizer Eltern. Auffällig ist dabei: Kinder mit zwei Schweizer Eltern sind heute kaum schwerer als frühere Generationen.
Die Daten legen deshalb nahe, dass die Zunahme von Übergewicht in der Schweiz nicht alle Kinder gleichermassen betrifft.










