Julia Weber erzählt von Freud und Leid einer modernen Magierin

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Bern,

Aus einem Kind mit Fell wird eine Frau, die Menschen in Tiere verwandelt: Die Heldin in Julia Webers neuem Roman «Weil ich Ruth bin» hebt die Kluft zwischen Zivilisation und Wildnis auf. Eine faszinierend zwiespältige Lektüre.

Julia Weber zeigt sich mit ihrem neuen Roman «Weil ich Ruth bin» einmal mehr als talentierte Autorin - und als Autorin ihrer Zeit. Die fantastische Geschichte über die besondere Ruth i...
Julia Weber zeigt sich mit ihrem neuen Roman «Weil ich Ruth bin» einmal mehr als talentierte Autorin - und als Autorin ihrer Zeit. Die fantastische Geschichte über die besondere Ruth i... - Keystone/GAETAN BALLY

Ruth ist anders. Sie erinnert sich an ihre eigene Geburt und beschreibt diesen Vorgang detailreich am Anfang des Romans, der ihre Lebensgeschichte erzählt. So wird man von der Zürcher Autorin Julia Weber eingestimmt auf etwas Besonderes.

Ruth ist ein Sonderling, ein Säugling mit Fell. Ihre Mutter hatte als Kind auch ein Fell, sie nimmt das Aussehen ihres Neugeborenen deshalb wie etwas Selbstverständliches auf, liebt das Kind innig und stolz, empfängt neugierige Besucherinnen und Besucher offen. «Sie sind leise bei uns, sagt meine Mutter, deinetwegen werden sie leise, Ruth. (...) Selbst diejenigen, die sonst laut sind, gehen vorsichtig durch die Wohnung, sagt sie, selbst die Stolzesten legen sich neben dich auf den Boden, auf die Decke, auf der du liegst, selbst die Härtesten legen irgendwann ihr Gesicht in dein Fell.»

Ruth erlebt also von Anfang an Grenzüberschreitungen. Ihre Mutter bekommt allerlei Naturalien, manchmal auch Geld dafür, dass sie die Menschen zu ihrem Kind lässt. Wen wundert es, dass Ruth, kaum erwachsen, auszieht und ihren Lebensunterhalt damit verdient, unglückliche Menschen in ihrem Bett zu empfangen. Glück schenkt sie ihnen nicht in Form von Sex, sondern in Form von Verwandlung. Sie kann Menschen vorübergehend in Tiere verwandeln, die im Reinen sind mit ihrer Existenz. Und sie kann Wetter machen.

Als Ruth sich in Toni verliebt, einen jungen Mann, der irgendwie auch eine Frau ist, und als Toni dann eine andere küsst, lässt Ruth den Blitz in den Baum neben den beiden einschlagen. «Und Toni flüstert mir manchmal ins Ohr, ich solle das immer tun, ich solle immer den Blitz bereithalten, ich solle ihn immer verwandeln, und er wolle eigentlich gar nicht mehr Mensch sein, sondern Schmetterling, nur noch Schmetterling, Schnecke, Gürteltier, vielleicht einmal eine Schlange oder eben ein Fisch, ein Delfin vielleicht. Er wolle auf jeden Fall lieber nicht in diesem Menschenkörper wohnen

Man kennt die Flucht in Fantasien, Ausnahmezustände, Parallelwelten aus Julia Webers früheren Romanen «Alles ist immer schön» (2017) und «Die Vermengung» (2022). Im neuen Roman «Weil ich Ruth bin» geht sie einen Schritt weiter: Ruths Fähigkeiten sind nicht Fantasie, sondern real, der Roman folglich eine Art Fantasy-Utopie.

Die Dachwohnung, die Ruth bewohnt, wird bald zur Frauen-WG. Als Haustiere halten die drei Freundinnen drei verwandelte Männer, welche sie verraten, missbraucht und misshandelt haben. Neben Schildkröte Toni gehört ein Molch dazu, der als Professor seine Studentin verführte und regelmässig fickte, ohne je daran zu denken, seine bürgerliche Vorzeige-Ehe aufzulösen. Und der frustrierte Prolet, der seine Frau alle paar Tage im Suff zusammenschlug, fristet als Mäuschen ein bescheidenes Dasein unter der Kontrolle der Unglücklichen, die gar noch ein Baby von ihm bekommt.

Sämtliche aktuellen Gender-Themen packt Julia Weber in ihre Geschichte: den Wunsch nach einer durchlässigen Grenze zwischen den Geschlechtern, die Arroganz mächtiger Männer im Umgang mit Frauen, die Gewalttätigkeit gekränkter Männer bis zum Femizid. Und – leider – auch die Diffamierung älterer Frauen. Grundsätzlich sind die Mütter an allem schuld. Folgerichtig wird Ruths Mutter von ihrem neuen Freund erst mit Pralinen bis zur fettleibigen Unkenntlichkeit gemästet und dann verlassen. Und die Hebamme, die am Anfang des Romans steht, wird vom zur Welt kommenden Kind als kalte, harte, hässliche und stinkende Alte beschrieben.

Das alles ist schade. Die Literatur dieser zweifellos talentierten Autorin wird so zum politischen Programm einer Generation, die sich in der Opferrolle gefällt. Am Literaturinstitut Biel, wo Julia Weber ihre Ausbildung absolviert hat, wird solches gefördert. Das zeigen zahlreiche andere Werke ähnlicher Prägung. Weber, inzwischen 43, selber Mutter und im Literaturbetrieb erfahren, könnte sich kraft ihrer Schreibkunst emanzipieren und eine Vision entwickeln, die in die Zukunft weist. Stattdessen lässt sie ihre Heldin in der Psychiatrie enden und erhebt eine «Lösung», die im 19. Jahrhundert unkonventionelle Frauen als Hysterikerinnen unschädlich machte, zum Mass unserer Zeit.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

Kommentare

User #5407 (nicht angemeldet)

Wer interessiert sowas? Ich könnte ein Buch schreiben !!

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