Jetzt ziehen erste Bewohner wieder nach Brienz GR
Die Evakuierung des vom Bergsturz bedrohten Bündner Dorfes Brienz ist am Montag nach über einem Jahr aufgehoben worden.

Das Wichtigste in Kürze
- Die ersten Bewohner dürfen ihre Häuser in Brienz wieder beziehen.
- Die Evakuierung, die nach einem Bergsturz stattfand, wurde am Montag aufgehoben.
- Die Gemeinde hat mittlerweile damit begonnen, wieder Verkehrsschilder zu montieren.
Noch sieht es nach einem Geisterdorf aus. Die meisten Fensterläden sind geschlossen – erst wenige Dorfbewohnende kehren zurück.
«Wir hoffen, dass diejenigen, die die Hoffnung nie aufgaben, jetzt nach Hause kommen können.» Das sagte Daniel Albertin, Gemeindepräsident der Gemeinde Albula, im Gespräch mit Keystone-SDA am Dorfbrunnen in Brienz.
Einer, der die Hoffnung nie aufgab, ist Georgin Bonifazi. Der Landwirt aus Brienz nahm nur das Wichtigste mit nach Landquart.
Dort wohnte er nun während 62 Wochen in einer «notdürftig eingerichteten Wohnung» zusammen mit seiner Familie, wie er erzählte.
Jetzt wo er wieder in Brienz sei, atme er ganz anders, es sei eine ganz neue Lebensqualität. Nachts erwache er wegen der ungewohnten Stille. «Es ist einfach so schön.» Seine Tiere, 60 Rinder, 30 Mutterkühe und 70 Schafe will er nun bis Ostern wieder nach Brienz bringen.
Auch der Senior Hermann Bossi kehrte an diesem Montagmorgen zurück. Während er seine Habseligkeiten ins Haus räumt, verneint er die Frage, ob er Angst vor weiteren Felsstürzen habe.
Es sei so ruhig wie noch nie am Berg. Dem pflichtete auch Bonifazi bei. Seit dem im vergangenen November das absturzgefährdete Plateau zerfiel, sei es «mucksmäuschenstill» im Dorf. Zuvor gehörte das Rumpeln am Berg zum Alltag.
Ende der Evakuierung birgt Unsicherheit
Möglich wurde das Ende der Evakuierung, weil sich die über dem Dorf gemessenen Bewegungen am Berg beruhigt haben.
Bereits am vergangenen Freitag durften die Dorfbewohnerinnen und Bewohner erstmals wieder in Brienz übernachten.
Seit Montag gilt wieder «Phase grün» – damit dürfen auch Leute von ausserhalb wieder ins Dorf. Das Postauto fährt wieder und Gemeindeangestellte montieren die Verkehrsschilder nach Brienz wieder an die Wegweiserpfosten.
Doch die Aufhebung berge auch Unsicherheit für die Zukunft, so Albertin weiter. Rund rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung hat sich für eine präventive Umsiedlung angemeldet. Dass jetzt eine Rückkehr möglich ist, lasse viele an diesem Entscheid zweifeln.
Das Angebot der Umsiedlung solle aber weiterhin bestehen, betonte die Gemeinde. Erst im Dezember sprach der Bündner Grosse Rat hierfür 50 Millionen Franken. Die Menschen, die weg wollen, erhalten 90 Prozent der anfallenden Kosten und müssen zehn Prozent selber stemmen. Der Preis: Ihr altes Zuhause in Brienz müssen sie dafür abreissen.
Das umstrittene Waldgesetz
So will es das Waldgesetz, auf dessen Grundlage die Umsiedlungsfinanzierung aufgebaut ist. Es regelt den Umgang mit Naturgefahren. Bei einer Gefährdung sind Massnahmen möglich – unter anderem Schutzbauten.
Dazu gehören auch Umsiedlungen, weil dabei das Schadenspotential aufgelöst werden kann und somit kein Risiko mehr besteht. Dies ist entscheidend für die finanzielle Unterstützung.
Das Dorfbild würde so zerstört werden, kritisierte Bonifazi. Er habe Verständnis für die Menschen, die gehen wollen, wünsche sich aber, dass deren Häuser stehen und bewohnbar bleiben.
«Ein Abriss oder eine Versiegelung, wie es etwa der Heimatschutz bei einigen Bauten vorsieht, darf keine Lösung sein. Nicht zu einer Zeit, wo es überall Wohnraum braucht und die Natur nichts zerstört hat».
Brienz sei schon immer ein Ausnahmefall gewesen, so Bonifazi weiter. Er wünsche sich deshalb auch bei der Auslegung des Waldgesetzes entsprechende Ausnahmeregeln.
«Wo soll es schöner sein als hier»
Für ihn ist der Erfolg des Entwässerungsstollens zentral. Seit 2024 bauen die Behörden am 2,3 Kilometer langen Tunnel unterhalb des Hochplateaus, auf dem das Bergdorf liegt.
Der 40-Millionen-Franken-Stollen soll die Rutschungen, die durch eingelagertes Wasser vorangetrieben werden, verlangsamen.
Messungen zeigten bereits im letzten Sommer die Wirkung der Entwässerung. Im Dezember lagen die Rutschbewegungen schliesslich bei 10 bis 25 Zentimetern pro Jahr. Dem tiefsten Wert seit 15 Jahren.
«Das war für uns die Kehrtwende», so Bonifazi. Das Ziel, Brienz zu erhalten, sei damit erreicht – «der Erfolg ist da».
Er fühle sich hier sicher und vor allem wohl. Denn «wo soll es schöner sein als hier?»









