Ist Wolf schuld? Schutznetze werden für Wildtiere zur Todesfalle
Rehe, Füchse und andere Wildtiere verfangen sich immer wieder in Weidenetzen – teils mit tödlichen Folgen. Ex-Wildhüter Steven Diethelm warnt vor den Gefahren.

Das Wichtigste in Kürze
- Der frühere Wildhüter Steven Diethelm schlägt wegen verendeter Wildtiere in Zäunen Alarm.
- Betroffen sind unter anderem Rehe und Füchse, die sich in Netzen verfangen.
- Besonders Flexinetze bergen für Wildtiere ein erhöhtes Risiko.
- In Graubünden wurden allein 2026 bereits 73 Fälle von in Zäunen verfangenen Wildtieren registriert.
Es sind Bilder, die schwer zu ertragen sind.
Ein Reh hat sich in einem Netz verfangen. Sein Körper hängt im Geflecht. Offenbar hat sich das Tier beim Versuch, sich zu befreien, immer weiter darin verheddert.
Auf solche Fälle macht Steven Diethelm derzeit auf Facebook aufmerksam. Der einstige Wildhüter zeigt mehrere Wildtiere, die sich in Zäunen oder Netzen verfangen haben und dabei verendet sind. Betroffen sind unter anderem Rehe und Füchse.

Doch wie gefährlich sind solche Einzäunungen für Wildtiere tatsächlich – und welche spielen dabei eine besonders grosse Rolle?
Netze halten Nutztiere auf der Weide
Zäune und Netze gehören in der Landwirtschaft zum Alltag. Sie sorgen etwa dafür, dass Schafe, Ziegen oder Rinder auf ihrer Weide bleiben. Je nach Ausführung sollen sie die Tiere gleichzeitig vor Eindringlingen wie dem Wolf schützen.
Dabei gibt es verschiedene Systeme.

Bei Schafen und Ziegen kommen unter anderem sogenannte Flexinetze zum Einsatz. Das sind mobile Weidenetze, die relativ schnell auf- und wieder abgebaut werden können. Sie können unter Strom gesetzt werden.
Anders sehen sogenannte Litzenzäune aus. Bei ihnen besteht die Begrenzung nicht aus einem Netz. Stattdessen verlaufen einzelne Drähte oder Bänder waagrecht zwischen den Zaunpfosten.
Für Wildtiere ist dieser Unterschied relevant.
Auf Facebook gehen die Meinungen auseinander
Unter Diethelms Beitrag wird heftig darüber diskutiert, welche Zäune und Netze besonders problematisch sind.
Einige Kommentierende vermuten, dass auf den Bildern ältere orange Netze zu sehen seien. Die meisten Unfälle würden ihrer Ansicht nach bei schlecht gespannten Netzen und solchen passieren, die nicht unter Strom stehen.
Andere widersprechen Diethelm und bezweifeln, dass es sich bei den gezeigten Einzäunungen überhaupt um Herdenschutzzäune handelt.

Mehrfach wird zudem kritisiert, dass Netze nach der Nutzung nicht entfernt würden. «Flexinetze und Drahtgeflecht im Herbst nicht abräumen. Das sind die grössten Fallen fürs Wild», heisst es in einem Kommentar.
Eine weitere Nutzerin berichtet aus ihrer Umgebung: Früher seien Drahtzäune dort im Herbst weggeräumt worden, heute teilweise nicht mehr. Sie habe selbst beobachtet, wie sich ein von einem Jagdhund gehetztes Reh panisch gegen ein solches Geflecht geworfen habe.
Andere fordern deutlich härtere Konsequenzen. «Diese Zäune sollten verboten sein», schreibt eine Nutzerin.
73 Fälle allein in diesem Jahr
Dass sich Wildtiere tatsächlich immer wieder in Zäunen verfangen, zeigen aktuelle Zahlen aus Graubünden.
Beim Amt für Jagd und Fischerei wurden im laufenden Jahr bereits 73 entsprechende Fälle registriert, wie Plantahof-Direktor Peter Vincenz gegenüber Nau.ch schreibt.
Am häufigsten betroffen seien Rehe und Rothirsche. Aber auch Gämsen, Füchse, Hasen und andere Wildtiere könnten sich verfangen.
Bei kleineren Tieren müsse zudem von einer Dunkelziffer ausgegangen werden. Welcher Zauntyp bei den einzelnen Fällen im Einsatz war, werde allerdings nicht systematisch erfasst.
Fachstelle bestätigt erhöhtes Risiko
Doch wie gross ist die Gefahr für Wildtiere tatsächlich?
Agridea, die landwirtschaftliche Beratungs- und Wissensorganisation, bestätigt gegenüber Nau.ch, dass insbesondere sogenannte Flexinetze problematisch sein können.
«Das Risiko ist bei Flexinetzen höher als bei Litzenzäunen», sagt Felix Hahn.
Gerät etwa ein Reh in ein solches Netz, kann es sich mit den Beinen, dem Kopf oder dem Geweih verfangen. Beim Versuch, sich zu befreien, verwickelt es sich unter Umständen immer stärker im Geflecht.
Ist das Netz elektrifiziert, kommen zusätzlich Stromimpulse hinzu. Sowohl das Verheddern als auch die Stromstösse können laut Hahn eine Rolle spielen.
Vincenz relativiert die Gefahr durch den Strom allerdings. Bei modernen Geräten werde die Impulsfolge bei einer Dauerberührung verlangsamt. Die grössere Gefahr bestehe darin, dass sich Wildtiere im Netz verfangen.
Dass Wildtiere tatsächlich in Zäunen und Netzen verenden, zeigen frühere Zahlen aus dem Kanton Schwyz. Zwischen 2015 und 2018 wurden dort 53 Wildtiere registriert, die durch Zäune ums Leben kamen. Bei rund 65 Prozent der Fälle waren Flexinetze die Ursache.
Betroffen waren unter anderem Rehe, Rotwild, Füchse, Dachse, Igel, Hasen und Marder.
Was hat der Wolf damit zu tun?
Einige Kommentierende machen den zunehmenden Herdenschutz dafür verantwortlich, dass heute aufwendigere Zäune eingesetzt werden. Andere halten dagegen: Schafe und Ziegen seien schon lange eingezäunt worden, bevor der Wolf in die Schweiz zurückkehrte.

Auch Agridea widerspricht der einfachen Rechnung, wonach wegen des Wolfs generell mehr Zäune in der Landschaft stehen. «Prinzipiell waren und sind Nutztiere in der Schweiz im Bereich der landwirtschaftlichen Nutzfläche eingezäunt», erklärt Hahn.
Verändert habe sich teilweise aber die Art der Einzäunung. Früher kamen bei Schafweiden oft einfachere Zäune zum Einsatz. Für den Herdenschutz werden heute teilweise dichtere Zäune verwendet.
Vincenz hält zudem fest, dass durch den verstärkten Herdenschutz heute mehr solche Zäune zum Einsatz kommen als noch vor einigen Jahren. Dadurch habe sich auch «das Potential für verfangene Tiere insgesamt» erhöht.
Gleichzeitig betont Hahn: Herdenschutzzäune würden in der Regel sorgfältiger aufgebaut und häufiger kontrolliert als andere Weidezäune.
Für Wildtiere wäre weniger Zaun besser
Einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Herdenschutz und Wildtierschutz sieht Hahn deshalb nicht.
«Grundsätzlich ist Herdenschutz ja auch Wildtierschutz», sagt er. Ziel sei eine möglichst konfliktarme Koexistenz von Nutztierhaltung und Grossraubtieren. Für Rehe, Gämsen, Füchse und andere Wildtiere wäre eine möglichst zaunfreie Landschaft dennoch besser.
Ganz ohne Einzäunungen funktioniert die Nutztierhaltung allerdings kaum.












