«In Ordnung» ist das Graphic-Novel-Debüt der jungen Luzerner Zeichnerin Anja Wicki. Mit ihren Bildern in zarten Pastellfarben erzählt sie auf feinfühlige Weise von einer jungen Frau mit einer Zwangsstörung.
in ordnung
Die Luzerner Zeichnerin Anja Wicki liefert mit ihrem Graphic-Novel Debüt «In Ordnung» ein subtiles Spiel von Linien und Flächen. - sda - Handout: Edition Moderne/Anja Wicki, «In Ordnung»

Der rechte Winkel, die gerade Linie, der beschlossene Plan bestimmen das Leben von Eva, einer sportlichen jungen Frau und Architektin. Alles Spontane ängstigt sie. Gerät die präzise Ordnung durcheinander, verliert sie die Kontrolle über sich. Sie verkrampft sich, ihr Gesicht verformt sich zur Maske und sie legt sich, wo immer sie gerade ist, einfach auf die Erde.

In ihrem Graphic-Novel-Debüt erzählt Anja Wicki, wie diese Zwangsstörung Evas Leben behindert und sie von ihren Freunden entfremdet. Diese finden sie einfach kompliziert, auch wenn sie Eva mögen. Nichts scheint zu helfen, keine Therapie bringt Linderung – bis Eva von ihrer geliebten Grossmutter ein Votivbild des Heiligen Gabriel erhält. Wenig später taucht ein Freak bei ihr auf, der sich Gabi nennt.

So klar die Diagnose der Zwangsstörung ist, so unaufgeregt erzählt Anja Wicki ihre Geschichte mit wenigen Worten und kargen Bildern. Ihr Strich ist ausgesprochen einfach, keinerlei Schraffuren, nur feine Umrisslinien ohne unnötige Details. Farblich sind die Bilder durch monochrome Flächen akzentuiert, die die Zeichnerin mal den Linien folgen lässt, mal einfach darüber legt. Ihre Tönung verrät die Tageszeit oder den Wechsel von Innen- und Aussenraum.

So erscheint diese Graphic Novel genau so aufgeräumt wie es sich die Protagonistin mit ihrem Ordnungszwang wünscht. Anja Wicki hat eine ausgesprochen feinfühlige Form gefunden, mit der sie ein störendes Krankheitsbild in Szene und ins Bild setzt. Bildsprachlich überzeugt vor allem, wie sie ihre Handlung mit perspektivisch oft nur leicht variierten Bildfolgen geduldig, ohne Kommentare voranbringt und im Wechsel immer wieder nah an unscheinbare Einzelheiten heranzoomt oder eine Szene ganzseitig aufschlägt.

Refrainartig zeigen letztere eine therapeutische Situation aus Evas Perspektive, ihr gegenüber sitzen Therapeutinnen und Therapeuten und verteilen ihr Rezepte. Wohltuend frei von Didaktik bringt «In Ordnung» am Ende nichts in Ordnung. Vielleicht aber gibt es Wege, um die Zwangsstörung zu bändigen.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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