Stadt Zürich

    In nur 30 Minuten: Zürcher sammelt 500 Zigi-Stummel!

    Christian Saggese
    Christian Saggese

    Zürich,

    Mischa Gurov sammelte am Schanzengraben 1000 Zigarettenstummel. Mit ungewöhnlichen Aktionen will der Zürcher gegen Littering aufrütteln.

    Mischa Gurov
    Mischa Gurov am Clean-Up-Day mit den 1000 Zigistummeln am Helm befestigt, sowie der Glocke und den 26 PET-Flaschen. - PD

    Das Wichtigste in Kürze

    • Mischa Gurov sammelte beim Zürcher Schanzengraben 1000 Zigistummel vom Boden.
    • Damit will der Zürcher aufrütteln und andere zum Handeln gegen Littering bewegen.

    Der Blick von Mischa Gurov wandert ständig zu Boden. Nicht, weil der Zürcher in Gedanken versunken ist. Sondern weil ihn ärgert, was andere achtlos wegwerfen.

    Besonders die unzähligen Zigistummel sind ihm ein Dorn im Auge. Kurz vor der Street Parade riss dem 46-Jährigen der Geduldsfaden. Wie so oft wollte er schwimmend über den Schanzengraben zur Arbeit gelangen.

    Wie schon oft bemerkte er am Ufer eine unglaubliche Menge an Zigarettenstummeln, die überall herumlagen – doch diesmal waren es für ihn definitiv zu viele. Er musste handeln.

    Am Abend kehrte er zurück, schnappte sich Handschuhe und Plastiksack und sammelte beim Schanzengraben innert 30 Minuten auf 30 Metern nach eigenen Angaben 500 Zigarettenstummel ein. War diese dreckige Situation vielleicht eine Ausnahme? «Nein.

    Kürzlich ging ich wieder in diese Gegend und sammelte innert 45 Minuten 500 weitere Stummel ein.» Um aufzurütteln, liess er sich anlässlich der Clean-Up-Tage etwas Besonderes einfallen.

    Mischa Gurov sammelte beim Schanzengraben 1000 Zigistummel vom Boden.
    Mischa Gurov sammelte beim Schanzengraben 1000 Zigistummel vom Boden. - PD

    Er befestigte die beiden Plastiksäcke mit den über 1000 gesammelten Stummeln über seinem Kopf und hängte 26 PET-Flaschen an seine Schwimmboje, eine für jeden Kanton, da das Littering-Problem alle betreffe. Mit einer Schweizer Treichel als «Weckruf» schwamm er schliesslich durch die Limmat.

    Mehr soziale Kontrolle

    Doch Mischa Gurov will nicht einfach den Abfall anderer einsammeln. Mit Aktionen wie dem auffälligen Schwumm möchte er aufrütteln. «Ich will, dass die Menschen hinschauen und das Problem überhaupt wahrnehmen.»

    Doch beim Hinschauen soll es nicht bleiben. Er hofft, dass sich die Menschen verantwortlich fühlen und selbst etwas tun, sei es Abfall aufzuheben, andere darauf anzusprechen oder gar nicht erst etwas wegzuwerfen. Seine Botschaft: Jeder könne im Kleinen etwas beitragen.

    Warum so viel Abfall auf dem Boden landet, darüber hat sich Gurov viele Gedanken gemacht. Er lebte früher in Russland, Grossbritannien und den Niederlanden und erlebte dabei, wie unterschiedlich mit Abfall umgegangen wird. Die Schweiz kannte er zunächst als Tourist und hatte sie als ausgesprochen sauberes Land in Erinnerung.

    Vor acht Jahren zog er hierher. «Seither beobachte ich, dass sich auch hier die Situation ändert und das Littering zunimmt.» Littering ist für Gurov ein Spiegelbild der Gesellschaft.

    Entsorgst du deine Zigarettenstummel immer korrekt?

    Die vielen Nationalitäten und unterschiedlichen kulturellen Gewohnheiten in einer internationalen Stadt wie Zürich könnten aus seiner Sicht eine Rolle spielen. Das allein greife aber viel zu kurz. Vor allem fehle es an sozialer Kontrolle.

    «Bei liegengelassenem Hundekot regen sich die Leute auf. Aber wirft jemand eine Zigarette auf den Boden, selbst wenn zwei Meter daneben ein Aschenbecher steht, sagt kaum jemand etwas.»

    Der Stadt will er an der aktuellen Situation keinen Vorwurf machen. «Die Reinigungsmitarbeiter machen einen hervorragenden Job.» Doch kein Reinigungssystem könne jeden Stummel erwischen.

    «Am Ende müssen wir Menschen unser Verhalten ändern.» Er wünscht sich deshalb mehr Sensibilisierung, gesellschaftliche Missbilligung von Littering und spürbare Bussen.

    Auch finanziell will er die Verursacher stärker in die Pflicht nehmen: Mindestens 25 Prozent der Kosten für die Beseitigung von Littering sollten seiner Meinung nach von ihnen getragen werden. «Warum sollen wir Steuerzahler alle dafür bezahlen?»

    Müll rausfischen

    Gurov selbst will nicht nur Forderungen stellen. Seit Mai ist er nach eigenen Angaben rund 70 Kilometer durch den Schanzengraben geschwommen. Ihn faszinieren die Fischschwärme und der Lebensraum unter der Wasseroberfläche.

    Zigarettenstummel
    Zigarettenstummel werden häufig nicht korrekt entsorgt. (Symbolbild) - keystone

    Einige Fische begleiten ihn mehrere Meter. Er nennt sie scherzhaft seine «Schwimmkollegen». Doch am Grund entdeckt er auch Dosen, Flaschen, Verpackungen und Gläser. Daraus hat er seinen persönlichen «Catch of the Day» gemacht: Nach jedem Schwumm nimmt er einige Fundstücke mit.

    «Wenn ich jedes Mal vier Stücke mitnehme, sind nach 25 Schwimmeinheiten schon 100 Stück Abfall weniger im Wasser.» Genau dieser Gegensatz treibt ihn an: oben am Ufer Hunderte Zigistummel, wenige Zentimeter darunter ein Lebensraum, den die meisten Passanten kaum wahrnehmen. «Dieses Thema lässt mich nicht schlafen.»

    «Mischas 30 Schritte»

    Um aufzurütteln, hat er sich eine Aktion ausgedacht: «Mischas 30 Schritte». Der Name erinnert an jene rund 30 Meter, auf denen er seine ersten 500 Stummel einsammelte. Die Aufgabe ist simpel: irgendwo im Zentrum 30 Schritte gehen und zählen, wie viele Zigarettenstummel am Boden liegen.

    Gurov hat den Versuch bereits gemacht. Nach 30 Schritten kam er auf 15 Stück. «Wenn einem dies nicht die Augen öffnet, weiss ich auch nicht.»

    Gurov weiss, dass er Zürich mit Plastiksack und Schwimmboje nicht vom Littering befreien wird. Das ist auch gar nicht sein eigentliches Ziel. «Das kann ich natürlich nicht alleine lösen.» Er will die Menschen dazu bringen, ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen.

    «Wenn die Leute nach meiner Aktion plötzlich auf den Boden schauen, sehen, was dort alles herumliegt, und vielleicht selbst etwas dagegen tun, habe ich schon etwas erreicht.» Seine Treichel versteht er deshalb als Weckruf: «Schaut hin. Wir sollten uns nicht daran gewöhnen.»

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

    Kommentare

    User #4245 (nicht angemeldet)

    Ich verstehe einfach nicht, warum in den letzten Jahren immer mehr negative Vorkommnisse sich ereignen. Ja, es ist zum verzweifeln, woran das nur liegen mag?

    User #1904 (nicht angemeldet)

    Unglaublich wie leer ein Leben werden kann, einzig um sich besser zu fühlen weil man vermeintlich gutes getan hat. Die Reinigung/Entfernung ist bereits in den Steuern enthalten.

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