Im Tessin könnte es in vier Jahren keine Gletscher mehr geben
Die Gletscher im Tessin sind seit dem Vorjahr um zehn Meter zurückgegangen. Die Eisflächen des Adula-Gletschers und des Grauhorns sind zum ersten Mal getrennt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Gletscher im Tessin schrumpfen rasant.
- In den nächsten fünf bis sechs Jahren gibt es bei weiteren so heissen Sommern wie 2026 keine Eismassen mehr, sagt ein Geologe.
- Der Adula-Gletscher und das Grauhorn sind nicht mehr verbunden.
Die Gletscher im Tessin schrumpfen in einem Tempo, das Experten alarmiert.
Der Geologe Mattia Soldati, der für den Kanton Tessin Gletscher überwacht, zieht eine ernüchternde Bilanz: «In fünf oder sechs Jahren wird es im Tessin keine Gletscher mehr geben. Sofern die nächsten Sommer so heiss werden wie der gerade vergangene.»
Ein Team des Tessiner Fernsehens RSI stieg Ende September gemeinsam mit Experten auf die Adula-Alpen. Diese sind mit über 3000 Metern der höchste Berg des Tessins.
Kein Eis, aber viel Geröll
Das Bild, das sich dort oben zeigte, war ungewöhnlich: kein Schnee, kein Eis. Dafür Geröll, Wasserrinnsale und das Geräusch von Steinschlägen.
Der Gletscher habe sich im vergangenen Sommer deutlich zurückgezogen. «An einigen Stellen haben wir zehn Meter verloren», sagt Soldati gegenüber RSI.
Besonders auffällig ist eine Veränderung, die es so noch nie gab: Bis letztes Jahr waren die Eismassen des Adula-Gletschers und des benachbarten Grauhorns noch miteinander verbunden. Heute trennt sie eine Geröllfläche. Die beiden Gletscher sind nicht mehr vereint.
Messungen belegen den Rückgang
Den Rückzug des Eises massen die Experten mit einem hochpräzisen GPS-Gerät. Die Daten wurden mit Vorjahresmessungen verglichen. Das Ergebnis: ein Mittelwert, der den Rückgang an jedem Punkt zeigt.
Der Rückgang betrifft nicht nur die Oberfläche, sondern auch die Dicke des Eises. Gerade im oberen Bereich sei der Verlust an Volumen besonders stark gewesen.
Das deckt sich mit einem Bericht der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften: Die Schweizer Gletscher verloren im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich 5,5 Prozent ihres Volumens. Fast ein Fünftel des gesamten Gletschervolumens ist in den letzten fünf Jahren verschwunden.
Steinschlag gefährdet Bergsteiger
Das Eis erfüllt eine wichtige Funktion: Es hält Felsen zusammen und schützt so vor Erdrutschen. Ohne Eis bricht das Gestein leichter los.
Mitte August wurden Bergsteiger auf dem Adula von einem Erdrutsch erfasst, drei Personen wurden verletzt. Die Häufigkeit von Steinschlägen hat zugenommen.
Soldati sagt: «Von der klassischen Route auf den Adula wird abgeraten, da man sehr nah am Grat entlanggeht, wo oft Steine herunterfallen. Ich denke, die Saison für den Aufstieg wird sich nach vorne verlagern.»
Soldati weiter: «Bisher konnte man von Juni bis September aufsteigen, in Zukunft wird man wohl schon Ende Mai bis Juli aufsteigen müssen. Danach wird es zu gefährlich sein.»















