Hoteldirektor: «Natürlich gab es Antisemitismus in der Schweiz»

    Noëlle Schnegg
    Noëlle Schnegg

    Engadin,

    1989 brannte das Grandhotel Waldhaus Vulpera GR nieder. Nun ist die Gästekartei aufgetaucht. Brisant: Sie enthüllt antisemitische Kommentare.

    Hotel Waldhaus Vulpera
    Das Hotel Waldhaus Vulpera brannte am 27. Mai 1989. - Keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Im Kurhaus und Grandhotel Waldhaus Vulpera weilten bekannte Gesichter wie Dürrenmatt.
    • Nach dem Brand im Jahr 1989 tauchte die Gästekartei unter.
    • Der ehemalige Direktor des Hotels hat nun erstmals Einsicht in die Karten gewährt.

    Das 1897 eröffnete Kurhaus und Grandhotel Waldhaus Vulpera im Unterengadin galt als Wahrzeichen der Belle Époque. Später wurde es ein beliebtes Ferienziel für hohe Nazi-Offiziere und gleichzeitig für jüdische Geschäftsleute wie die Rothschilds.

    92 Jahre nach der Eröffnung, am 27. Mai 1989, brannte das Grandhotel nieder. Vermutlich war es Brandstiftung, die Ursache ist jedoch bis heute ungeklärt.

    Grandhotel Waldhaus Vulpera
    Die Feuerwehr während der Löscharbeiten des Grandhotel Waldhaus Vulpera. - Keystone

    Nach dem Brand ist nicht mehr viel vom Interieur des Hotels geblieben. Die Gästekartei galt als spurlos verschwunden – bis jetzt. Der letzte Direktor des Waldhauses, Rolf Zollinger, hat die Kartei aus dem Zeitraum zwischen 1921 und 1961 aufbewahrt.

    Hoteldirektor gewährt erstmals Einblick in Gästekartei

    Zollinger gewährte dem Fotografen Lois Hechenblaikner und der Kulturwissenschaftlerin Andrea Kühbacher erstmals einen Einblick in die 20'000 Karteikarten. Daraus entstand das Buch «Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera», über das nun der neuste «Spiegel» berichtet.

    «Keine Ostergrüsse mehr!», stand auf einer dieser Karteikarten. Über jeden Gast wurden meist vom Empfangschef einige Worte auf den Karten festgehalten. «Gäste wurden diskret beobachtet, Telefonate belauscht, passendes und unpassendes Verhalten kommentiert», schreibt Hechenblaikner.

    Waldhaus
    Die erste Auflage von «Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera». - editionpatrickfrey

    Beim Abgleichen der Listen fiel den Autoren auf: Nazischergen weilten damals zeitgleich mit jüdischen Gästen im Kurhaus. So verbrachte der deutsche Chirurg Ferdinand Sauerbruch seine Ferien dort, schreibt der «Spiegel». Sauerbruch genehmigte ab 1941 Menschenversuche mit Senfgas an KZ-Inhaftierten.

    Die Gästekarteien machen deutlich: Der Aufstieg der Nationalsozialisten machte sich auch im Wortlaut für die Gäste bemerkbar.

    «1939 parti», «Stinkjude» oder «Jude, zahlt nicht» sind nur einige Beispiele des immer stärker wachsenden Antisemitismus. «Natürlich gab es Antisemitismus und Parteinahme in der angeblich so neutralen Schweiz», zitiert der «Spiegel» den ehemaligen Hoteldirektor.

    «Keine Ostergrüsse mehr!»
    In den Karteien sind jede Menge antisemitischer Kommentare zu finden. - editionpatrickfrey

    Nach dem Krieg kehrten viele der jüdischen Gäste, die den Holocaust überlebten, ins Waldhaus zurück. Wie Rolf Zollinger gegenüber der Zeitschrift sagt, wollten sie wissen, was aus ihren Bekannten geworden war.

    Das Buch erschien in der Edition Patrick Frey. Frey ist auch bekannt als Kabarettist und Autor.

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