Hotel Anker: Vom Schandfleck zum See-Highlight?
Gottlieb Kündig hat grosse Pläne für den geschichtsträchtigen «Anker» in Rorschach SG. Geplant sind ein Hotel, Restaurant und Infinity-Spa mit Bodenseeblick.

Wer heute durch den «Anker» geht, braucht etwas Fantasie. Wo einst Gäste ein- und ausgingen, sind die Räume bereits weitgehend ausgeräumt. Mehr als 300 Tonnen Material hat Gottlieb Kündig nach eigenen Angaben schon aus dem Gebäude schaffen lassen.
Die oberen Stockwerke und der Dachstuhl sind leer, die Vorbereitungen für die Sanierung laufen. Bald soll auch die Öffentlichkeit die Gelegenheit erhalten, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen: Kündig plant regelmässige Führungen durch das geschichtsträchtige Haus.
Dabei möchte er nicht nur dessen bewegte Vergangenheit näherbringen, sondern auch spannende bautechnische Einblicke ermöglichen. Schon jetzt zeigt sich, wie viele Erinnerungen die Menschen mit dem «Anker» verbinden. Immer wieder melden sich Personen, die Geschichten aus früheren Zeiten erzählen oder alte Fotografien besitzen.
Für Kündig ist das ein Zeichen dafür, dass dieses Haus mehr ist als eine alte Liegenschaft. Es trägt einen Teil der Rorschacher Geschichte in sich – und eine besondere Energie, die sich nur schwer erklären lässt.
Geschichtsträchtiges Gebäude
Die Geschichte des Gebäudes reicht weit zurück. Im Jahr 1485 liess der St. Galler Abt Ulrich Rösch Bauten errichten, aus denen sich der historische Gebäudekomplex entwickelte.

Rösch war eine schillernde Persönlichkeit: In St.Gallen wird er als bedeutender Klosterherr gewürdigt, während ihm die Appenzeller wegen seiner wenig zimperlichen Methoden gemäss Kündig den Übernamen «Bschiesser Ueli» geben würden.
Der Abt verstand es, die Finanzen der Fürstabtei zu sanieren und deren Macht auszubauen. Über die Jahrhunderte veränderte sich auch das Haus am Rorschacher Hafen. Nach einem Umbau im Jahr 1906 erlebte der gastronomische Betrieb erfolgreiche Zeiten.
Der «Anker» war weit mehr als eine Unterkunft: Er war Treffpunkt, Restaurant und gesellschaftliche Bühne. Hier wurde gegessen, gefeiert und debattiert. Der Ort gehörte zum öffentlichen Leben Rorschachs. Doch irgendwann verstummte das Haus. Seit rund 35 Jahren steht das Hotel leer.
Mehr als ein Vierteljahrhundert lang prägte der ungenutzte Bau das Stadtbild – nicht als stolzes Wahrzeichen, sondern zunehmend als Ärgernis. Die Fassade verwitterte, die Zukunft blieb ungewiss.
16 Millionen-Investition
Nun soll es anders kommen. Kündig will das Projekt persönlich vorantreiben und arbeitet dafür mit dem Architekturbüro «Ladner und Partner» zusammen. Das Ziel dabei ist ein Haus, das seine historische Bedeutung bewahrt und zugleich den heutigen Ansprüchen an Gastronomie, Hotellerie und Aufenthaltsqualität gerecht wird.
Die Investitionssumme beziffert Kündig auf rund 16 Millionen Franken. Die Zusammenarbeit mit einem professionellen Investoren-Sucher war bislang wenig erfolgreich. Trotz offenbar noch nicht gesicherter Finanzierung wurde am 1. Oktober mit dem ersten Spatenstich ein sichtbares Zeichen gesetzt.
Die Arbeiten im Innern haben allerdings schon vorher begonnen. Die geplante Wiedereröffnung ist bereits in knapp zwei Jahren geplant und auf den 1. Oktober 2028 um 11 Uhr angesetzt. Bis dahin bleibt noch einiges zu tun.
Denn der neue «Anker» soll nicht einfach das alte Hotel in modernisierter Form sein. Kündig verfolgt eine weiterreichende Idee. Besonders wichtig ist ihm die Gastronomie.
Der «Anker» soll ausdrücklich eine Gastroliegenschaft bleiben – mit einem Hotel, aber ebenso mit einem Restaurant im ersten Obergeschoss und einem Saal für Hochzeiten, Geburtstage und andere Anlässe.
Das Restaurant soll nach Kündigs Vision wieder ein Ort werden, an dem sich die Rorschacher Bevölkerung selbstverständlich trifft. Einheimische sollen dort essen, feiern und verweilen können, «tout Rorschach» soll ein- und ausgehen, lautet die Vorstellung des Eigentümers.
Auch im Erdgeschoss soll Gastronomie ihren Platz haben. Denkbar ist, dass Nikol Bohunizky, die mit ihrer «Countdown-Bar» bereits vor dem Baustart Leben in die Liegenschaft gebracht hat, künftig ein Bistro führt. Auch eine Rückkehr des «La Vela» als Dependance zum Marktplatz steht als Möglichkeit im Raum. Konkrete Entscheide dazu sind noch offen.
Infinity-Spa geplant
Für einen besonderen Anziehungspunkt soll das Dach sorgen. Dort plant Kündig einen Spa-Bereich, idealerweise mit einem Infinity-Spa und freiem Blick auf den Bodensee. Hauptsache «instagramtauglich», wie er schmunzelnd sagt.
Der See ist dabei weit mehr als eine schöne Kulisse. Die Lage gegenüber dem Kornhaus und nahe dem Hafen gehört nach Kündigs Meinung zu den grössten Trümpfen des «Ankers». Diese Aussicht soll künftig wieder Teil des Erlebnisses werden.
Vorgesehen ist zudem ein Balkon im ersten Obergeschoss, der der gesamten Bevölkerung offenstehen soll. Ob und in welcher Form sämtliche Elemente realisiert werden können, hängt von der weiteren Planung und den erforderlichen Bewilligungen ab. Auch die definitive Zimmerzahl steht noch nicht abschliessend fest.
Kündig rechnet derzeit mit ungefähr 50 Zimmern. Neben Übernachtungen mit Frühstück sollen je nach Konzept auch umfassendere Verpflegungsangebote möglich sein. Als künftiger Hotelbetreiber ist Kaspar Lenz vorgesehen, der im Moment das Hotel «Mozart» leitet.
Er hat laut Kündig zugesagt, sich langfristig zu engagieren. Mit seiner Vernetzung im Tourismusumfeld soll er dazu beitragen, den «Anker» nicht nur als Hotel, sondern als Bestandteil des regionalen Angebots zu positionieren.
Mehrfach geänderte Pläne
Die Pläne für den «Anker» haben sich im Laufe der Jahre mehrfach verändert. Frühere Vorhaben sahen unter anderem ein Hotel mit 48 Zimmern und Self-Check-in vor; die nun skizzierte Ausrichtung setzt stärker auf Gastronomie, Begegnung und Wellness.
Bereits frühere Berichte zeigten, wie schwierig es war, die Sanierung nach langem Leerstand und verschiedenen Verzögerungen auf den Weg zu bringen. Auch bei der neuen Lösung sind noch Fragen offen.
Die historische Substanz muss mit den heutigen Anforderungen in Einklang gebracht werden. Die Gestaltung des Hauses und die Einordnung ins Stadtbild bleiben wichtige Themen. Und nicht jede Idee, die heute auf dem Tisch liegt, ist bereits definitiv beschlossen.
Doch für Kündig scheint die Richtung diesmal klar zu sein: Der «Anker» soll wieder ein Ort werden, an dem etwas geschieht.
Nicht bloss ein Haus, in dem Reisende schlafen, sondern ein Treffpunkt für die Stadt und ein gastronomischer Anziehungspunkt für die Region. Und dies bereits ab dem 1. Oktober 2028. Ob und wie dieser «sportliche» Zeitplan sowie die Finanzierung aufgehen, wird sich zeigen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Bodensee Nachrichten» erschienen.








