Hilft das den Frauen? Jetzt haben auch Männer Endometriose
Bis zu zehn Prozent aller Frauen leiden an Endometriose, verbunden mit höllischen Menstruationsschmerzen. Doch auch Männer sind betroffen. Was dahinter steckt.
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Das Wichtigste in Kürze
- Endometriose betrifft nicht nur Frauen, auch Männer können betroffen sein.
- Diese Fälle kann man allerdings an einer Hand abzählen.
- Experten ordnen bei Nau.ch ein, was das für betroffene Frauen bedeutet.
In der Schweiz leiden laut Schätzungen zwischen 190'000 und 280'000 Frauen an Endometriose. Bei der chronischen Krankheit wächst Gewebe dort, wo es nicht hingehört – und das verursacht Höllenschmerzen.
Die Folgen: Kaum auszuhaltende Regelschmerzen, heftige Krämpfe beim Geschlechtsverkehr oder ein ständiges Blähgefühl.
Forschung gibt es nur wenig, viele Behandlungsmethoden stehen noch am Anfang.
Jetzt aber macht ein Beitrag auf Instagram die Runde: «Wir Frauen haben endlich eine realistische Chance auf Heilung!», schreibt die Schweizer Influencerin Kiki (@isthatkiki1).
Grund: Die Frauen-Krankheit Endometriose sei nun auch bei Männern entdeckt worden. Und das nicht etwa bei trans Männern, sondern bei Männern ohne Gebärmutter.
«Traurig aber wahr», heisst es in den Kommentaren. Oder: «Na dann wird ja sofort was gefunden. Aber natürlich nur für Männer, wir Frauen sollen uns einfach mal nicht so anstellen.»
Doch es geht auch anders: «Feminismus ist so verloren», schreibt ein männlicher User. Oder: «Und wieder wurde das Opfer-Narrativ bedient.»
Auf Anfrage von Nau.ch erklärt Influencerin Kiki, dass das Video «bewusst ironisch» gemeint war. Die 27-Jährige ist selbst von Endometriose betroffen.
Gynäkologe: «Weltweite Fälle kann man an einer Hand abzählen»
«Meine überspitzte Aussage sollte darauf aufmerksam machen, dass viele medizinische Themen im Bereich der Frauengesundheit oft nicht ausreichend ernst genommen werden.»
Sie glaube zwar nicht, dass es Betroffenen von Endometriose zwingend helfen müsse, die Krankheit im Zusammenhang mit Männern zu thematisieren. «Aber ich denke, dass es zeigt, wie sehr Aufmerksamkeit eine Rolle spielt.»
Denn: «Sobald ein Thema mehr Sichtbarkeit bekommt, steigt auch das öffentliche Interesse. Und damit oft der Druck, sich intensiver damit auseinanderzusetzen.»
Doch gibt es Endometriose beim Mann tatsächlich?
Ganz so einfach ist es nicht, betont Patrick Imesch, Leiter der Endometriosepraxis Gynäkologie Bethanien. «Die weltweiten Fälle kann man an einer Hand abzählen», sagt er zu Nau.ch.
Weltweit sind in der Fachliteratur nur rund ein Dutzend dokumentiert – sogenannte Einzelfallberichte. Aus welchen Ländern die Fälle stammen, ist nicht durchgehend rapportiert.
Heisst: «Auch hierzulande könnte es theoretisch entsprechende Fälle geben», sagt der Experte.
Östrogen verändert Embryo-Reste beim Mann
Jetzt kommt aber der entscheidende Punkt: Es handelt sich dabei nicht um klassische Endometriose, wie sie Frauen betrifft.
«Das sieht zwar ähnlich aus», erklärt Imesch. «Aber die Entstehung ist ziemlich sicher eine andere.»
Er erläutert: «Die Endometriose bei der Frau stammt mit grösster Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus der Gebärmutter. Die Endometriose-ähnlichen Veränderungen beim Mann sind eher als Folge einer sogenannten Metaplasie zu werten.»
Metaplasie heisst vereinfacht gesagt: Eine Art von Zellen verwandelt sich in eine andere Art von Zellen.
Endometriose beim Mann entsteht durch Hormonbehandlungen bei Prostatakrebs
Das heisst: «Die Entstehung beim Mann wird dabei auf embryonale Reste zurückgeführt. Das sind Überbleibsel der sogenannten Müller-Gänge, die unter Östrogeneinfluss zu Gebärmutterschleimhautähnlichem Gewebe metaplasieren können.»
Östrogen ist das zentrale weibliche Sexualhormon.
Imesch erklärt: «Häufig steht das im Zusammenhang mit Hormonbehandlungen, zum Beispiel bei Prostatakrebs.»
Sein Fazit: «Trotz gewisser Ähnlichkeiten ist das nicht dieselbe Krankheit.»
Er relativiert auch die Hoffnung, dass Fälle bei Männern automatisch zu mehr Fortschritt führen: «Endometriose ist unterfinanziert – das stimmt. Aber es ist komplexer als nur eine Frage des Geschlechts.»
Mit Endometriose lässt sich zu wenig Geld verdienen
Zwar habe die Frauengesundheit lange zu wenig Beachtung bekommen. «Aber diese Zeiten ändern sich», sagt er. So sei heute etwa ein grosser Teil des gynäkologischen Nachwuchses weiblich und auf das Thema mehr sensibilisiert.
Der entscheidende Punkt für die fehlende Forschung sei ein anderer: «Bei Endometriose geht es nicht um Leben oder Tod. Entsprechend sind trotz vieler Betroffenen seitens der Industrie keine grossen Umsätze zu erwarten, was zu weniger Forschung führt.»
Auch die Gynäkologin Tina Bernardi aus Thalwil ZH betont gegenüber Nau.ch: «Es gibt keine Hinweise, dass die wenigen männlichen Fälle die aktuelle Forschung massgeblich vorangetrieben hätten.»
Tatsächlich gebe es in den letzten Jahren mehr Engagement für die Krankheit. «Weil Betroffene selbst politisch und medial Druck machen, spezialisierte Zentren entstehen und Fördergelder für Endometrioseforschung steigen. Unabhängig von den seltenen Fällen bei Männern.»
Grosse Studien zu Endometriose fehlen
Für die Schweiz gebe es keine eigene Fallserie oder systematische Erfassung solcher Fälle, sagt Bernardi. «Mir persönlich sind aus der klinischen Routine keine gesicherten Schweizer Fälle bekannt. Angesichts der extremen Seltenheit wäre das auch nicht zu erwarten.»
Theoretisch könnten Ausnahmefälle wie die Fälle bei Männern zwar zur Grundlagenforschung beitragen.
Doch: «Praktisch wird es die Versorgung der vielen betroffenen Frauen nicht lösen, solange zentrale Probleme bestehen: Lange Diagnoseverzögerungen, zu wenig spezialisierte Zentren, eingeschränkte Vergütung und fehlende grosse, gut finanzierte Studien.»

Influencerin Kiki pocht darauf, dass sich der Umgang mit Betroffenen verändern muss. «Endometriose wird noch immer häufig unterschätzt oder nicht ernst genug genommen», berichtet sie.
«Viele Betroffene erleben lange Leidenswege, bis sie überhaupt eine Diagnose erhalten.» Zudem würden zu schnell hormonelle Lösungen wie die Pille empfohlen, ohne ausreichend über Alternativen oder Auswirkungen aufzuklären.
Betroffene von Endometriose werden mit Pille vertröstet
Auch sie bekam mit 13 Jahren die Pille verschrieben, vertrug sie aber später nicht mehr. Erst bei einer Behandlung im Universitätsspital Zürich Jahre später habe sie sich zum ersten Mal ernst genommen gefühlt.
Zum Zeitpunkt der Diagnose war sie 24/25 Jahre alt, bei ihrer OP 26.

«Neben der Operation habe ich eine umfassende Nachbetreuung erhalten. Unter anderem mit Ernährungsberatung, Physiotherapie und Bewegungsempfehlungen wie Pilates», sagt Kiki.
«Dieser Ansatz hat mir gezeigt, dass es nicht nur darum geht, die Krankheit zu ‹bekämpfen›. Es braucht auch Wege, besser mit Endometriose zu leben.»











