Heimliche Aufnahmen: Badis wollen Kamera-Brillen verbieten

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Sogenannte Smart Glasses werden günstiger und beliebter. Nun wollen Freibäder und Fitnesscenter klare Regeln gegen heimliche Aufnahmen schaffen.

Smart Glasses
Immer mehr Schweizer kaufen Kamera-Brillen. Weil unbemerkte Aufnahmen drohen, arbeiten Bäder an Verboten. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Smart Glasses verkaufen sich in der Schweiz deutlich häufiger und günstiger.
  • Bäder fürchten unbemerkte Aufnahmen und wollen klare Verbote prüfen.
  • Auch Politik und Fitnessbranche diskutieren schärfere Regeln für Kamerabrillen.

Kamera- und Smart-Brillen gewinnen auch in der Schweiz rasch an Beliebtheit. Beim Onlinehändler Galaxus hat sich der Absatz innert eines Jahres vervielfacht.

Sprecher Tobias Heller hält auf Anfrage von Nau.ch fest: «Von Januar bis Juli 2026 haben wir fast viermal so viele verkauft wie im selben Zeitraum 2025.»

Der Juli sei zudem «mit Abstand» der stärkste Monat gewesen, seit Galaxus solche Modelle im Sortiment führt.

Gleichzeitig werden die Brillen günstiger. Der durchschnittliche Kaufpreis bei Galaxus sank von 645 Franken im Jahr 2024 auf 470 Franken 2025. Im laufenden Jahr liegt er noch bei 432 Franken.

Es gibt aber auch weit günstigere Kamera-Brillen. Unter den Bestsellern findet sich eine für nur 86 Franken. Sie scheint besonders begehrt zu sein: Als einzige Top-10-Brille kann sie erst in drei bis vier Wochen geliefert werden (Stand Mitte August).

Mit der steigenden Verbreitung wächst auch die Sorge vor unbemerkten Aufnahmen. Denn viele Modelle sehen auf den ersten Blick wie gewöhnliche Brillen aus.

Badis wollen klare Regeln

Besonders beschäftigt das die Schweizer Badebranche.

Der Schweizerische Badmeister-Verband SBV und der Verband Hallen- und Freibäder VHF haben sich deshalb über den Umgang mit Smart Glasses ausgetauscht.

«Wir sind uns einig, dass dieses Thema höchste Priorität hat und gemeinsam als Branche angegangen wird», sagt SBV-Präsident Michel Kunz gegenüber Nau.ch.

Für ihn ist klar: «Die Benutzung der Smart Glasses muss ausdrücklich geregelt respektive verboten werden.»

Eine gemeinsame Empfehlung für Bade- und Saunabetriebe soll in den kommenden Wochen ausgearbeitet werden.

Badi
Für den Schweizerischen Badmeister-Verband SBV und den Verband Hallen- und Freibäder VHF habe das Thema Smart Glasses «höchste Priorität», sagt SBV-Präsident Michel Kunz. (Symbolbild) - keystone

Das Problem aus Sicht des Verbands: Bei Smart Glasses lässt sich kaum zuverlässig erkennen, ob gerade gefilmt wird. «Bei einem Verdacht ist der Beizug der Polizei deshalb unerlässlich», sagt Kunz.

Hinzu kommt: Anders als bei einem gewöhnlichen Handy oder einer Kamera kann das Bildmaterial bereits ausserhalb des unmittelbar greifbaren Geräts gespeichert sein.

«Auch mit der Verbreitung der Aufnahmen im Internet muss gerechnet werden», gibt Kunz zu bedenken.

Opferhilfe rechnet mit solchen Fällen

Konkrete Vorfälle mit Smart Glasses sind bislang weder dem Badmeister-Verband noch den Kantonspolizeien Zürich, Aargau und St. Gallen bekannt.

Auch die Opferhilfe beider Basel hat noch keine entsprechenden Meldungen erhalten.

Für deren Geschäftsleiter Beat John ist das aber kein Grund zur Entwarnung.

«Wir sind überzeugt, dass in naher Zukunft Fälle dieser Art an die Beratungsstellen gelangen. Sei dies im Rahmen von digitaler Gewalt oder von Stalking», sagt er zu Nau.ch.

Sollten Smart-Brillen mit Kameras in Badis verboten werden?

Besonders bei Jugendlichen sieht er Risiken. «Was als Freizeitgag starten kann, ist bald einmal eine Grenzverletzung und eventuell eine Straftat.»

Hinzu kommt: Betroffene merken möglicherweise erst spät, dass sie aufgenommen wurden.

Auch Aufsichtspersonen etwa in Freibädern, Clubs oder auf Spielplätzen müssten für diese Form von Aufnahmen stärker sensibilisiert werden, so John.

Fitnessbranche setzt auf bestehende Regeln

Auch in Fitnesscentern könnten Smart Glasses zum Problem werden. Bereits heute wird dort häufig mit Smartphones gefilmt.

Konkrete Beschwerden sind dem Branchenverband Swiss Active zwar ebenfalls nicht bekannt. Deshalb seien Smart Glasses «bisher noch kein eigenständiges Schwerpunktthema» gewesen, sagt Sprecherin Lisa Arnold.

«Mit ihrer zunehmenden Verbreitung gewinnt die Frage aber natürlich an Relevanz.»

Darf man andere mit Smart Glasses einfach filmen?

Auch der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte EDÖB beschäftigt sich mit den intelligenten Brillen.

Bislang habe die Behörde eine Handvoll Bürgeranfragen zu Smart Glasses erhalten, sagt Sprecherin Katja Zürcher-Mäder gegenüber Nau.ch. Eine Zunahme sei in letzter Zeit nicht festzustellen.

Grundsätzlich können Aufnahmen von erkennbaren Personen unter das Datenschutzgesetz fallen. Je nach Situation müssen Betroffene informiert oder um ihre Zustimmung gebeten werden.

Heimliche Aufnahmen können zudem strafrechtlich relevant sein – insbesondere wenn sie den Privat- oder Geheimbereich verletzen.

Der EDÖB ist bereits aufsichtsrechtlich tätig geworden. Im Februar und März 2026 führte er eine Vorabklärung bei Meta durch. Eine formelle Untersuchung eröffnete er danach nicht, wie dem aktuellen Tätigkeitsbericht zu entnehmen ist.

Die Behörde prüft weiterhin, ob die auf dem Schweizer Markt angebotenen Modelle den Datenschutzvorgaben entsprechen und hierzulande datenschutzkonform eingesetzt werden können.

Der Verband will Smart Glasses grundsätzlich gleich behandeln wie Smartphones und andere kamerafähige Geräte. Heisst unter anderem: Aufnahmen anderer Personen ohne deren Einwilligung sind nicht zulässig.

Klare Verbote in Garderoben, Duschen und anderen Nacktbereichen fänden sich bereits heute in den Hausordnungen vieler Anbieter, so Arnold.

gym coronavirus
Auch in Fitnesszentren könnten Kamera-Brillen zum Problem werden. - Keystone

Weil bei Smart Glasses oft kaum erkennbar ist, ob gerade gefilmt wird, empfiehlt Swiss Active, die Regeln bei Bedarf ausdrücklich um solche Geräte zu ergänzen.

Das könne für mehr Klarheit sorgen und den Mitarbeitenden die Durchsetzung erleichtern, sagt Arnold. Auch Schulungen des Personals seien sinnvoll.

Vorstösse auf Bundes- und Gemeindeebene

Die zunehmende Verbreitung beschäftigt inzwischen auch die Politik.

Mitte-Nationalrätin Isabelle Chappuis will vom Bundesrat etwa wissen, ob das geltende Recht für «unsichtbare» und potenziell dauerhafte Aufnahmen ausreicht.

Isabelle Chappuis
Zum Thema Smart Glasses wurden bereits mehrere Vorstösse auf Bundes- und kommunaler Ebene eingereicht, unter anderem eine Interpellation von Mitte-Nationalrätin Isabelle Chappuis. - keystone

Auch in mehreren Städten und Gemeinden wurden in den vergangenen Wochen und Monaten entsprechende Vorstösse eingereicht.

In Luzern fordern die Grünen den Stadtrat auf zu prüfen, welche Regeln für Smart Glasses in Badeanlagen und an anderen sensiblen öffentlichen Orten möglich wären.

Ähnliche Diskussionen gibt es unter anderem in Wil SG und Basel.

Auch in der Bevölkerung wächst der Widerstand: Eine Online-Petition der Organisation Campax fordert Bundesrat Beat Jans auf, den Verkauf von Smart Glasses in der Schweiz zu verbieten.

Am 17. August hatten bereits 7000 Leute die drei Tage zuvor lancierte Petition unterschrieben.

Kommentare

User #4686 (nicht angemeldet)

Als Linker find ich solche BRillen zur Beweissicherung gut.

User #2803 (nicht angemeldet)

Bald Badis wie in DE

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