Grub AR: Aus für heilpädagogischen Reithof – das ist Grund
Der Reithof Rüti in Grub Appenzell Ausserrhoden muss schliessen. Der nötige Umbau wäre nicht möglich gewesen. Am Geld lag es aber nicht.

Für Fachmitarbeitende, Klientinnen und Klienten sowie Reitgäste erfolgte kürzlich eine Hiobsbotschaft: Die Stiftung Waldheim gab bekannt, dass der Reithof Rüti in der appenzellischen Grub per Ende Dezember schliessen wird.
Die für eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft erforderlichen Umbauten können nicht realisiert werden – nicht aber wegen der fehlenden Finanzierung, sondern unter anderem aufgrund der Landwirtschaftszone, in der ein Umbau nicht so realisiert werden kann, damit die Anforderungen für Menschen mit Behinderungen erfüllt werden könnten.
«Vor fünf Jahren hat die Stiftung Waldheim den Reithof von der Stiftung Camenzind, die den Hof über 40 Jahre betrieb, übernommen. Schon damals waren die langfristige Perspektive und die Herausforderungen, die damit einhergehen würden, ein grosses Thema», sagt Thomas Ackermann, Geschäftsleiter der Stiftung Waldheim.
«Hätte alles neu denken müssen»
Das heilpädagogische Reiten wurde vor der Übernahme schon durch die Stiftung Waldheim genutzt.«Das war mit ein Grund, dass die Stiftung Waldheim damals den Reithof übernommen hat und ihn als Standort in die Stiftung integrierte. Seither wurde permanent in kleinere Sanierungen und den Unterhalt der Gebäude sowie des Areals investiert», so Ackermann.

Die Stiftung bot Wohnraum, eine Tagesstruktur mit Lohn für die Klientinnen und Klienten und regelte die Betreuung der Pferde und der Landwirtschaft. «Seither überlegen wir, wie man den Reithof auf einen zeitgemässen und langfristig auch wirtschaftlich guten Stand bringen kann. Wir stellten fest: das ist nicht möglich, da zu viele Elemente hineinspielen», meint Ackermann.
Es handelt sich um eine Landwirtschaftszone, was das Raumplanerische kompliziert bis unmöglich macht. «Denn: Die Gebäude sind sehr alt und entsprechen nicht den Anforderungen, die es für die Betreuung von behinderten Menschen braucht. Das hat bei der Gründung vor 40 Jahren noch ganz anders ausgesehen», sagt Ackermann.
Die Bausubstanz sei in die Jahre gekommen, energietechnisch bestehe Handlungsbedarf, die Pferde seien auf mehrere Ställe verteilt, ebenso das Heu und Futter für die Tiere. «Man hätte wirklich alles grundlegend neu denken und umbauen müssen.»
«Mussten die Entscheidung treffen»
Mit allen nötigen Ämtern – Amt für Raum und Wald, dem Amt für Soziales, der Gemeinde und externen Spezialisten wurden diverse Möglichkeiten ins Auge gefasst. «Wir bringen schlicht nicht alles auf einen Nenner, um den Betrieb logistisch und finanziell sinnvoll führen zu können», meint Ackermann.
Für Klientinnen und Klienten, die in der Tagesstruktur mit Lohn auf dem Reithof arbeiten, bestehen 15 Wohnplätze, allerdings dezentral an drei Standorten in Grub und Heiden. «Das macht die Betreuung sowie die Hin- und Rückwege für alle komplex und anspruchsvoll. Eine zentrale Wohnmöglichkeit am Reithof wäre daher nötig gewesen, geht aber zonenmässig nicht», so Ackermann.
Man habe einige Alternativen geprüft – auch dort fanden sich zu viele Nachteile in Sicherheit, Logistik und Finanzen. «Es ist nie der richtige Zeitpunkt, eine Schliessung zu verkünden. Wir mussten die Entscheidung treffen und kommunizieren, da der Sanierungsbedarf immer weiter steigt», sagt Ackermann. Ausserdem habe man für alle Beteiligten Klarheit schaffen wollen.
Anschlusslösungen im Wohnen
Für Klientinnen, Klienten sowie die Fachmitarbeitenden sei der Entscheid sehr einschneidend. «Eine Geschichte geht zu Ende. Viele von ihnen haben dort zehn oder gar fünfzehn Jahre Zeit verbracht oder gearbeitet. Ich kann nachvollziehen, wenn unser Entscheid nicht auf volles Verständnis trifft», meint Ackermann.
Es sei ein schwieriger Moment gewesen, die Info hat die Leute mitgenommen. «Deshalb haben wir die Schliessung zuerst vor allen verkündet, bevor wir in die Einzelgespräche gingen. In diesen konnten wir aufzeigen, weshalb es zur Entscheidung kam und welche Zukunftsperspektiven wir anbieten können», sagt Ackermann.
Gerade beim Wohnen sei man in der glücklichen Lage, für alle Klientinnen und Klienten eine Nachfolgelösung innerhalb der Stiftung Waldheim anbieten zu können – wenn das denn gewünscht sei. Auch bestehe die
Möglichkeit, in einer internen Tagesstruktur ohne Lohn weiterzuarbeiten oder extern eine Tagesstruktur mit Lohn zu finden – da gäbe es zahlreiche Möglichkeiten in der Region und man sei mit anderen Institutionen im Austausch.

«Bei Fachmitarbeitenden, die spezialisiert sind auf die therapeutische Arbeit mit den Pferden oder auf die Landwirtschaft, besteht intern leider keine Perspektive», bedauert Ackermann.
«Bedauern das sehr»
Bis zur endgültigen Schliessung hat die Stiftung sieben Monate Zeit. «So können sich alle Mitarbeitenden und Klienten Gedanken machen, welche Nachfolgelösung für sie infrage käme, oder sich neu orientieren», meint der Geschäftsleiter.
Ihm sei aber bewusst, dass der Reithof etwas Einzigartiges sei, das so einfach nicht zu ersetzen sei. Einerseits bestehe die Einzigartigkeit in der Tagesstruktur mit Lohn, andererseits in der Arbeit mit den Pferden und den Reitgästen.
«Eslässtsich nicht wegdiskutieren, dass dieses Angebot in der Region einmalig ist», so Ackermann. Für heilpädagogisches Reiten gäbe es wohl noch weitere Angebote im weiteren Kreis der Ostschweiz – die Nähe sei für viele Reitgäste, für die Stiftung Waldheim und andere Institutionen natürlich ein willkommener Faktor gewesen. «Daher bedauern wir sehr, dass es dieses Angebot hier nicht mehr geben wird.»
Pferde erhalten neuen Platz
Was mit den Pferden, dem Areal sowie den Gebäuden geschieht, ist derzeit noch unklar. «Erste Priorität haben nun die bestmöglichen Anschlusslösungen für die Klientinnen, Klienten und Fachmitarbeitenden. Das ist das Wichtigste. Danach überlegen wir, wie wir mit der Liegenschaft und den Pferden weiterfahren», so Ackermann.
Seit Bekanntwerden der Schliessung hätten sich viele Interessierte für die Pferde gemeldet – auch für jene, die schon älter sind. «Ziel ist, für die gut ausgebildeten Pferde einen guten Ort zu finden, an dem das heilpädagogische Reiten weitergeführt werden kann. Wir sind überzeugt, dass wir da gute Lösungen finden», sagt Ackermann.
Die Stiftung Waldheim bleibt auch nach der Schliessung Eigentümerin des Reithofs Rüti, daher bestehe keinerlei Zeitdruck für Nachfolgepläne – zuerst müsse der Betrieb geordnet geschlossen werden. «Danach befassen wir uns damit, wie eine sinnvolle Zukunft für die Liegenschaft aussehen könnte – ob inner- oder ausserhalb der Stiftung», sagt Ackermann.
Ob es noch ein offizielles Abschiedsfest geben wird, ist noch offen. «Selbstverständlich sind wir uns aufgrund der Geschichte des Reithofs der Verantwortung bewusst, dass wir das gebührend ehren werden. Wir werden sicher nicht einfach die Lichter löschen.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Bodensee Nachrichten» erschienen.








