«Gewalt alltäglich»: Immer mehr Schweizer Juden verstecken Identität
Antisemitische Vorfälle haben seit dem 7. Oktober 2023 deutlich zugenommen. Besonders betroffen ist die Westschweiz mit einem Höchststand im Jahr 2025.

Das Wichtigste in Kürze
- Antisemitische Vorfälle in der Schweiz haben seit der Hamas-Attacke am 7. Oktober 2023 zugenommen.
- In der Westschweiz registrierte Cicad 2025 einen neuen Höchststand.
- Die Deutschschweiz und weitere Landesteile verzeichneten 177 Vorfälle.
Drei Jahre nach den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 hat sich die Sicherheitslage der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz verschlechtert. In der Westschweiz erreichten antisemitische Vorfälle einen neuen Höchststand, wie die Anti-Diffamierungsorganisation Cicad mitteilte.
Ein Bericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) zeigt: In der Deutschschweiz, der italienischen und der rätoromanischen Schweiz wurden 2025 177 antisemitische Vorfälle verzeichnet.
Westschweiz ist stärker betroffen
Johanne Gurfinkiel, Generalsekretär der Cicad (Coordination intercommunautaire contre l'antisémitisme et la diffamation), stellt zudem fest: Die Westschweiz ist stärker betroffen als die Deutschschweiz.
Auch wenn die Zahlen für 2026 noch nicht konsolidiert seien, bleibe der Trend stabil und die Sorgen bestünden weiterhin. Das sagte Gurfinkiel auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Im Jahr 2025 registrierte die Organisation in der Westschweiz 2438 antisemitische Handlungen. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2003.
Die grosse Mehrheit, 91,8 Prozent, fand im Internet und in den sozialen Netzwerken statt. Bei einem Fünftel der Taten wurde der Holocaust geleugnet.
Antisemitismus verändert den Alltag
Dieser Anstieg des Antisemitismus habe sehr konkrete Auswirkungen auf den Alltag. Der sei für einen Teil der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger «sehr schwierig» geworden, fuhr er fort.
Manche Juden verzichteten darauf, religiöse Symbole zu tragen, mieden bestimmte Orte oder verschwiegen ihre Identität. Solche Situationen seien dem Cicad regelmässig gemeldet worden.
«Es gibt Situationen in der Schule, in denen Kinder gezielt angegriffen und beleidigt werden. Einige werden zur Zielscheibe, nur weil sie als Jüdinnen oder Juden identifiziert wurden», berichtete Gurfinkiel.
Andere hätten ihr Judentum in der Schule nie gezeigt. Diese Situationen habe es schon immer gegeben, aber sie hätten zugenommen. Die Lage habe sich verschlechtert.
Vorfälle reichen bis zu schwerer Gewalt
Die Vorfälle reichen von Beleidigungen an Schulen bis hin zu schwerer Gewalt: In einem Genfer Fitnessstudio besprühte ein Schüler einen Jungen mit seinem Deodorant und drohte, ihn «wie alle Juden zu vergasen». Dies berichtete Cicad.
In Davos löste die Weigerung eines Geschäftsinhabers, Sportausrüstung an jüdische Kunden zu vermieten, einen Skandal aus. Dieser sorgte über die Schweizer Grenzen hinaus für Aufsehen.
Im März 2024 stach ein radikalisierter 15-Jähriger in Zürich 17-mal auf einen orthodoxen Juden ein.
Auch jüdische Institutionen stehen wegen erhöhter Gefährdung unter verstärkter Überwachung. So etwa die Synagoge in La Chaux-de-Fonds NE, die seit Anfang des Jahres videoüberwacht wird.
«Juden sind nicht die Sprecher der israelischen Regierung»
«Die Gewalt gegen Juden ist alltäglich geworden», fasste Gurfinkiel zusammen. Für die Cicad könne die Lage im Nahen Osten diese Entwicklung nicht rechtfertigen.
«Es gibt keinen Vorwand für Antisemitismus», betonte ihr Generalsekretär, der auch einen Mangel an Prävention und öffentlicher Reaktion beklagte.
Kritik an der israelischen Politik sei legitim, wie die an jeder Politik. Sie dürfe sich aber nicht in eine kollektive Anschuldigung gegen alle Juden verwandeln, betonte er. «Juden sind nicht die Sprecher der israelischen Regierung.»













