Games, Tiktok und Co: Handy kann ADHS-Symptome «wecken»
Das Smartphone ist ein wichtiges Kommunikationsmittel – doch es birgt auch ordentlich Suchtpotenzial. Mit verheerenden Auswirkungen auf die Psyche.

Das Wichtigste in Kürze
- Intensive Handy- und Internetnutzung kann ADHS-Symptome deutlich verschlimmern.
- Sie kann sogar dazu führen, dass Personen ohne ADHS ähnliche Symptome entwickeln.
- Eine Expertin erklärt, wann die Alarmglocken läuten müssen.
ADHS-Abklärungen boomen, immer mehr Medikamente werden dafür verschrieben und auch die Zahl der Erwachsenen, die eine Diagnose erhalten, nimmt zu.
Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Einerseits hat das gesellschaftliche Bewusstsein zugenommen – mehr Menschen sind Anzeichen von ADHS bekannt. Heisst: Die Zahl der Betroffenen, die sich auch wirklich eine Diagnose holen, nimmt zu.
Doch es gibt auch Faktoren, die Symptome tatsächlich verschlimmern und damit bemerkbarer machen können.
Einer davon: Das Handy. Süchtig machende Games und Social-Media-Algorithmen können gerade für ADHS-Betroffene verheerende Auswirkungen haben.
Davor ist aber niemand sicher. Intensive Handynutzung kann sogar dazu führen, dass Personen, die kein ADHS haben, ähnliche Symptome entwickeln.
Nachfrage nach ADHS-Abklärungsterminen gross
Wie verbreitet Konzentrationsschwierigkeiten und Co. sind, zeigt sich an der Klinik der Zürcher Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
Wie Direktorin Susanne Walitza zu Nau.ch sagt, ist die Nachfrage nach ADHS-Abklärungsterminen dort seit über 15 Jahren hoch. In diesem Zeitraum hat sie sich sogar noch leicht erhöht.
Dass sich Social Media, Games und andere digitale Medien direkt auf die Nachfrage nach ADHS-Abklärungen auswirken, ist zwar nicht bestätigt. Es ist jedoch naheliegend – denn bekannt ist inzwischen: Intensive Handynutzung kann verheerende Folgen für ADHS-Betroffene, aber auch für Personen ohne ADHS haben.
Wenn erst das Handy ADHS-Leidensdruck auslöst
Die Psychiaterin bestätigt: «Eine intensive oder ungünstige Nutzung von Handy und Internet kann bestehende, zuvor wenig auffällige ADHS-Symptome verstärken.»
Heisst: Auch jemand, der nicht weiss, dass er ADHS hat und kaum einen Leidensdruck verspürt, kann erst durch Handynutzung Probleme bekommen.

Und ausgerechnet Menschen mit unbehandeltem ADHS haben ein erhöhtes Risiko, eine problematische Mediennutzung zu entwickeln, wie Walitza erklärt.
«Zudem gibt es Hinweise darauf, dass eine Behandlung von ADHS dazu beitragen kann, eine exzessive Nutzung digitaler Medien zu verringern.»
Doch ab wann wird das Nutzungsverhalten überhaupt schädlich?
Wenig Schlaf, Mühe, aufzuhören: Die Alarmzeichen
Susanne Walitza erklärt: «Handy- und Internet-Nutzung kann problematisch werden, wenn man Alltags- und Freizeitaktivitäten immer häufiger vernachlässigt, weniger schläft und es schwerfällt, aufzuhören.»
ADHS-Symptome können sich laut der Expertin zudem verstärken, wenn sich «das Aufhören unangenehm anfühlt oder kaum auszuhalten» sei.
«Ein solches Medienverhalten kann mit einer Zunahme von ADHS-Symptomen, insbesondere von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen, in Zusammenhang stehen.»
Brisant: Es kann auch Personen treffen, die kein ADHS haben – nicht nur solche, die nichts davon wissen oder Diagnostizierte.
Psychiaterin Susanne Walitza sagt: «Beispielsweise treten bei intensiver Nutzung digitaler belastender Inhalte verstärkt Angst- und depressive Symptome auf, die bei ADHS gehäuft sind.»
Gewalt-Videos und unrealistische Schönheitsideale bergen grosse Risiken
Ausschlaggebend scheine dabei weniger die Dauer des Mediengebrauchs, sondern die Art und Weise der Nutzung.
Ein erhöhtes Risiko bergen Nutzungsverhalten, die dazu führen, dass sich Jugendliche ständig mit unrealistischen Schönheitsidealen vergleichen. Also beispielsweise, wenn eine 13-Jährige auf Instagram regelmässig Videos von extrem dünnen Models schaut.

Problematisch ist laut der Expertin auch die Konfrontation mit gewalttätigen oder verstörenden Inhalten. «Solcher Medienkonsum kann psychische Belastungen verstärken.»
Betroffen sind aber nicht nur Kinder und Jugendliche. Susanne Walitza gibt zu bedenken: «Es gibt in allen Altersgruppen einen Zusammenhang zwischen exzessivem Social-Media-Konsum und Aufmerksamkeitsproblemen.»
Expertin fordert Medien-Bildung statt Verbote
Die Expertin warnt aber davor, Handy, Videospiele und soziale Medien aufgrund dieser Risiken zu verteufeln. Die modernen Medien bieten nämlich auch viele Vorteile.
«Viele Jugendliche berichten, dass digitale Medien oder Gaming ihnen helfen, sich zu vernetzen oder sich vom Schul- und Ausbildungsstress abzulenken.»
Statt zu verbieten, sei es darum wichtig, Medienkompetenz zu fördern und die Rahmenbedingungen zu verbessern, damit Mediennutzung weniger Stress auslöst.













