«Erfahrung muss als strategischer Erfolgsfaktor gelten»
Das Thema Arbeitslosigkeit 50+ bewegt im Kanton Thurgau. Daniel Wessner, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit, stellt sich im Interview den Fragen.

Das Thema Arbeitslosigkeit 50+ bewegt. So sehr, dass sich viele Leserinnen und Leser dazu veranlasst sahen, ihre Meinung mit der Redaktion zu teilen.
Wie aber sieht der Kanton Thurgau die ganze Sache? Daniel Wessner, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit, stellt sich im Interview den brennendsten Fragen.
Redaktion: Arbeitslosigkeit 50+ ist ein Thema, von dem anscheinend immer mehr Menschen betroffen sind. Haben auch sie diese Feststellung gemacht? Und wie wirkt sich dieser Trend auf die Arbeitslosigkeit allgemein aus?
Daniel Wessner: Diese Feststellung ist korrekt. Im August 2026 waren im Kanton Thurgau 1116 Personen zwischen 50 und 64 Jahre als arbeitslos gemeldet. Gleichzeitig machen im Thurgau sowie in der gesamten Schweiz Personen ab 50 Jahren rund einen Drittel der gesamten Erwerbsbevölkerung aus.
Durch den demografischen Wandel und das Ausscheiden der geburtenstarken «Babyboomer»-Generation gewinnt diese Altersgruppe massiv an Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Ältere Arbeitnehmende verlieren ihre Stelle zwar nicht grundsätzlich häufiger als jüngere. Wenn sie aber arbeitslos werden, dauert die Stellensuche deutlich länger.

Studien zeigen, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen Bewerber über 55 grundsätzlich nicht mehr berücksichtigt. Die Gründe sind: angeblich geringe Flexibilität, hohe Löhne und Sozialversicherungskosten sowie Angst vor Krankheitsausfällen. Übersehen wird dabei, was Erfahrung tatsächlich bedeutet: Belastbarkeit, gewachsene Netzwerke, Loyalität – und das Wissen, wie man schwierige Situationen und Krisen meistert.
Für den gesamten Arbeitsmarkt ist das eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite wird über Fachkräftemangel gesprochen, auf der anderen Seite bleiben viele erfahrene Menschen dem Arbeitsmarkt unfreiwillig fern.
Redaktion: Im Kanton Thurgau gebe es viele Programme, die bestimmten Gruppen bei der Stellensuche unter die Arme greifen würden, jedoch nichts Konkretes in Bezug auf die Gruppe 50+, sagen einige Betroffene. Wieso ist das so? Und wird sich daran etwas ändern?
Wessner: Im Thurgau gibt es spezifische Angebote für ältere Stellensuchende. Im Rahmen des bundesweiten Impulsprogramms wurde im AWA das Projekt «Integrationsberatung 50+» umgesetzt. Ziel war eine intensivere Beratung und Vermittlung älterer Stellensuchender.
Das AWA unterstützt zudem Unternehmen finanziell, die älteren Stellensuchenden eine Chance geben. Förderprogramme und Einarbeitungszuschüsse setzen gezielte Anreize, das vorhandene Potenzial zu nutzen. Auch Weiterbildungen bei den Arbeitsmarktlichen Massnahmen, der Jobmarkt Thurgau und BIZ+ sind Angebote, welche die Gruppe 50+ bei der Stellensuche unterstützen.
Redaktion: Im Artikel «50plus und auf Stellensuche» auf der Webseite karriere-thurgau.ch wird auf das Impulsprogramm und den Pilotversuch «Supported Employment» hingewiesen. Ist hier im Thurgau schon etwas davon zu spüren?
Wessner: Der Pilotversuch «Supported Employment» richtete sich insbesondere an Personen über 50, die kurz vor der Aussteuerung standen. Dabei stand eine intensive Begleitung mit dem Ziel einer nachhaltigen Wiedereingliederung im Vordergrund. Die Bundesmassnahme ist inzwischen abgeschlossen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Ansätze verschwinden. Im Gegenteil: Die Evaluation zeigt, dass gerade Job Coaching und eine intensivere, auf die individuelle Situation abgestimmte Beratung erfolgreich sind. Diese Erkenntnisse fliessen bereits heute in die Weiterentwicklung der Arbeitsvermittlung ein.
Redaktion: Die im gleichen Artikel angesprochenen Tipps sind hilfreich, nur kommen sie häufig gar nicht zum Tragen, da die meisten Bewerbungen es nicht über die «digitale Hürde» schaffen und mit einer automatischen Absage beantwortet werden. Was kann man konkret gegen diese bedenkliche Entwicklung tun? Als Stellensuchender aber auch aus staatlicher Sicht? Gehört da nicht ein Riegel vorgeschoben oder zumindest eine Regulierung eingeführt?
Wessner: Ein Verbot solcher Systeme ist aus AWA-Sicht nicht der richtige Weg und auch nicht realistisch. Die Digitalisierung von Bewerbungsverfahren ist eine Tatsache.
Für Stellensuchende bedeutet das zunächst: Bewerbungsunterlagen gezielt auf das konkrete Stelleninserat ausrichten. Die im Inserat verwendeten Fachbegriffe aufnehmen, sofern sie tatsächlich zur eigenen Erfahrung passen. Nicht ausschliesslich über Online-Portale Bewerbungen verschicken.
Persönliche Kontakte, Netzwerke, ehemalige Arbeitgebende und direkte Kontakte zu Unternehmen stärker nutzen. Die eigene Erfahrung und das Alter nicht als Defizit darstellen, sondern als konkreten Mehrwert.
Politik und Wirtschaft verlangen ein höheres Rentenalter. Realistisch ist das jedoch nur, wenn der Arbeitsmarkt alle Menschen mitnimmt. Dafür braucht es eine Revision der Pensionskassen, steuerliche Anreize für Doppelverdiener, flexible Arbeitsmodelle – und vor allem ein Umdenken in den Köpfen von HR-Verantwortlichen und Entscheidungsträgern.
Erfahrung darf kein Makel sein, sondern muss als strategischer Erfolgsfaktor gelten. Unternehmen, die ältere Mitarbeiter fördern, handeln nicht aus Sozialromantik, sondern aus ökonomischer Weitsicht. Viele Unternehmen haben bis jetzt aber den Nachweis nicht erbracht, dass sie es mit der Beschäftigung von älteren Mitarbeitenden wirklich ernst meinen.
Redaktion: «Das sind Taschenspielertricks. Die haben überhaupt nichts mit den eigenen Kompetenzen zu tun, sondern nur mit der Überlistung des Systems», meint Karsten Schröder, wenn er an gewisse Tipps von Experten für Bewerbungen denkt. Müssen Online-Bewerbungen heute tatsächlich so präpariert werden, dass sie irgendwie durch die Maschen des durch KI aufgebauten Aussortierungsnetzes fallen?
Wessner: Nein, Online-Bewerbungen sollten nicht mit verstecktem Text oder ähnlichen Tricks präpariert werden. Solche Methoden haben mit den tatsächlichen Kompetenzen nichts zu tun. Sie täuschen zwar automatisierte Systeme, können aber bei einer menschlichen Prüfung sogar als Manipulationsversuch wirken.
Sinnvoll ist vielmehr, das Bewerbungsdossier klar und wahrheitsgemäss zu gestalten: Relevante Begriffe (sogenannte Keywords) aus der Stellenbeschreibung verwenden, sofern sie die eigenen Erfahrungen tatsächlich beschreiben. Konkrete Leistungen und Resultate nennen, statt nur Schlagwörter aufzuzählen. Einfache, gut strukturierte Layouts und gängige Dateiformate nutzen.
Keine wichtigen Informationen in Kopf- und Fusszeilen verstecken. Den Lebenslauf auf die konkrete Stelle ausrichten, ohne Fähigkeiten vorzutäuschen. Und auch hier gilt mein Appell an die HR-Leute: Technik darf die Auswahl unterstützen, aber nicht die menschliche Beurteilung ersetzen.
Redaktion: Mehrmals wurde mir die Meinung mitgeteilt, dass es keinen Fachkräftemangel gebe, sondern nur Mangel an Fachkräften, die unter 50 sind. Was sagen Sie zu dieser Behauptung?
Wessner: Wir haben in vielen Branchen keinen eigentlichen Mangel an Fachkräften, wir haben einen Mangel an Mut. Mut, älteren Mitarbeitern etwas zuzutrauen. Mut, in Weiterbildung zu investieren, statt Vorurteile zu pflegen.
Und Mut, Erfahrung als strategischen Vorteil zu begreifen. Stattdessen verlassen sich viele Unternehmen auf die Zuwanderung. Die Schweiz braucht zwar internationale Fachkräfte, muss aber gleichzeitig das vorhandene inländische Potenzial besser ausschöpfen.
Gerade bei über 50-Jährigen liegt sehr viel berufliche Erfahrung, Branchenwissen, Netzwerk und Problemlösungskompetenz.
Redaktion: Was ist der wichtigste Tipp, den Sie Betroffenen auf dem Weg zu einer neuen Arbeitsstelle geben können?
Wessner: Kontakte aktivieren, ehemalige Kolleginnen und Kollegen ansprechen, Unternehmen direkt kontaktieren, Netzwerke nutzen und die eigene Erfahrung klar als Vorteil positionieren. Gleichzeitig sollte man offen bleiben für lebenslange Weiterbildung und neue Arbeitsmodelle.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.












