400 Bewerbungen! Thurgauer (54) findet seit zwei Jahren keine Stelle
Trotz über 400 Bewerbungen sucht Marco Tinbergen seit zwei Jahren vergeblich eine Stelle. Der 54-Jährige spricht über die Hürden für Arbeitssuchende über 50.

Marco Tinbergen sucht seit zwei Jahren nach einer neuen Stelle. Trotz über 400 Bewerbungen ist es dem 54-Jährigen nicht gelungen, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.
Der Frust des arbeitswilligen Hotelfachmanns grenzt mit der drohenden Aussteuerung an Hoffnungslosigkeit. Darum will er nun die Probleme ansprechen, die über 50-Jährige auf der Stellensuche erwarten.
Obwohl überall die Rede von Fachkräftemangel ist und teilweise schon von Arbeitskräftemangel gesprochen wird, gibt es viele gut ausgebildete, erfahrene und arbeitswillige Menschen, die einfach keinen Job finden können. Viele von ihnen teilen ein «Problem», das in der heutigen Zeit immer häufiger ein «Nichtanstellungsgrund» zu sein scheint: Das Alter.
Vor einem Monat traf in der Redaktion eine Mail von Marco Tinbergen aus Amriswil ein, in der er auf seine Erfahrungen hinwies, die er als Stellensuchender «über 50» gemacht hat. Er stellte auch die Frage, ob es nicht ein interessantes Thema für einen Artikel wäre, denn gehe es nicht nur ihm so, sondern würden viele in seinem Alter beim Jobverlust eine ähnliche Situation antreffen: «Ich bekomme nirgendwo eine Chance, mich zu beweisen.»

Wenn man innerhalb von einer Stunde eine Absage auf eine Bewerbung erhält, die von den Worten «nach gründlicher Prüfung» begleitet wird, dann weiss man sofort, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Gleiches gilt für Absagen, die um 3 Uhr nachts oder am 25. Dezember im digitalen Postfach landen.
Doch es sind nicht nur Erfahrungen wie diese, die Marco Tinbergen aus Amriswil während seiner bereits zwei Jahre dauernden Stellensuche stutzig machten: «Heute musst du für alles einen Bachelor haben. Und einen solchen Abschluss gab es bei uns früher überhaupt noch nicht.»
Dass Bewerbungen erst einmal von einem Computer geprüft werden, ist kein neues Phänomen. Seit gut 20 Jahren sei dies vor allem bei grösseren Unternehmen Standard. Doch in den letzten Jahren habe sich die Situation nochmals stark verändert, meint der 54-Jährige gebürtige Holländer, der seit 26 Jahren die Schweiz seine Heimat nennt:
«Bevor heute überhaupt ein Mensch die Bewerbungsunterlagen prüft, müssen bereits unzählige digitale Hürden überwunden werden. Grosse Unternehmen machen das schon lange so, doch mittlerweile ist es auch schon bei kleinen der Fall.»
Immer mehr «Diplömli-Denken»
Was bei solchen digitalen Auswahlverfahren vor allem ins Gewicht fällt, sind Ausbildungen und Diplome. Und obwohl er in Holland eine Ausbildung zum Hotelfachmann und er viele zusätzliche Weiterbildungen auf verschiedenen Jobs im gastronomischen und kaufmännischen Bereich gemacht hat, würde das alles heute nichts mehr zählen, sagt Marco Tinbergen:
«Ausbildungen und Diplome haben sich in den letzten Jahrzehnten extrem verändert. Darum kann unsere Generation diese Diplome gar nicht haben.»
Er habe über 400 Bewerbungen geschrieben und sei nur vier Mal zu einem Interview eingeladen worden. Ihm sei bewusst, dass trotz Coaching seine Bewerbungsschreiben und Unterlagen nicht makellos sind, doch die Absagen könnten unmöglich alle nur an ihm alleine liegen.
Und auch bei den Interviews habe es leider bisher einfach nicht klappen wollen: «Ob es an den fehlenden Diplomen, dem Arbeitsweg, meinem Alter oder dem Bauchgefühl lag, kann ich bei bestem nicht sagen.»
Doch die fehlenden Diplome seien definitiv ein riesiges Problem in einer digitalisierten Welt, ergänzt der Amriswiler: «Meine Kritik richtet sich darum vor allem gegen das ‹Diplömli-Denken›. Denn ein Diplom sagt nichts darüber aus, ob du deine Arbeit gut machst oder nicht.»
Er habe in Führungspositionen selbst schon Dutzende Menschen eingestellt, die kein Diplom hatten, aber diesen Mangel durch andere Fähigkeiten wettgemacht hätten. Nur scheinen solche Qualitäten «von der alten Schule» heute nicht mehr viel zu zählen.
Ein bekanntes Problem
«50 plus und arbeitslos» – das ist in der heutigen Zeit keine Seltenheit. Darum ist das Phänomen auch dem kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit bestens bekannt. In Betroffenen würde aufgrund der längeren Suchzeiten häufig ein Gefühl der Perspektivlosigkeit aufkommen, heisst es im Artikel «Arbeitslos mit 50+» auf der Webseite des Amts:
«Oft sind es nicht die fehlenden Qualifikationen, die den Wiedereinstieg erschweren, sondern vielmehr altersbedingte Vorurteile. Arbeitgeber fürchten, ältere Mitarbeitende könnten weniger flexibel oder nicht mehr lernbereit sein, dabei ist häufig das Gegenteil der Fall.»
Genau dies trifft nach eigener Aussage auf Marco Tinbergen zu: «Ich bin flexibel und für alles offen. Ich habe auch kaufmännische Erfahrung, lerne gern Neues und bin auch IT-mässig ‹up to date›.»
Er sei mittlerweile auch schon so weit, dass er sich für Stellen bewerbe, für die er eindeutig überqualifiziert sei. Denn so lange arbeitslos zu sein, sei frustrierend: «Man fühlt sich wertlos und abserviert, als ob einem die Decke auf den Kopf fällt.»
Er sei ständig auf Stellensuche, vom frühen Morgen bis am späten Abend. Und deshalb müsse er auch alle fünf Minuten seine Mails und mehrmals täglich die Stellenportale checken, um sicherzugehen, dass er nicht eine potenzielle Stelle für ihn verpasse:
«Es gibt sicher Menschen beim RAV, die nicht arbeiten wollen und Bewerbungen nur pro forma schreiben. Doch so bin ich nicht, denn ich will arbeiten.»
Ein weiteres Problem, dass sich Arbeitslosen wie ihm stellen würde, sei ein zu langer Arbeitsweg. Doch das Problem sei nicht eine lange Anfahrtszeit an sich – zumindest nicht bei ihm: «Mit einer Stunde Arbeitsweg muss man heute rechnen. Denn wir leben nicht mehr in einer Welt, in der man gleich um die Ecke Arbeit findet.»

Das Problem sei das Ampelsystem der Stellenausschreiber, bei welchem man sofort aus der Wahl falle, wenn man einen langen Arbeitsweg habe, ist Marco Tinbergen überzeugt: «Die wollen von ihren künftigen Angestellten keine zusätzliche Belastung durch den Arbeitsweg erhalten.»
Dies führe zu einer Diskrepanz zwischen Gesetzgebung und Wirtschaft. Denn während bei der Arbeitsvermittlung darauf gepocht werde, sich auch ausserregional zu bewerben, würden die Chancen auf eine Anstellung mit jedem Dutzend Kilometer mehr Arbeitsweg automatisch sinken.
Erfahrung weitergeben
Dass Berufserfahrung heute vielerorts nicht mehr den Stellenwert wie früher hat, ist unbestreitbar. Dass sie jedoch anscheinend im Bewerbungsprozess kaum mehr von Bedeutung ist, ist bedenklich. Denn Marco Tinbergen ist nicht der Einzige, der mit einer solch ausweglos scheinenden Situation konfrontiert ist:
«Der Fachkräftemangel ist mittlerweile eine Lüge. Denn ich kenne noch viele andere Menschen in meinem Alter, die im gleichen Boot sitzen und sich zu Tode bewerben – teilweise sogar Top-Führungskräfte mit entsprechenden Diplomen.»
Dass ältere Menschen einen Arbeitgeber mehr Kosten würden als frisch Ausgebildete sei ein Fakt. Doch die Älteren hätten dafür einen Mehrwert zu bieten, denn seien sie die Begleiter, die aus Arbeitern die Fachkräfte der Zukunft machen:
«Denn im Berufsleben ist es wie beim Autofahren: Gut Auto zu fahren braucht Zeit und darum lernt man es erst richtig, wenn man den Führerschein schon längst im Sack hat.»
Er habe 35 Jahre breit gefächerte Erfahrung in verschiedenen Bereichen, die er gerne an die nächste Generation weitergeben wolle. Nach Jahren ohne Erfolg sei seine Situation mittlerweile so belastend, dass er nahezu jede passende Tätigkeit annehmen würde, solange sie sich mit dem Familienalltag und seiner Rolle als Vater eines elfjährigen Sohnes vereinbaren lasse.
Doch dieser Schritt an die Öffentlichkeit sei in erster Linie ein Versuch, ein Thema anzusprechen, das in unserer Gesellschaft immer mehr zu einem Problem zu werden scheint, meint Markus Tinbergen: «Sollte ich dadurch auch eine Chance erhalten, mich zu beweisen, dann wäre dies natürlich das Tüpfelchen auf dem i.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.








