«Die Chikungunya-Fälle im Tessin sind ein Weckruf für die Schweiz»
Im Moment sei die vom Chikungunya-Virus ausgehende Gefahr für die Bevölkerung gering, sagt der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. In Zukunft müsse sich die Schweiz aber wappnen.

Keystone-SDA: Giorgio Merlani, wann wurden die vier vom Chikungunya-Fieber Betroffenen positiv getestet?
Giorgio Merlani: «Mitte Oktober konnte das Chikungunya-Virus im Blut der Erkrankten nachgewiesen werden. Eine der vier Personen hatte bereits im August Symptome, die auf das Virus passen, liess sich jedoch nicht testen. Als im Oktober der Arzt zwei andere positive Fälle von Chikungunya-Virus vor sich hatte, erinnerte er sich an diesen Fall und testete auch diese Person.»
Wie kommt das? Haben alle denselben Arzt?
Merlani: «Zwei der vier Erkrankten sind miteinander verwandt. Die anderen beiden wohnen in der Nähe.»
Wie geht es den vier Erkrankten inzwischen? Mussten sie hospitalisiert werden?
Merlani: «Es geht zum Glück allen vier recht gut. Ins Spital mussten sie nur für Abklärungen. Zwei von ihnen hatten vor allem den typischen Hautausschlag, die anderen beiden litten vor allem an Gliederschmerzen.»
Rechnen Sie damit, dass in den kommenden Wochen weitere lokal übertragene Fälle auftreten?
Merlani: «Nein, damit rechne ich im Moment nicht. Aber man soll nie «nie» sagen. Es sind derzeit nur noch wenige Mücken unterwegs. Ausserdem haben wir im Wohngebiet der Betroffenen in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule der italienischen Schweiz SUPSI eine Substanz in die Umgebung gesprüht, welche erwachsene Tigermücken tötet. Zudem wurde bisher im Tessin keine einzige Tigermücke positiv auf das Chikungunya-Virus getestet.«
Ist es möglich, mit einer lokal versprühten Substanz die betreffenden Mücken zu erwischen?
Merlani: «Ja, das ist sehr effizient, denn eine Tigermücke fliegt maximal rund 100 Meter weit in ihrem ganzen Leben. Mit dieser Massnahme und dem anbrechenden Winter ist im Moment das Risiko, am Chikungunya-Virus zu erkranken, gering. Aber für die Zukunft sieht es anders aus. Wir müssen uns wappnen. Die vier Fälle im Tessin sind ein Weckruf für die Schweiz.»
Welche Massnahmen sind künftig aus Ihrer Sicht nötig?
Merlani: «Neben den üblichen, individuellen Präventionsmassnahmen gegen die Vermehrung der Tigermücke müssen auch die Gemeinden ihre Verantwortung wahrnehmen. Im Tessin arbeiten einige bereits mit der SUPSI zusammen und lassen sterile Tigermückenmännchen aussetzen. Daneben werden unter der Leitung der SUPSI auch die Larven der Tigermücken bekämpft. Zahlreiche, über den ganzen Kanton verteilte Eiablagefallen kartieren zudem Dichte, Aktivitätszeiträume und Ausbreitungsmuster der Mücken. Das alles hat sich als effizient erwiesen. Aber auch bei Einreisenden aus Gebieten mit vielen Chikungunya-Virus-Fällen ist Vorsicht geboten.»
Was sollte da unternommen werden?
Merlani: «Werden Ferienreisende positiv auf das Chikungunya-Virus getestet, müssen sie sich so bedecken, dass keine Tigermücke sie stechen kann. Denn die Mücken geben das Virus nach rund einer Woche an andere Personen weiter.»
Ist das Tessin einmal mehr eine «Eintrittspforte» für ein neues Virus?
Merlani: «Nicht unbedingt, auch in der Deutsch- und Westschweiz sind Tigermücken vorhanden. Die vier Fälle im Tessin stellen einen sehr begrenzten Infektionsherd dar. Aber das Virus wird zurückkommen und wir werden grössere Infektionsherde haben. Wichtig ist, dass wir in gesamtschweizerisch darauf vorbereitet sind.»
Die Tessiner Gesundheitsbehörden haben gemeinsam mit der SUPSI und dem Bundesamt für Gesundheit BAG ein Überwachungsprogramm für das West-Nil-Virus lanciert. Ziel ist es, das Risiko neuer Fälle des West-Nil-Virus zu verringern, das Institut für Mikrobiologie der SUPSI fungiert als nationales Kompetenzzentrum. Sollte der Bund noch mehr unternehmen?
Merlani: «Der Bund sollte, wenn möglich, Präventionsmassnahmen gegen die Tigermücke unterstützen. Künftig könnten auch Fälle von Dengue-Fieber auftreten. Diese Krankheit würde mir mehr Sorgen machen als das Chikungunya-Fieber. Die Erstinfektion verläuft beim Dengue-Fieber meist mild, aber die Zweitinfektion kann durchaus gefährlich sein.»










